ZEICHNUNGEN„Straßen und Gesichter 1918-1933“ : Die Falten des Lebens

Wo sind sie mit ihren Gedanken, die drei Damen in der Straßenbahn? Die eine hat einen Kranz auf dem Schoß, die andere ein Bündel. Die Beine sind schwer, die Augen gesenkt. Sind sie müde von der Arbeit – oder von der Revolution? Die Künstlerin Jeanne Mammen hat die Berlinerinnen um 1925 gezeichnet. Hans Baluschek zeichnete um dieselbe Zeit Arbeiter, die am Feierabend aus einer Fabrik strömen. Mondäner sieht es bei Karl Holtz aus, der um 1920 die Yorckstraße porträtierte, Menschen hasten vorbei, ein paar Rösser traben.

Die Ausstellung „Straßen und Gesichter 1918 bis 1933“ versammelt Zeichnungen aus dem Berliner Alltag der Weimarer Republik. Zu sehen sind Blätter des großen politischen Provokateurs George Grosz, des Realisten Otto Dix, der 1925 von Düsseldorf nach Berlin zog, vom Gesichtermaler Max Beckmann oder von Gertrude Sandmann, die für Frauenrechte und Frauenliebe einstand. Die Zeichnungen zeigen nicht nur die Tanzvergnügen, Cafés und Bohemiens der Goldenen Zwanziger, sondern auch den mit der Weltwirtschaftskrise einhergehenden Überlebenskampf und die Tristesse des Alltags. Politische Flügelkämpfe, Inflation, Klassenkampf und der aufkommende Nationalsozialismus prägten die Jahre der ersten deutschen Demokratie – und schlugen so manche Falte in die Gesichter der Berliner. Als Gegenmittel brauchte man Humor, das erklärt den Boom der satirischen Zeitschriften. Fast 80 gab es um 1920. Der Künstler Karl Arnold veröffentlichte seine scharfen Beobachtungen im „Simplicissimus“, wie die Skizze eines modisch- dünnen „Nuttchens“ mit Bubikopf, das eigentlich einen Ehemann sucht.Birgit Rieger

Berlinische Galerie, Fr 9.3. bis Mo 28.5.,

Mi-Mo 10-18 Uhr, 8 €, erm. 5 €

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben