Zeitung Heute : Zeichnungen zur Zeit

Karikaturen in Berlin – eine Ausstellungseröffnung

Verena Mayer

Ein Abend wie so viele in der Bayerischen Landesvertretung in der Behrenstraße. Draußen flattert die weiß-blaue Fahne im Berliner Wind, im Foyer preist ein Faltblatt ein Buch über 200 Jahre Königreich Bayern an, ein weiteres Blatt informiert, dass der Tölzer Knabenchor unlängst in Berlin gastierte. Die „Halle Bayern“ ist für einen Empfang hergerichtet, Stehtische, ein Rednerpult, davor ein Blumenbouquet in den Farben Weiß und Blau. Leute schieben sich murmelnd in den Saal.

Und doch ist etwas anders. Eröffnet wird an diesem Donnerstag eine Karikaturen-Ausstellung. Die „Süddeutsche Zeitung“ zeigt die Werke ihrer Zeichner. „Sechs Jahrzehnte Zeitgeschehen im Spiegel der Karikatur“ heißt die Ausstellung. Entlang der Wände Schautafeln, die Zeichnungen teils thematisch, teils chronologisch geordnet und mit einigen Zeilen zum jeweiligen Weltgeschehen versehen. „Manche halten die Zeitungskarikatur für altmodisch, für ein Relikt des 19. Jahrhunderts“, ist auf der ersten Tafel zu lesen, man merkt daran, dass solche Ausstellungen von langer Hand geplant werden. Vor der Eröffnung wurde daher noch eine zusätzliche Tafel angebracht, gleich am Eingang. „Aus aktuellem Anlass“ steht da.

Man sieht drei Zeichnungen, die erst in den vergangenen Tagen in der „Süddeutschen“ erschienen sind. Eine zeigt einen Seiltänzer. Das Seil ist zwischen einem Kirchturm und einem Minarett gespannt, und die Balancierstange des Seiltänzers ist ein Zeichenstift – die Karikaturisten dieser Tage sind dazu übergangen, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Die bayerische Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, Emilia Müller, tritt ans Podium. Sie sagt, dass Karikaturisten manchmal im wahrsten Sinne des Wortes in die Schusslinie geraten. Dass sie Verständnis dafür habe, wenn sich manche von den dänischen Karikaturen verletzt fühlen, die aktuellen Ausschreitungen seien jedoch inakzeptabel. Man kann jedes ihrer Worte auf die Goldwaage legen, so sorgfältig gewählt sind sie. Eine Karikaturenausstellung ist derzeit eben nicht einfach eine Karikaturenausstellung.

Die Karikaturen aus sechs Jahrzehnten geraten an diesem Abend fast ins Hintertreffen. Es gibt braven Nachkriegshumor aus den Fünfzigern und einiges aus dem Fach „Der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten“. Das Sujet der Bombe, die die Stelle eines Kopfes einnimmt, taucht übrigens auch auf: im Jahr 1996 und mit der Unterzeile „Sonst nichts im Kopf?“ Ein Mann mit Sonnenbrille ist zu sehen, auf den Brillengläsern steht „IRA“. Es gibt bissige Kommentare zur Innenpolitik, und sehr oft tauchen die Lieblinge der Karikaturisten auf, Kohl, Strauß und Stoiber. Es ist wie mit allen Karikaturen auf der Welt: Manche sind gelungen, manche weniger. Am Ende des Abends ist man dann wieder in Bayern. Kellnerinnen tragen Tabletts in den Saal, es gibt Geselchtes und Sauerkraut, dazu Bier in wuchtigen Tonkrügen. „Bayerisches Bier – einzig in der Welt“ steht auf den Krügen.

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