Zeitung Heute : Zehn Tage, eine Entscheidung

Nachtschichten, Denkpausen, Verhandlungen: Schering wird verkauft – und bleibt in Berlin

Harald Schumann Ursula Weidenfeld

Wenn Hubertus Erlen von seinem Leben in den vergangenen zwei Wochen erzählt, dann klingt das nach einer Plackerei ohnegleichen. Auch dieses Gespräch am Telefon haben seine Mitarbeiter nur mit Mühe zwischen zwei dringende Termine gezwängt. Seit Tagen ist er kaum eine Minute mal allein, und die Nächte waren stets kurz. Ständig waren Berater um ihn herum, immer wieder gab es Besprechungen im Vorstand, mit den Aufsichtsräten, mit den Banken. Doch am Mittwochmorgen, als das Angebot der Bayer AG endgültig auf dem Tisch lag, da wurde es doch für einen Moment einsam um den letzten Chef des Traditionskonzerns Schering: „Da war klar, dass wir von unserer Wunschvorstellung Abschied nehmen müssen, Schering als unabhängiges Unternehmen zu erhalten.“ Für Erlen ist das bei aller Professionalität kein Grund zu Freude: „Wir sind nicht erleichtert. Wir sind ein Stück traurig.“

16,3 Milliarden Euro Kaufpreis, dazu die Zusicherung, dass Berlin Sitz der Bayer Schering Pharma AG wird, und die schriftliche Erklärung, dass das Zusammengehen ein „fairer Prozess“ werde. Mehr war nicht zu erreichen.

Ein wenig Bitterkeit klingt da schon mit. Erlens Missmut gilt vor allem den Managerkollegen des Konkurrenten Merck. Ihnen gibt er die Schuld, dass Schering nun seine Unabhängigkeit verliert. Hätten sie nicht das unerwünschte Angebot zur Übernahme des Unternehmens abgegeben, für das er seit 34 Jahren arbeitet, hätte Erlen womöglich noch lange die Geschicke des Konzerns fortführen können: „Wir haben hervorragende Zahlen vorgelegt, wir haben eine glänzende eigene Perspektive für unser Unternehmen als Spezialitätenhersteller gesehen, und unsere Aktionäre sahen das auch so. Sich von dieser Perspektive zu verabschieden, dazu gab es keinen Grund.“

Doch zugleich kann Erlen sich zugute halten, sowohl für seine Aktionäre als auch für Berlin das Beste herausgeholt zu haben. Immerhin schreiben er und Bayer-Chef Werner Wenning dieser Tage ein Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte, das vor allem für Berlin von zentraler Bedeutung ist. Denn Deutschlands Hauptstadt wird künftig Standort der Zentrale eines Großkonzerns sein, der weltweit rund 60 000 Menschen beschäftigt.

Binnen zehn Tagen stemmten Erlen und Wenning eine Aufgabe, für die andere Unternehmen meist Monate benötigen. Über die Details dieser Verhandlungen geben beide kaum Auskunft, aber die Anstrengung muss enorm gewesen sein. Schließlich geht es um die Milliarden, die vielen tausend Aktionären gehören. Bilanzen müssen geprüft, mögliche Altlasten kalkuliert und langfristige Kredite ausgehandelt werden.

Der Parforce-Ritt der beiden Topmanager begann noch am selben Tag, als das Merck-Management sein feindliches Übernahmeangebot offiziell bekannt machte. Vom entsprechenden Beschluss der Familien-Holding des Darmstädter Konzerns hatte Erlen zwar schon am Samstag, dem 11. März, erfahren. Doch erst am Montag kam die offizielle Bestätigung mit den handfesten Daten. 77 Euro pro Aktie, insgesamt 14,6 Milliarden Euro bot Merck den Schering-Aktionären, und die Antwort von Erlen fiel schnell und eindeutig aus: viel zu wenig.

Darum kam der Anruf von Bayer-Chef Wenning am selben Morgen wie bestellt. Eher sachlich teilte dieser mit, man überlege, auch ein Angebot abzugeben, das über dem „Merck-Bid“ liege, wie es im Geschäftsjargon heißt. Diesmal zögerte Erlen. Er beriet sich mit den Leuten, die ein Vorstandschef üblicherweise um sich versammelt, wenn er sich gegen eine feindliche Attacke wehren will: mit den Experten für Krisenkommunikation, mit den Investmentbankern, mit den eigenen Stäben, mit Vorstand und Aufsichtsrat. Drei Tage später, am Donnerstag, kam es zum ersten Treffen. Kein festliches Essen bei Wein und Kaffee, sondern ein „hochkonzentriertes Arbeitstreffen“ sei es gewesen. Ein Treffen von vielen in den nächsten Tagen. Immer wieder berieten die Schering-Leute untereinander, verhandelten mit den Leverkusenern. Immer wieder spielten sie die Variante durch, doch allein zu bleiben und sich mit Zukäufen gegen eine Übernahme zu schützen.

Konzentrierte Teamarbeit, Nachtschichten, Denkpausen, Verhandlungen. „Die Erkenntnis, dass wir wohl keine Chance mehr haben, unsere Strategie als eigenständiges Unternehmen erfolgreich zu Ende zu bringen, die kommt ja nicht in einer Sekunde“, sagt Erlen. Die brauchte Zeit. Und dann, als es ein Angebot gab, „das viele Chancen für beide Unternehmen, seine Mitarbeiter und seine Standorte bietet, da sagt der Verstand: Das ist ein guter Deal“, gesteht Erlen. Aber das Herz sei dennoch traurig. Bei allen.

Nein, er könne noch nicht sagen, ob er in der neuen Bayer Schering Pharma AG bleibe, sagt Erlen. Aber er sei sicher, dass es ein gutes Leitungsteam geben werde.

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