Zeitung Heute : Zeichen der Zeit

Linguist Norbert Fries holt brandenburgische Schüler in die Uni, lässt sie dichten und rappen

Anke Assig

Im Hörsaal von Norbert Fries haben Schüler ganz selbstverständlich ihren Platz. Wenn der Linguistik-Professor Jugendliche in seine Vorlesungen in die Humboldt-Universität einlädt, hören auch die gespannt zu, die sonst wenig Lust auf Grammatikunterricht haben. Fries setzt auf multimedialen Technikeinsatz, benutzt eine einfache Sprache und gibt den Schülern einen studentischen Paten an die Hand. Er weiß: „Das klappt“, und ergänzt: „Kinder sollen erleben dürfen, was an der Universität geschieht. Auch wenn sie später nicht studieren.“ Fries leitet unter dem Namen „Kleeblatt“ mehrere Projekte an der Schnittstelle zwischen Schule und Hochschule.

Mit „Kleeblatt“ trägt der Mann, der selbst aus einer Arbeiterfamilie stammt, gemeinsam mit engagierten Lehrern und Studierenden aktuelle Erkenntnisse der Linguistik und Didaktik in die Schulen. Er will beweisen, dass Wissen über Sprache genau so wichtig ist wie das Sprechen selbst. Wer dieses Wissen besitze, so Fries, lerne auch andere Sprachen mit einem neuen Bewusstsein.

Für diese Überzeugung musste der Professor weit gehen. Seine unkonventionellen Projektvorschläge stießen bei den angefragten Berliner Schulen auf Unverständnis. Erst in Brandenburg fand er interessierte Schulen. Für die Schüler der Büchner-Schule in Joachimsthal hat der Linguist den Sprachunterricht kurzerhand ins Musikstudio verlegt. Mit Blick auf die 400-Jahrfeier ihrer Stadt setzen die Schüler seit vergangenen Herbst eigene Gedichttexte in peppige Rapmusik um. Zugleich erforschen sie zusammen mit Linguistik-Studenten die Rolle der Jugendlichen in der Stadt. Und auch Stadtgeschichte und Architektur stehen mit auf dem Projektlehrplan. Professor Fries setzt auf Teamarbeit. Da stören Hierarchien nur, also ist man per Du.

Wer mit Norbert Fries zu tun hat, wird Teil seines Netzwerkes. So untersuchte er für eine Chansonsängerin unlängst, welchen Rhythmus ein Text schon vor dem ersten Singen in sich birgt. Ein fantastischer Liederabend war die Folge. Mit dabei waren auch die Rapper. Sie kamen extra aus Joachimsthal angereist. Tage später übernahm die Künstlerin zum Dank Fries’ Vorlesungsstunde. Ihr Thema? Natürlich „Sprache und Rhythmus“. Und wieder sind die Joachimsthaler Schüler im Hörsaal mit dabei. Im Juni schlägt dann ihre große Stunde. Zum Stadtjubiläum werden sie bei einem öffentlichen Auftritt singen und rappen.

Neues erwartet auch die Gymnasiasten aus Angermünde, mit denen Norbert Fries und seine Studenten demnächst deutsch-polnische Wörterbücher erstellen wollen. Jugendgerecht, versteht sich. „Kommst du mit ins Kino?“, können die jungen Europäer dann auf Polnisch fragen. Fries treiben starke Motive an. „Der Mittelpunkt Europas verlagert sich mit der EU-Erweiterung nach Osten, nicht nach Westen. In grenznahen Regionen setzen wir uns deshalb stark für Polnisch ein.“

Bei seinen außergewöhnlichen Projekten hat Norbert Fries immer auch die Arbeitswelt im Hinterkopf. „Meine Lehramtsstudenten sollen sehen, dass Schule auch anders funktionieren kann. Es stimmt etwas nicht, wenn junge Leute zwar Goethe gelesen haben, wenn sie die Schule verlassen, aber noch nicht einmal eine ordentliche Bewerbung schreiben können.“

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