Zeitung Heute : Zeitarbeit: Zu(ver)lässiger Rückenwind

Regina-C. Henkel

"Ich will zurück nach Berlin". René Bunschuch beschreibt seine berufliche Zielsetzung vom Spätsommer 2000. Nach mehreren Jobs in den USA und England brachte der Diplom-Wirtschaftsingenieur gerade die Logistik für einen elsässischen Gleisanlagenbauer auf Vordermann - da packte ihn das Heimweh. Der 33-Jährige zögerte nicht lange und bewarb sich beim Zeitarbeitsunternehmen Randstad. Schon nach einem dreiviertel Jahr als Leiharbeiter war der Akademiker am Ziel: Seit zwölf Tagen hat er den ersehnten Arbeitsvertrag als Controller beim Köpenicker Telekommunikationsdienstleister Krone Service GmbH - und ist superglücklich. Direkt nach dem Studium hatte den Berufseinsteiger keine Firma in Berlin und Umgebung einstellen wollen.

Wirtschaftsingenieur Bunschuch ist kein Einzelfall. Immer mehr Akademiker und Facharbeiter auf der Suche nach einem Wunscharbeitsplatz - oder einer Wiedereinstiegschance - vertrauen sich einem Zeitarbeitsunternehmen an. Deren Branche boomt, denn "Leiharbeit" hat sich in Deutschland zur am schnellsten wachsenden Beschäftigungsform entwickelt. Rund 300 000 Arbeitnehmer stehen derzeit bei einem Zeitarbeitsunternehmen unter Vertrag. Insgesamt wurden laut Bundeverband Zeitarbeit (BZA, www.bza.de ) im vergangenen Jahr 500 500 Mitarbeiter eingestellt: 17,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Der Aufstieg der Branche überrascht sogar Insider. Das Institut der deutschen Wirtschaft (iw) in Köln bemerkt: "Seit 1997 fanden über eine halbe Million Menschen in Deutschland durch Zeitarbeit eine feste Stelle" und traut der Branche noch viel mehr zu. Dabei fristete die Arbeitnehmerüberlassung innerhalb der Personaldienstleistung hierzulande lange ein Mauerblümchendasein. Zeitarbeitsunternehmen galten vor allem als Anlaufadresse für einfaches Büropersonal und Arbeitsuchende aus dem gewerblichen Bereich. Das ist lange vorbei. Im vergangenen Jahr schalteten Personaldienstleister in den Tageszeitungen insgesamt über 107 000 Stellenofferten für Zeitarbeiter in spe. Im ersten Halbjahr hat das Beschäftigungsfeld, wie der neueste Adecco-Stellenmarktindex aufzeigt, sogar einen stolzen Anteil von elf Prozent an allen geschalteten Stellenangeboten.

Übliche Rechte und Pflichten

Einer der Hauptgründe für das Wachstum: Inzwischen sind die Entleiher auch für Hochschulabsolventen und Professionals attraktiv geworden. Einige Firmen haben sich auf IT-Profis, Betriebswirte , Ingenieure, Geisteswissenschaftler oder sogar Psychologen und Pädagogen spezialisiert. Die hochqualifizierte Klientel reagiert mittlerweile gerne auf die Fülle der Angebote.

Kein Wunder. Was sich amtsdeutsch "gewerbsmäßige Arbeitnehmerüberlassung" nennt, beschreibt ganz normale Arbeitsverhältnisse - mit Sozialversicherungspflicht und allen anderen üblichen Regelungen und Pflichten: Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Kündigungsfristen. Befristete Arbeitsverträge sind verboten. Die bundesweit rund 3800 Zeitarbeitsunternehmen überlassen ihre Mitarbeiter maximal zwölf Monate an den selben Betrieb. Der kann mit den auf Zeit entliehenen Mitarbeitern unvorhergesehene Auftragsspitzen oder Urlaubszeiten überbrücken, Mutterschutz- oder Krankheitsvertretungen organisieren.

Das sind Erleichterungen, die auch Unternehmen in anderen EU-Ländern immer mehr zu schätzen wissen. Der Weltverband der Personaldienstleister (CIETT) geht davon aus, dass aus den EU-weit derzeit 2,2 Millionen Zeitarbeitern bis zum Jahr 2010 über 6,5 Millionen werden. Allein für Deutschland wird von einem Wachstumspotenzial von 21 Prozent gesprochen. Das Mauerblümchen soll eine blühende Rose werden.

Die aktuellen Zahlen lassen die Pläne glaubwürdig erscheinen. In den vergangenen drei Jahren wurden nach Angaben der Offenbacher DIS AG, die sich selbst als "Marktführer der qualifizierten Zeitarbeit" bezeichnet, deutschlandweit rund 100 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. DIS-Chef Dieter Paulmann sieht sogar weitere 150 000 in den kommenden drei Jahren. Sogar Bundeskanzler Schröder traut der Beschäftigungsform einiges zu. Vor der parlamentarischen Sommerpause wies er im Zusammenhang mit dem am Mittwoch zurückgenommenen Ziel, die Arbeitslosenzahl bis zum Ende der Legislaturperiode auf unter 3,5 Millionen zu verringern, auf anderer Länder hin.

Der Blick über die Landesgrenzen lohnt. Während im vergangenen Jahr in Frankreich bei einer Arbeitslosenquote von 9,8 Prozent immerhin 2,1 Prozent der Erwerbstätigen Zeitarbeits-Beschäftigte waren, lag das Verhältnis in Deutschland bei 9,1 Prozent zu 0,9 Prozent. Noch lieber verweist die Zeitarbeitsbranche auf die niederländischen Zahlen: Bei einer Arbeitslosenquote von 2,6 Prozent beträgt die Quote der Zeitarbeit-Beschäftigten eine EU-weite Spitzenposition von 4,5 Prozent . Bis solche Zahlen auch hierzulande erreicht werden können, muss nach Überzeugung der Zeitarbeitsfirmen allerdings noch viel passieren. Obwohl die Branche bereits 34 Jahre alt ist, könnte die Akzeptanz ihres Angebots größer sein. Ingo Bischoff, Niederlassungsleiter der DIS AG in Berlin, wundert sich: "Die Branche hat sich im Laufe der Jahrzehnte deutlich verändert und trägt den Bedürfnissen des Einzelnen Rechnung." Wie diese Bedürfnisse aussehen, beantwortet Bischoff mit der rhetorischen Frage: "Hat der Mensch heute nicht völlig neue Vorstellungen von Arbeit und von Selbstvermarktung als noch vor wenigen Jahren?" Die Möglichkeit, sich über die Mitarbeit in einem Zeitarbeitsunternehmen bei unterschiedlichen Firmen umzuschauen, dazuzulernen und zu bewähren, entspreche den Erfordernissen des Arbeitsmarktes - aber auch den Wünschen des Einzelnen.

Wohl wahr. Deshalb können die Zeitarbeitsfirmen ja auch kräftig zulegen und immer mehr Menschen unter Vertrag nehmen. 24 Prozent Umsatzwachstum pro Jahr, wie gerade von der DIS AG vorgelegt, lassen andere Branchen vor Neid erblassen. Gleichwohl könnten die Zahlen nach Überzeugung der auf Arbeitnehmerüberlassung spezialisierten Branche (Marktführer - mit 1,2 Milliarden Mark Umsatz, 300 Niederlassungen und 23 000 Mitarbeitern - ist Randstad, gefolgt von Adecco, Persona Service, Manpower und DIS) noch besser sein. Ihre Zuversicht, zum Abbau der Arbeitslosenzahlen noch deutlicher beitragen zu können, machen die Zeitarbeitsfirmen vor allem von der Abschaffung von Regulierungen abhängig.

Beschränkung auf zwölf Monate

Die Branche fühlt sich - und damit ihre Mitarbeiter und Kunden - durch die Einsatzdauer-Beschränkung auf zwölf Monate und das Befristungs-Verbot unnötig gemaßregelt. Die Laufzeit des Arbeitsvertrages darf nicht mit der Dauer des ersten Einsatzes im Kundenbetrieb identisch sein. Dadurch werde die Vermittlungschance - insbesondere für Langzeitarbeitslose - eingeschränkt.

Ein Dorn im Auge ist der Spezialbranche auch das Überlassungs-Verbot: In der Bauwirtschaft ist Zeitarbeit verboten. In den Augen der Zeitarbeitsfirmen wäre sie nicht nur ein Mittel gegen Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung. Dereguliert sei sie auch in der Lage, das Problem der Scheinselbstständigkeit zu lösen. Und DIS-Chef Paulmann ergänzt: "Wenn die Überlassungsdauer verlängert wird, können wir nach zwölf Monaten den jeweiligen Tariflohn garantieren."

Die Gewerkschaften haben andere Probleme im Fokus. Die IG Metall etwa kritisierte erst Mitte Juli, dass Leiharbeiter schneller kündbar seien, geringere Mitspracherechte als ihre direkt im Betrieb angestellten Kollegen hätten und weniger verdienten. Dem widerspricht DIS-Niederlassungsleiter Ingo Bischoff: "Im IT-Bereich stehen wir im Wettbewerb zu den IT-Dienstleistern und können es uns gar nicht leisten, weniger zu zahlen."

Abwanderung zum Kunden

Und was meinen die Leiharbeitnehmer? Dass es bereits seit 1989 keinen Tarifvertrag für Zeitarbeit mehr gibt, scheint die wenigsten zu stören. Sie setzen auf die neue Chance, die ihnen die Statistik bereits verspricht: Fast jeder dritte auf Zeit Beschäftigte erhält früher oder später einen regulären Arbeitsvertrag bei einem Kundenunternehmen. Es kommt auch vor, dass Bewerber gleich zum Kunden wechseln, ohne in einem Zeitarbeitsverhältnis gewesen zu sein. Die Personaldienstleister übernehmen dann faktisch den Job einer Personalvermittlung.

René Bunschuch schaute sich erst bei einigen Unternehmen um. Denn sein Ziel war hoch gesteckt, er war auf der Suche nach einem idealen Arbeitgeber. Immerhin hatte er auch einiges zu bieten: Wirtschaftsingenieur-Diplom mit Schwerpunkt Controlling, Auslandserfahrung und Praxis als Projektmanager. Deshalb musste die Krone Service AG auch eine ansehnliche Summe an die Randstad AGzahlen, damit die Zeitarbeitsfirma ihn vorzeitig aus dem Arbeitsvertrag entließ. Das hat sich für den neuen Arbeitgeber gelohnt. Der 33-Jährige bringt nicht nur seine fachlichen Fähigkeiten in das Unternehmen, auch seine Persönlichkeit passt. Bunschuch selbst hatte die Für und Wider ebenfalls sorgfältig abgeklopft - und entschieden: "Ja, das ist das Unternehmen, bei dem ich dauerhaft arbeiten möchte."

Selbstbewusste Jobsuche dieser Art ist es, die auch immer mehr Personalchefs schätzen. Zum Beispiel Marion Christine Welzel, Personalmanagerin des IT-Dienstleisters Netfox AG in Kleinmachnow. Der Betrieb mit derzeit 65 Mitarbeitern übernimmt "immer wieder" Leiharbeiter in die Stammbelegschaft. Voraussetzung: Der neue Mitarbeiter passt nicht nur fachlich, sondern es stimmt auch im Persönlichen und Sozialen. "Zeitarbeit", sagt Personalerin Welzel, "macht es möglicht, genau das zu erkennen."

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