Zeitung Heute : Zehn Pfund Rhabarber

Der Tagesspiegel

Von Gerhard Mauz

„Sie ging immer vor mir her, und sie war so fett“, sagt der Fuchs auf die Frage, warum er die Gans gefressen habe, bei Friedrich Hebbel, einem Dithmarscher (was für den Kenner die schlaue Antwort des Fuchses erklärt). Mit derart verkleidetem Vorsatz ist Bernhard Servatius nicht auf die Ebene geraten, auf der er heute 70 Jahre alt wird. In einem hässlichen Artikel der „Frankfurter Allgemeinen“ ist ihm 1997 zu seinem 65. Geburtstag nachgesagt worden, dass er ein ausgefuchster Jurist sei, dem das eigene Wohl und Weh am Herzen liege und die Sicherung der eigenen Position. Er verstehe sich auf die Kunst des Seitenwechsels und mehre oder verteidige vor allem seinen Einfluss.

Das war unfair, denn vor allem anderen ist Servatius ein Strafverteidiger, dessen Einsatz für Eva-Maria Mariotti in drei Hauptverhandlungen von 1963 bis 1965 seine Qualität sichtbar machte und ihm einen hochrangigen Platz in der Geschichte des Strafprozesses der Bundesrepublik einbrachte.

Am 28. Juni 1946 wurde Maria Moser, 63 Jahre alt, in ihrer Wohnung in Hamburg ermordet. Das Verbrechen geschah in einer Zeit, die aus den Fugen war. „Hab mit Gott zehn Pfunde Rhabarber eingemacht“, schrieb die Witwe unter dem 27. Mai 1946 in ihr Tagebuch. Sie hatte es sehr mit Gott, aber auch mit dem Schwarzhandel. Unbestritten war Eva-Maria Mariotti ein gern gesehener Gast der Frau Moser, eine vertraute Freundin. Sie wusste um die den Leib erhaltenden Nahrungs- und die das Vertrauen in die Zukunft nährenden Schmuck-, Dollar- und Brillantenvorräte in der Wohnung. Sie geriet zwangsläufig in die Ermittlungen. 1950 wurde der Verdachtsfunke zum Feuer. Denn damals wurde in der Tschechoslowakei ein Mann wegen Mordes an der Witwe Moser verurteilt, der sich zu der Tat bekannte, aber auch behauptete, von der Mariotti zur Tat verleitet worden zu sein. Sie habe an der Tat mitgewirkt.

1961 in Brasilien verhaftet, wurde die Mariotti ausgeliefert. Dreimal saß sie vor Gericht. Zuletzt wurde sie freigesprochen. „Dr. Servatius war der einzige Mensch, an den ich in all den schweren Jahren noch glaubte. Er machte mir immer Mut“, sagte sie danach. Man musste den Freispruch einen Sieg der Gerechtigkeit nennen, denn die Zweifel, die Servatius an der Einlassung des Täters weckte, waren nicht zu widerlegen oder gar auszuräumen.

Es war ein Verlust für die an Begabungen nicht gerade überquellende Strafverteidigung in der Bundesrepublik, als Servatius zu einem der wichtigsten Berater Axel Cäsar Springers und zum Generalbevollmächtigten und Aufsichtsratsvorsitzenden der Axel Springer AG gemacht wurde. Dass er später als Testamentvollstrecker des Verlegers – bis Friede Springer übernahm – die eigene Rolle wichtiger genommen haben soll als die ihm gestellte Aufgabe, ist böse Häme. Es gibt Lasten, die so groß sind, dass man nur dankbar sein kann, wenn sie von einem genommen werden. Servatius hat im Kampf gegen die Versuche Leo Kirchs, seinen Einfluss auszudehnen, eine entscheidende Rolle gespielt. Er setzte auf einen Kurs, der sich jetzt, in diesen Tagen, in denen Kirch von seinen Träumen Abschied nehmen muss, als richtig erweist.

An Auszeichnungen hat es Servatius nicht gefehlt, er hat sogar den Bayerischen Verdienstorden erhalten, mit dem man sich auf bayerischen Gewässern gratis einschiffen darf. Er ist in Stiftungen, Verbänden und Kommissionen tätig gewesen und tätig.

Doch dem Journalisten, der zum 70. Geburtstag von Servatius schreibt und gratuliert, sollte nachgesehen werden, dass er vor allem anderen den Strafverteidiger Servatius vor Augen hat – so, wie er ihn in Sachen Eva-Maria Mariotti, einer wahrhaftig heiklen, schwierigen Mandantin erlebt hat.

Servatius zählt zu den Männern, bei dennen man auf die Frage, ob man ihn kenne, die Antwort Ja bekommen kann und dazu die Gegenfrage, ob man auch seine Frau kenne. Die stille, heitere Ingeborg Servatius ist genau die Ehefrau, die ein lebhafter, mitunter überströmender Mann wie Bernhard Servatius braucht. Ein Ausgefuchster, wie er in der „FAZ“ genannt wurde, konnte er nicht werden. Und, wie gesagt, mit verkleidetem Vorsatz ist er nicht auf die Ebene geraten, auf der er nun lebt – er ist einfach immer Strafverteidiger gewesen und geblieben.

Gerhard Mauz ist Autor des „Spiegel“.

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