Zeitung Heute : Zeitschriften: Mit 30 Jahren bist du tot

Gregor Dotzauer

Über mangelnde Gelegenheiten, etwas anderes als die Berliner Luft zu atmen, brauchen junge deutsche Autoren nicht zu klagen. Sie schwärmen aus in alle Welt und präsentieren zwischen Addis Abbeba und Kuala Lumpur ihre Arbeit. Und dennoch bekommt man oft den Eindruck: Das Weltläufigste an dieser Literatur ist die internationale Neugier, die sie weckt. Hier eilt ein Komparatist aus Montreal von Buchpremiere zu Lesebühnenevent, dort streift eine Doktorandin aus Austin, Texas, durch die Kulturredaktionen. Und sie alle wollen das Geheimnis der wundersamen Literaturvermehrung aufdecken, die sich bis an ihre fernen Gestade herumgesprochen hat, aber vor Ort manchmal schnell ernüchternd wirkt. Gerade Pflichtverteidiger des jungen Menschen müssen dann unangenehme Fragen beantworten, die zumindest im Fall der von Martin Brinkmann und Werner Löcher-Lawrence herausgegebenen Anthologie "20 unter 30" (DVA, 14,90 Euro) rhetorische Künste erfordern, die die Sprachkraft der darin versammelten Autoren übersteigen. Das fängt beim Umschlag an. Warum sind darauf Eier abgebildet? Muss da die Verlagshenne noch kräftig brüten, bis die ersten Küken schlüpfen? Und sieht solange nicht ein Ei wie das andere aus? Wie steht es um die Haltbarkeit? Und warum erkennt man bei 20 annoncierten Autoren nur 16 Eier?

Leidensarm und leidenschaftslos

Diese Art-Direktoren, kann man höchstens entgegnen und versuchen, die Aufmerksamkeit auf die Beiträge zu richten. Immerhin sind Silke Scheuermann (Leonce-und-Lena Preis), Zoë Jenny (Bestsellerverdienste) und Juli Zeh (Deutscher Bücherpreis) mit von der Partie, dazu Heike Geißler (Döblin-Förderpreis), Tobias Hülswitt (Open-Mike-Preisträger) oder der 22-jährige Paul Brodowsky, dessen Debüt "Milch Holz Katzen" (Suhrkamp) zu den schönsten Hoffnungen Anlass gibt. Klangvolle Namen - wenn man sich in der Szene auskennt. Und reizvolle Texte: Bis auf einige peinliche Ausnahmen lässt sich jede einzelne, um einen eigenen Ton bemühte Erzählung verteidigen. Doch zusammengenommen sind sie von erschreckender Harmlosigkeit und Gleichförmigkeit. Überall, meint man, nichts als Ich-Erzähler, die von verpassten Uniseminaren und abendlichen Parties berichten. Überall das gleiche Schriftbild: wohlgeordnete, eingängige Sätze von kurzer bis mittlerer Länge, übersichtliche Dialoge und Absätze. Überall ausgeruhte, so leidensarme wie leidenschaftslose Wesen. Wo bleibt die Wut? Wo das ganz andere? Wohin hat sich die launische Intensität von Erfahrungen verflüchtigt, die einen sinnlos glücklich oder grundlos deprimiert durch die Tage schlingern lässt und einen augenblicksweise glasklar erkennen lässt, warum die Welt vor die Hunde geht und wie man sie retten kann?

Die Enttäuschung hat nichts mit dem dümmsten aller Vorwürfe gegenüber dem jungen Menschen zu tun: Du hast ja nichts erlebt! Sie hat ihre Wurzeln in dem Eindruck, dass hier reihenweise ehrgeizlose Verständigungstexte für die eigene Altersklasse geschrieben werden, die auch von der Abwesenheit eines Lesehorizonts herrühren. Nur dann kann man im Editorial so starke Sätze schreiben wie: "Eine erfrischende Libertinage greift um sich, wo früher Langeweile und zunehmende Lebensfremdheit herrschten." Da sollten die Herausgeber nachts mal lieber nicht älteren Kollegen wie Maxim Biller oder Matthias Altenburg begegnen, noch älteren wie Bodo Kirchhoff oder Rainald Goetz und bitte auch nicht Peter Handke, dem schön des öfteren die Hand ausgerutscht sein soll.

Dabei sind es keineswegs die Stoffe, die so fade wirken. Es ist die Verarbeitung. Man sieht das etwa an Julia Christina Wolfs Erzählung "Babyspeck", die aus der kontrollsüchtigen Sorge einer Mutter um ihre dickliche Tochter einen Konflikt zaubert, dessen dramatische Würde einer rheinisch-katholischen Glaubenskrise bei Heinrich Böll in nichts nachsteht. Wenn es in der deutschen Literatur tatsächlich neue Themen gibt, dann sind es solche Eltern-Kind-Beziehungen, wie sie auch Malin Schwerdtfegers Geschichten prägen: Einblicke in unbekannte oder in ihrer oberflächlichen Vertrautheit kenntlich gemachte Biotope, die Literatur seit jeher ausmachen.

Kreuzbrave Buben und Mädchen

Satt wird der Komparatist aus Montreal davon nicht werden. Wo soll er also suchen? Die Herausgeber der Anthologie haben an der Quelle, in Zeitschriften, geforscht und sind unter anderem bei "Edit" ( www.editonline.de ) fündig geworden. Durch das aktuelle Heft des Leipziger "Papiers für neue Texte" (Nr. 28, 4,50 Euro zzgl. Porto) weht schon durch die offenen Altersgrenzen ein erfrischenderes Lüftchen als durch die Anthologie - ohne den Schwerpunkt junge Literatur aufzugeben. Neben Hesse-Lektüren von Tim Staffel, Katharina Hacker, Nadja Einzmann und Jochen Schmidt findet man essayistische Rezensionen zu Marcel Beyer, Jochen Missfeldt, Leander Scholz und Monika "Mona" Rinck. Ohne diese Durchlässigkeit zwischen den Generationen kann es keine Literatur geben - wenn man nicht Rebellion im Sinn hat. Doch davon kann bei den kreuzbraven Buben und Mädchen von "20 unter 30" keine Rede sein.

Mona Rincks wortklauberischem Sinn für seltsame Sprachgetüme und Ungetüme kann man auch in der jüngsten Ausgabe der Berliner "Intendenzen" (www.intendenzen.de) begegnen. Das heißt: Man muss das von Ron Winkler, 29, herausgegebene Heft (3 Euro zzgl. Porto) auf den Kopf stellen und erhält dann die von Hendrik Jackson zusammengestellten "Transzendenzen". Sie enthalten auch einen Auszug aus dem sprachmächtigem Romanprojekt "Ohrenberg" des 24-jährigen Steffen Popp - und ein Gedicht des 25-jährigen Renatus Deckert. Der wiederum gibt zusammen mit Birger Dölling die "Losen Blätter" (www.lose-blaetter.de) für Literatur und Photographie heraus. Heft 20 (1,30 Euro zzgl. Porto) ist ganz der Lyrik gewidmet und enthält außer einem Gespräch mit Durs Grünbein ein Gedicht von Ron Winkler. Was immer man, auf gut neudeutsch, von soviel Networking hält: In dieser Szene ist ein ungeheurer Ehrgeiz spürbar. Es kann kein Zufall sein, dass er den Erzählern viel fremder ist.

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