Zeitung Heute : Zeit der Wonne

Der Hormonspiegel des Menschen verändert sich mit den Jahreszeiten – das aber beeinflusst seine Sexualität nicht

Matthias Möhlig Andreas F. H. Pfeiffer

Endlich wieder Frühjahr! Die Natur erwacht zu neuem Leben, bei vielen Tieren beginnt die Paarungszeit. Und auch wir Zweibeiner lassen uns von den ersten warmen Sonnenstrahlen verführen. Frühlingsgefühle bei Mensch und Getier durch mehr Testosteron und Östrogen? Nicht ganz. Denn während Balzritual und Liebeswerben bei Vögeln, Reptilien und Säugern tatsächlich durch eine höhere Produktion der Geschlechtshormone aufgrund der längeren Tage bedingt sind, erklärt sich der höhere Flirtfaktor beim Menschen nicht ganz so einfach.

Zwar belegen verschiedene europäische Studien bei Männern eine Schwankung der Blutspiegel des männlichen Hormons Testosteron im Herbst und Winter gegenüber Frühling und Sommer mit einem jahreszeitlichen Unterschied von etwa 30 Prozent. Der Zusammenhang mit sexueller Aktivität ist laut diesen Untersuchungen allerdings eher gering. Und es gibt gleich gar keinen Hinweis auf einen Zusammenhang mit der Fruchtbarkeit der Männer oder deren Zeugung von Nachwuchs.

Niedrige Testosteronspiegel sind bei Männern vielmehr mit mehr Bauchfett verknüpft und mit einem größeren Risiko für Stoffwechselerkrankungen. Tatsächlich zeigten die Studien, dass die Testosteronschwankungen zwischen kalter und warmer Jahreszeit mit Änderungen des Bauchfetts zusammenhingen; im Sommer war das Bauchfett deutlich höher als im Winter. Dafür können natürlich auch andere Faktoren wie Sport und Ernährung eine Rolle spielen. Wichtig ist aber auch der Einfluss des Testosterons.

Obwohl also jahreszeitliche Unterschiede beim Testosteronspiegel von Männern bestehen, erklärt dies kaum Frühlingsgefühle. Vom medizinischen Standpunkt viel wichtiger ist vielmehr, dass ein niedriger Testosteronspiegel bei Männern einen Risikofaktor darstellt, der zu weniger Muskulatur, geringerer Knochenmasse, mehr Bauchfett und damit zu einem erhöhten Risiko für Erkrankungen des „Metabolischen Syndroms“ (dem Zusammentreffen von zu hohem Bauchumfang mit Störungen des Zucker- und Fettstoffwechsels sowie erhöhtem Blutdruck) führt. Eine Testosterontherapie ist deshalb bei einem tatsächlichen Mangel des Hormons sinnvoll – unabhängig von der Jahreszeit. Allerdings muss hier stets die Gefahr des Prostatawachstums und möglicherweise entstehenden Prostatakrebses bedacht werden. In ihrem Liebesleben profitieren Männer mit normalen Hormonspiegeln hingegen überhaupt nicht von einem Anheben des Testosterons im Blut. Im Gegenteil: Ein solches Doping kann gefährlich werden, wie ein Blick in den Sportteil der Tageszeitung immer wieder zeigt.

Auch Frauen haben das männliche Hormon Testosteron im Blut, allerdings in viel geringeren Mengen als Männer. Zudem produzieren sie in der Nebenniere einen Testosteronvorläufer, genannt DHEA (Dehydroepiandrosteron), der in einigen Zellen des Körpers in Testosteron umgewandelt werden kann. Auf den Testosterongehalt im Blut von Frauen mit normalem Zyklus hat weder der Frühling noch eine andere Jahreszeit Einfluss, zumal die Hormonwerte mit dem weiblichen Zyklus erheblich schwanken. Hohe Testosteronwerte im Blut sind bei Frauen hingegen ein Hinweis auf eine ungünstige Stoffwechsellage und finden sich oft im Zusammenhang mit erhöhtem Bauchumfang und dem Metabolischen Syndrom. Das DHEA dagegen ist eher mit einer günstigen Stoffwechselsituation verbunden.

Grundsätzlich beeinflussen Testosteron und DHEA bei Frauen durchaus das sexuelle Interesse und die Erregbarkeit, wobei natürlich zahlreiche weitere Faktoren eine Rolle spielen. Da ein Mangel an sexuellem Interesse für Frauen bisweilen ein partnerschaftliches und persönliches Problem darstellt, steht hierfür neuerdings Testosteron in niedriger Dosierung als Pflaster zur Verfügung. Zugelassen ist dieses allerdings nur nach Entfernung der Eierstöcke und in Kombination mit Östrogen. Zudem sind noch viele Fragen zu den Auswirkungen und zum Erfolg dieser Therapie ungeklärt. Denn zuviel Testosteron kann Frauen in den Stimmbruch bringen, zu vermehrtem Haarwuchs führen und möglicherweise auch Auswirkungen auf den Stoffwechsel haben.

Was also weiß die Wissenschaft über Frühlingsgefühle? Endokrinologisch betrachtet, gibt es des Lenzens Liebeslust gar nicht. Damit geht die Theorie von den alljährlich hormonell bedingten „Schmetterlingen im Bauch“ beim modernen Menschen zwar nicht ganz auf. Aber ein schöner Frühlingstag bessert doch auf jeden Fall die Laune. Und gut gelaunte Menschen sind sicherlich empfänglicher für einen kleinen Frühlingsflirt!

Die Autoren sind Mediziner an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin; Dr. Matthias Möhlig ist Oberarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter, Prof. Andreas F. H. Pfeiffer ist Direktor der Abteilung Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin.

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