Zeitung Heute : ZEHN WAHRHEITEN

_ von DEIKE DIENING

_ von DEIKE DIENING

Miranda Julys Schreiben muss ablaufen wie eine Jam-Session. Dafür spricht: wie drastisch, wie unmittelbar, wie real, wie perspektivreich sie erzählt. Dafür spricht, dass es keine Tabus gibt. Dafür spricht, dass ihre Kurzgeschichten mehr komponiert als erzählt wirken. Und dafür spricht am Ende auch die Erschütterung, die sie mit ihren Geschichten hervorruft, weil die so ganz und gar neu erscheinen, obwohl das Genre der amerikanischen Kurzgeschichte ja mindestens bis zu Edgar Allan Poe zurückreicht.

Seitdem ihr Buch mit dem Titel „No one belongs here more than you“ erschienen ist, ist Miranda July die zarteste Versuchung, seit es Kurzgeschichten gibt. Wenn sie in Los Angeles, wo sie wohnt, in einen Supermarkt geht, wird sie von wildfremden Leuten umarmt, berichtet die „Brigitte“, und ihre Augen seien in echt genau so groß wie auf den Fotos, meldet die „Zeit“. Im Internet wirft sich eine wachsende Fangemeinde vor ihr virtuell in den Staub. Jetzt ist der Kurzgeschichtenband auf Deutsch erschienen.

Es ist flüchtige Materie, die sie behandelt: Die Natur von Beziehungen – zu anderen und zu sich selbst. Andere werden dabei plump oder sentimental, sie verfangen sich, ohne es zu merken, in gedanklichen und sprachlichen Klischees. Miranda July, hat sich einfach hingekniet und mit bloßen Händen Quecksilber eingefangen.

Da ist eine Sekretärin, die talentlos an einem Nähkurs teilnimmt, weil sie die Frau ihres Chefs dort treffen möchte. Deren Stimme, die sie seit Jahren vom Telefon kennt, lässt sie nicht mehr los. Sie hatte in dieser Zeit telefonisch um Medizin gebeten. „Wofür ist das gut?“ „Gegen Körperscham“. Oder: „Was ist los?“ - „Ich weiß nichts mit mir anzufangen.“ Solche Dinge. Sie treffen sich, die beiden Frauen schlafen miteinander, gehen auseinander, und hinterher ist alles zerstörter als vorher. Miranda July folgt dabei scheinbar keinem Konzept des Aufschreibens, keiner Konstruktion, sie folgt den Windungen ihres Gehirns. Es scheint nicht, als wäre sie explizit am Schreiben interessiert, sondern vor allem an der Wahrnehmung, und das nimmt dem Schreiben alles Prätentiöse.

Bei dem Versuch, den „verstörenden Moment“, zu beschreiben, den beiläufig daherkommenden, aber lange nachhallenden Moment, von dem man erst später begreift, dass er einen wirklich verändert hat, werden viele nicht empfindsam, sondern bloß empfindlich, und das bringt die gesamte, im weiteren Sinne Gefühle beschreibende Literatur in Misskredit. Man geht ja immer davon aus, dass die Leute, die viel auf Gefühle geben, einen Moment später schon von deren Wucht aus der Kurve geragen werden. Als müsste, wer sensibel ist, auch sentimental sein. Bei Miranda July ist es anders. Sie spürt feinste Schwingungen, aber dann hat sie die Stirn, diese weiter kühl zu betrachten und aufzuschreiben und stehenzulassen, und so bleiben ihre Geschichten anrührend, brutal, zärtlich und rätselhaft. Keine Deko, kein Feigenblatt.

Aber sie beobachtet nicht nur sich selbst so genau, sie sieht auch die anderen. Sie schlüpft in die unterschiedlichsten Charaktere. Nur der Leser braucht eine Weile, bis er erleichtert oder erschreckt begreift, dass die Autorin ihm von einer Geschichte zur nächsten schon wieder einen neuen Identifikationsvorschlag gemacht hat: Einmal ist es eine „sonderpädagogische Assistenzkraft“, die sich in ihren Schüler verliebt, dann eine Frau, die in einem Kurs Romantik lernen soll. Es gibt sexuelle Fantasien mit Prinz William. Es gibt den ersten, homosexuellen Sex eines alten Mannes. Es gibt überhaupt ungeheuer viel Sex, getätigt, geträumt, ersehnt und erinnert. Sex ist für Miranda July ein Erkenntnisinstrument, man kommt dabei so nahe an die Existenz. Und dann ist da noch die Geschichte von der jungen Einsamen, die drei alten Einsamen in einer leblosen Kleinstadt ohne Schwimmbad in einem Wohnzimmer mit Schüsseln voll Wasser das Schwimmen beibringt.

Ah, denkt der Leser, das ist also auch nur ein Serviervorschlag für den Wahnwitz der Welt. Und er kann jederzeit beides zugleich sehr genau sehen in diesen Geschichten: den Wahn und den Witz.

Die Tatsache, dass Miranda July jetzt nach Filmen („You and me and everyone we know“) und Kunstprojekten („Learning to Love You More“) mit ihrem ersten Kurzgeschichtenband auch noch als Schreibwunder gehandelt werden kann, liegt vor allem daran, dass sie zuallererst ein Wahrnehmungswunder ist: Eine fein kalibrierte Nadel, die schon bei Reizen, die andere gar nicht bemerken, zuckend ausschlägt. Sie interessiert sich nicht für die Tradition der Literatur, scheint es, sie interessiert sich für das Leben. Man könnte sagen, das ist ihr Vorteil, weil sie auf diese Weise die pure Unmittelbarkeit sein kann, die pure Empfindung, konzentrierte Wachheit, und deshalb auch nur logisch: das pure Jetzt.

Der Verlag liefert ein Lesezeichen mit, darauf ein Foto von der Autorin. Und es ist sofort klar: Diese Frau steht auf der Kippe. Zu sehen ist Herzeleid im Punktekleid. Ob sie in Kürze hinkippt zu etwas sehr Schönem oder zu etwas sehr Zerstörerischem ist noch nicht abzusehen. Sie ist latent gefährdet, nicht obwohl, sondern weil sie so viel wahrnimmt. Da ist das Schwebende, noch nicht Entschiedene, deshalb aber Lebendige.

Der deutsche Titel „Zehn Wahrheiten“ täuscht über diese Qualität hinweg, indem er fälschlicherweise so tut, als ginge es in diesem Buch um neue, letzte Antworten - wo es ihr doch eigentlich darum geht, neue Fragen zu stellen. Es gibt ständig Fragen bei July, es wimmelt nur so davon, allein 37 Fragezeichen auf 20 Seiten in der ersten Geschichte, und so geht es weiter. Wenn James Joyce der Autor des Gedankenstrichs ist - dann ist Miranda July die Autorin des Fragezeichen. Sie lässt Fragen gerne gleich in ganzen Schwärmen los: „Habe ich mich aushalten lassen? War Belvedere so wie Nevada, wo Prostitution legal ist? War ich das ganze Jahr lang nackt?“ Es geht eigentlich gar nicht um die Antwort, sondern darum, was die Frage suggeriert. Wie wechselnde Farblampen Tanzende auf einer Tanzfläche ständig in neues Licht tauchen, färben ihre Fragen die ganze Welt ihrer Geschichten neu ein.

Das ist ja das Schöne, an den Fragen: Eine Antwort begrenzt etwas, eine Frage eröffnet etwas. Mit einer neuen Antwort auf eine alte Frage, hat man am Ende auch nur eine einzige neue Antwort. Doch sobald einer auf eine neue Frage kommt, sind alle möglichen Antworten neu.

Stories. Aus dem Amerikanischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Diogenes Verlag, Zürich 2008. 272 Seiten, 18, 90 €

Miranda July, geboren 1974, ist Künstlerin, Filmemacherin, Schauspielerin und Schriftstellerin. Sie lebt in Los Angeles. 2005 kam ihr Film „Ich und du und alle, die wir kennen“ in die Kinos.

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