Zeitung Heute : Zeig’ mir, wer du bist

In der digitalen Welt wird es immer schwerer, Original und Fälschung zu unterscheiden. Wie kann Identität sicherer werden?

Frank Schubert
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Dahinter geschaut. Jörg Krüger erforscht, wie Personaldokumente besser vor Fälschungen geschützt werden können....Ulrich Dahl/Technische Universit

Wir leben im Zeitalter der Passwörter. Bürocomputer, EC-Karte, Onlinebanking, E-Mail-Konten, Internetforen, Onlineshopping: Sie alle verlangen vom Nutzer, dass er sich mit einem Kennwort ausweist. Da kommen schnell einige Dutzend Zeichenfolgen zusammen, die man sich merken muss – aber oft genug vergisst. Und der Effekt, den die neuen Informationstechniken eigentlich haben sollen, nämlich den Alltag zu vereinfachen, verkehrt sich ins Gegenteil.

Hinter dem Ärger mit den Passwörtern steht ein grundsätzliches Problem: Wie weise ich in der digital vernetzten Welt nach, dass ich wirklich ich bin? Kommt diese E-Mail wirklich von dem Absender, der in der Signatur steht? Ist jener Internetnutzer wirklich der, für den er sich ausgibt? Jörg Krüger forscht an solchen Fragen. Er leitet das Fachgebiet „Industrielle Automatisierungstechnik“ an der TU Berlin. Zugleich ist er Geschäftsführer des Fraunhofer-Innovationsclusters „Sichere Identität“. An dem Cluster beteiligen sich fünf Fraunhofer-Institute, fünf Hochschulen (darunter die TU) und zwölf Wirtschaftsunternehmen. Finanziert wird das Projekt zunächst über drei Jahre mit zehn Millionen Euro.

„Wir arbeiten an zwei großen Aufgaben, den Personalausweisen der Zukunft und dem sicheren Nachweis von Identitäten in der künftigen Kommunikation“, sagt Krüger. Die Forscher im Innovationscluster haben unter anderem eine fälschungssichere Chipkarte mit farbigen Passfotos entwickelt. „Die elektronischen Schaltungen in der Karte basieren auf Kunststoff, daher hat ein Betrüger keine Möglichkeit, sie von außen nachzuvollziehen“, erklärt der Wissenschaftler. „Es ist fast unmöglich, den Chip aus der Karte zu lösen und zwecks Fälschung in eine andere Karte einzusetzen.“

Eine weitere Entwicklung, die Chipkarten sicherer machen soll, sind kleine Bildschirme auf den Plastikträgern. Die Wissenschaftler im Innovationscluster arbeiten an biegsamen Monitoren in Briefmarkengröße, die aus organischen Leuchtdioden (OLEDs) bestehen, dünn wie eine Folie sind und sich auf die Chipkarten kleben lassen.

„So ein Bildschirm kann auf dem Personalausweis das Gesicht des Besitzers zeigen, und zwar nicht nur von vorn wie beim Passbild, sondern aus allen möglichen Richtungen“, erläutert Krüger. Der Besitzer könne sich auf dem Bildschirm auch anzeigen lassen, welche Informationen auf der Karte gespeichert sind, um so mehr Kontrolle über die Verbreitung seiner persönlichen Daten zu erhalten.

Es gebe bereits Chipkarten mit eingebauten Displays, berichtet Krüger. „Aber wir müssen sie robuster machen, damit sie es zum Beispiel überstehen, wenn sie versehentlich mit der Kleidung in die Waschmaschine geraten.“ Mit weitgehend fälschungssicheren Chipkarten ist es auch denkbar, dass man sich irgendwann keine Passwörter mehr merken muss. Man weist sich dann am PC nur noch mit seiner Karte aus.

Nicht nur für Menschen ist eine sichere Identität wichtig, auch für Erzeugnisse. In einer aktuellen TU-Studie zur Bedeutung geistigen Eigentums wird der volkswirtschaftliche Schaden, der aus Produktpiraterie resultiert, in Deutschland mit 50 Milliarden Euro pro Jahr beziffert. „Deshalb wird es immer wichtiger, Produkte zuverlässig zu erkennen und in Warenketten vollständig zu verfolgen“, sagt Krüger. Oft gefälscht würden Ersatzteile für Autos, Markenkleidung, Schreibgeräte, Parfüms, Arzneimittel oder teure Werkzeuge.

Krüger und seine Kollegen arbeiten deshalb an einem mobilen System, das gefälschte Produkte automatisch erkennt, etwa bei Zollkontrollen. Dazu nimmt eine Kamera Bilder des Objekts auf, die im Computer verarbeitet und ausgewertet werden. Bei Abweichungen vom Originalprodukt schlägt das System Alarm. „Eine ähnliche Technik wird bereits erfolgreich eingesetzt, um gefälschte Gemälde aufzuspüren“, sagt der TU-Forscher. Bei den meisten Handelsprodukten sei die Erkennung aber schwieriger, weil sie nicht flächig sind, sondern eine räumliche Tiefe haben, die ebenfalls ausgewertet werden muss. Ende dieses Jahres wollen sich die beteiligten Forscher mit der Bundespolizei darüber abstimmen, welche Erzeugnisse am häufigsten gefälscht werden, um dann zu entscheiden, wie das mobile Erkennungssystem aufgebaut sein muss. Zunächst sollen die Produkte ausschließlich mithilfe von Bildern geprüft werden, später auch mit einem Geruchssensor.

Ein weiteres Forschungsgebiet von Jörg Krüger hat auf den ersten Blick nur wenig mit Sicherheitstechnik zu tun. Die Lösung des „Stasi-Puzzles“, also die Rekonstruktion jener Geheimakten, die die Staatssicherheit in den letzten Tagen der DDR zerstört hat. Ganze Aktenberge haben die Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit damals zerfetzt. Übrig geblieben sind 15 000 Säcke voller Papierschnipsel. Krüger und seine Mitarbeiter wollen diese Dokumente wiederherstellen. Zunächst scannen sie jeden Schnipsel einzeln ein. Dann sortieren sie die Fetzen mithilfe von Computerprogrammen. Anschließend rekonstruiert eine komplexe Software die Dokumente im Speicher des Computers. „Beim Sortieren gruppieren wir die Schnipsel zuerst nach der Farbe, danach analysieren wir, mit welcher Schrift und welchem Linienmuster sie bedruckt sind, schließlich erfassen wir ihre Umrisse“, erläutert Krüger das Verfahren. Die Software erkennt, wenn verschiedene Fetzen in diesen Merkmalen übereinstimmen, und setzt sie entsprechend zusammen.

Die Wissenschaftler rekonstruieren aber nicht gleich alle 15 000 Säcke. In der Pilotphase des Projekts werden zunächst 400 bearbeitet. Anhand der Erfahrungen, die die Schnipsel-Detektive dabei sammeln, wollen sie die Technik verbessern und für den Massendurchsatz tauglich machen. Der zeitaufwändigste Schritt ist, die Schnipsel zu scannen. Das wird zurzeit per Hand gemacht, weil es sich noch nicht gelohnt hat, Roboter dafür zu entwickeln.

„Unsere Erfahrungen in der Sicherheitstechnik helfen uns bei der Rekonstruktion“, sagt Krüger. „So beschreiben wir die Konturen der Schnipsel teilweise mit den gleichen Algorithmen wie die Konturen von Fingerabdrücken – ein Gebiet, auf dem wir uns gut auskennen.“ Auch Methoden der automatischen Zeichenerkennung hätten sich als nützlich erwiesen, um etwa die Druckschrift auf den Schnipseln zu erfassen.

Das Stasi-Puzzle wird nicht die letzte Rekonstruktion sein, mit der sich Krüger und seine Mitarbeiter beschäftigen. Ihre Kenntnisse sind auch bei anderen Vorhaben gefragt. So zeichnen sich bereits die nächsten Aufgaben ab. Vor Kurzem haben die Forscher damit begonnen, die zerstörten Dokumente aus dem eingestürzten Kölner Stadtarchiv wiederherzustellen.

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