Zeitung Heute : Zehn Millimeter Perspektive

Hinter den wenigen Zeilen einer Kleinanzeige kann sich ein Traumjob verbergen, aber auch ein Albtraum. Wie erkennt man das?

Regina-C. Henkel

„25 000 Euro monatlich erscheinen Ihnen unseriös? Dann rufen Sie nicht an!“ Mit diesem Text wirbt eine Kleinanzeige um Interessenten. Und der Inserent klotzt lieber als zu kleckern – zumindest, was das in Aussicht gestellte Einkommen betrifft. Wer sich hinter der zehn Millimeter kleinen Offerte verbirgt und um was für einen Job es sich handelt, erfährt der Leser nicht.*

Schade eigentlich, denn Kleinanzeigen in den Stellenmärkten der Tages- und Wochenzeitungen, in Stadtmagazinen und Online-Börsen sind eigentlich eine gute Sache. Als eine Art Jahrmarkt für Arbeit begegnen sich hier Angebot und Nachfrage auf überschaubarem Raum. Job-Anbieter wie auch Job-Bewerber haben hier für nur wenige Euro die Möglichkeit, ihre Wünsche einer breiten Öffentlichkeit kund zu tun.

Und es funktioniert eigentlich auch recht gut. Wären da nicht die „Traumjob“-Angebote, die ein fantastisches Einkommen für überraschend wenig Leistung versprechen – aber am Ende wenig oder gar nichts halten. Das ärgert nicht nur die jobsuchenden Leser, sondern stört auch auch Arbeitgeber, Arbeitsvermittler und Verbraucherschützer.

Denn grundsätzlich sind Stellenangebote in Form einer Kleinanzeige eine gute Sache. Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Allensbach (IfD) ermuntert Arbeitgeber insbesondere zu Kleinanzeigen in den Printmedien, denn die Suche im Internet setze immer ein gezieltes Interesse voraus. Köcher: „Im Internet werden Sie jedoch nicht diejenigen erreichen, die gut gestellt sind und sich in ihrer Position eigentlich wohl fühlen und vielleicht doch geneigt wären, bei entsprechendem Angebot den Job zu wechseln.“ Diese Leute würden von den Zeitungen dagegen sehr wohl erreicht.

Und tatsächlich: Zeitungen sind weiterhin erste Wahl, wenn es um das Thema Stellensuche geht. Nach wie vor nutzen 86 Prozent aller Berufstätigen zwischen 18 und 50 Jahren Printmedien, um neue Jobs zu finden. Zu diesem Ergebnis kam gerade eine Emnid-Umfrage im Auftrag des Online-Portals www.jobware.de. Freiberufler und mittelständische Betriebe, die nach einem Buchhalter, einem Handwerksgesellen oder einem Allroundtalent für die Arbeiten im Sekretariat suchen, nehmen die Chance einer Kleinanzeige besonders gerne wahr. Sie können oft auch in wenigen Druckzeilen deutlich machen, was sie suchen – und was sie bieten. Ein Restaurant am Kurfürstendamm beispielsweise fand gerade mit einem knapp gehaltenen Jobangebot „Servicekräfte mit mehrjähriger Erfahrung in gehobener à la carte Gastronomie“ die exakt passenden Bewerber: Die Resonanz von geeigneten Kandidaten war so groß, dass die Stelle umgehend besetzt werden konnte.

Kein Wunder, dass Jobofferten im Miniformat so beliebt sind – und von den Trägermedien auch ernst genommen werden – nicht nur als Umsatzbringer. Zum Stellenmarkt bei überregionalen Tageszeitungen, der im vergangenen Jahr etwa 10,7 Prozent des gesamten Anzeigenaufkommens ausmachte, tragen Mini-Anzeigen zwischen 15 und 40 Prozent bei. Bei Stadtmagazinen und Online-Jobbörsen tendiert der Anteil gegen 100 Prozent.

Von Qualitätszeitungen werden Kleinanzeigen vor allem als Service für den Leser verstanden und dazu gehört auch, dass schwarze Schafe unter den Inserenten möglichst von vornherein aussortiert werden. Auf dem Index steht alles, was Gewalt verherrlicht und gegen den Jugendschutz verstößt. Zahlreiche Zeitungen, wie etwa der Tagesspiegel, lehnen auch Anzeigen ab, die mehr oder weniger offensichtlich zur Prostitution auffordern. Die Online-Anbieter haben sogar einen Verein „Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Dienstleister“ (FSM) gegründet, dem unter anderen auch der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger angehört. An dessen Beschwerdestelle kann man sich online wenden.

Eine Gewähr für 100 Prozent-Seriosität kann nämlich kein Medienhaus geben: „Die Schwierigkeit besteht darin, die Absicht hinter den Worten zu erkennen“, erläutert die Leiterin einer Marketing Service-Agentur, bei der 40 Mitarbeiter mit der Erfassung und Bearbeitung von Inseraten und Anzeigen aller Art beschäftigt sind. Nicht nur, dass diesen Fachkräften trotz höchster Konzentration auch mal eine unseriöse Offerte durchflutschen kann. Die Expertin stellt auch die rhetorische Frage: „Wie sollen die Mitarbeiter in der Anzeigenannahme erkennen, ob die Offerte für einen Bürojob eigentlich dazu dienen soll, dass ein einsamer Herr auf diesem Weg mit Frauen ins Gespräch kommt?“

Kann sich der jobsuchende Leser von Kleinanzeigen letztlich also also nur selber schützen? Bernd Roschinzik, Jurist in der Verbraucherberatung Berlin, geht davon aus. Doch wer sich von seinem gesunden Menschenverstand leiten lässt, kann nach Überzeugung des Beratungsexperten die Spreu leicht vom Weizen trennen: „Schauen Sie sich die Anzeige an und fragen sich: Möchte ich bei jemandem arbeiten, der so eine Anzeige schaltet?“ Das freilich ist für manchen Jobsuchenden leichter gesagt als getan. Wer schon länger ohne Arbeit ist und dringend Geld braucht, lässt sich von Formulierungen wie „Arbeiten von zu Hause aus. Bis 12 500 Euro im Monat möglich“ gerne blenden. Dass 0190er- und 0900er-Nummern und alle Telefonverbindungen, die mit zwei Nullen beginnen, zu allererst den Inserenten reich machen, wird angesichts solcher Einkommensperspektiven verdrängt.

Wer es trotzdem nicht sein lassen kann, auf diese Offerten zu reagieren,wird höflich aufgefordert, Namen, Anschrift und Telefonnummer zu hinterlassen. „Wer weiß“, sagt einer, der lieber nicht auf den Anrufbeantworter sprechen wollte, „an wen meine Daten dann weitergeleitet werden.“ Seine Befürchtung war die falsche. Der Inserent ruft tatsächlich zurück und lädt zu einem Meeting in ein Hotel ein. Dort werde ein „Erfolgsmodell“ vorgestellt, mit dem ein US-Konzern angeblich zwei Millionen Dollar Umsatz macht.

Noch viel teurer als mit einer dicken Telefonrechnung kann es werden, wenn sich Arbeitsuchende auf Heimarbeits-Offerten einlassen. Die Erfahrung von Verbraucherschützer Roschinzik: „Oft werden Schutzgebühren dafür verlangt, dass man Arbeitsproben einsendet – etwa Löten oder Adressen schreiben. Tatsächlich besteht aber gar keine Chance, die Vorgaben zu erfüllen.“ Sich zu wehren, bringe auch nicht viel, denn: „Bei 30 oder 40 Euro lohnt es sich nicht, zu klagen. Das wissen auch diejenigen, die solche Anzeigen schalten. Zumal sie sich darauf berufen können, nichts versprochen zu haben.“ Vorsichtig sollten Bewerber demnach vor allem sein, wenn Jobofferten lediglich etwas in Aussicht stellen.

Natürlich kann ein Facharbeiter auf einer Bohrinsel viel Geld verdienen. Doch von einem Umschlag mit Firmenadressen hat ein Jobkandidat nichts. Derlei Jobs werden entweder firmenintern, von Personalberatern, zugelassenen Personalvermittlern oder der Bundesagentur für Arbeit vergeben. Und deren Leistungen sind für den Jobsuchenden grundsätzlich umsonst.

Weitere Infos im Internet unter:

www.meinberlin.de/markt/stellenmarkt/ausgabe.asp, www.bdzv.de, www.jobagentur.de, www.verbraucherzentrale-berlin.de, www.fsm.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar