Zeitumstellung : Wenn die Stunde schlägt

Alter Menschheitstraum: die Zeit anhalten, die Zeit dehnen, die Zeit beschleunigen. So wie zum Beispiel in der Nacht zu diesem Sonntag. Die Uhr um 60 Minuten vorstellen. Der Zeit ist das übrigens völlig egal – sie vergeht einfach.

Ein Mann, ein Gerät. Die Atomuhr CS2 gibt den Sekundentakt für Deutschland vor, Physiker Andreas Bauch kümmert sich um die Übermittlung der
Ein Mann, ein Gerät. Die Atomuhr CS2 gibt den Sekundentakt für Deutschland vor, Physiker Andreas Bauch kümmert sich um die...

Braunschweig Er geht mit der Zeit zur Arbeit, und er trägt sie abends nach Hause. Blickt er nachts auf den Funkwecker neben dem Bett, sieht er: die exakte Zeit. Andreas Bauch ist 53 Jahre alt, und er verbringt ziemlich viel Zeit mit der Zeit. Er misst sie, und er verbreitet sie, er gleicht sie ab, und er überwacht sie. Und gerne hätte er manchmal mehr davon, dann könnte er öfter zu Hause sitzen und lesen.

Zeit ist relativ, befand Albert Einstein, der Physiker.

Zeit muss man verwalten wie ein Unternehmer, sagt Lothar Seiwert, der Zeitmanager.

Schöne Zeit lässt sich nicht planen, meint Lotte Knetschke, 101 Jahre alt.

Zeit ist vor allem: genau messbar, weiß Andreas Bauch, ebenfalls Physiker.

Bauch ist Leiter der Arbeitsgruppe 4.42 „Zeitübertragung“ im Fachbereich Zeit und Frequenz der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig. An seinem linken Handgelenk trägt er, akkurat verschnallt, eine Uhr mit hellem Lederband. Sie geht auf die Sekunde genau.

Zwei Physiker, zwei Ingenieure und eine Softwareingenieurin arbeiten mit Bauch, der verantwortlich ist für die Zeit in Deutschland, festgelegt im Gesetz über die Einheiten im Messwesen und die Zeitbestimmung. „Die gesetzliche Zeit ist die mitteleuropäische Zeit. Diese ist bestimmt durch die koordinierte Weltzeit unter Hinzufügung einer Stunde.“ Das steht dort. Und: „Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt hat die gesetzlichen Einheiten darzustellen, weiterzugeben und die dazu benötigten Verfahren weiterzuentwickeln.“ Das macht Bauch.

Unzählige Institutionen und Unternehmen empfangen das Signal von der PTB. „Eigentlich gibt es niemanden, der es nicht bekommt“, sagt Bauch. Die Deutsche Bahn gehört dazu – alle Bahnhofsuhren ticken nach Braunschweiger Zeit –, die Telekom, Energieversorger, für die Zeit bares Geld bedeutet, und viele Menschen, deren Funkuhren auf Nachttischen stehen und an Küchenwänden hängen, für die Zeit nicht minder wertvoll ist und die davon heute Nacht eine Stunde verlieren, weil die Uhren vorgestellt werden, auf Sommerzeit, mal wieder.

Sie ist immer da, die Zeit, doch greifbar kaum, wenn man sie braucht. Philosophen und Wissenschaftler mühen sich seit Jahrhunderten, Fragen nach der Zeit zu klären. „Sie ist unter unserem Zugriff geschmolzen, entflohen, ehe wir sie berühren konnten, vergangen im Augenblick des Werdens“, schrieb 1886 William James. „Ach“, sagt Andreas Bauch an diesem Märztag trocken, „man macht ja auch noch etwas anderes.“ Freizeit ist das eine, Arbeitszeit das andere.

Die Bundesanstalt ist eine Gruppe von flachen Gebäuden, umgeben von Feldern und ein paar Bäumen, geschützt von einem bulligen Pförtner und einer Schranke, an einer Landstraße nahe Braunschweig. Zwei Mal in der Stunde fährt von der Haltestelle vor der Schranke ein Bus in Richtung Braunschweig Hauptbahnhof; sechzig Mal in der Minute, jede genaueste Sekunde, wird hier die Zeit bestimmt, von Atomuhren, seit 1959. In den 40er Jahren wurden die ersten Uhren solchen Typs gebaut. Nach Sonnen-, Wasser- und Sanduhren, Pendeluhren, Taschen-, Tisch- und Wanduhren, Kuckucksuhren, Armbanduhren und Quarzuhren sind sie nun die exaktesten aller Zeitmesser.

Elf Atomuhren stehen unter dem Dach der PTB, vier selbst gebaute, unbezahlbar, und sieben gekaufte, 70 000 Euro kostet die günstigste. Sie alle kontrollieren sich gegenseitig, vor allem aber kontrollieren zehn von ihnen die eine, die wichtigste, CS2 heißt sie. CS steht für Cäsium, CS-133, diese Sorte Atome wird darin verdampft und vermessen. CS2 misst, ganz simpel gesagt, Schwingungen eines Elektrons in einem Atom. Sind genau 9 192 631 770 Schwingungen gezählt, ist eine Sekunde vergangen. So ist es definiert, von der 13. internationalen Generalkonferenz für Maß und Gewicht 1967.

Die Cäsiumuhr ist ein Messgerät, ein Taktgeber, ohne Zählwerk und ohne Pendel. Nur für Besucher und Gäste hat man ihr eine digitale Uhr angepappt. Die hängt nun auf dem rechteckigen Kasten, der höher ist als ein Mensch; zu ihr gehört ein längliches rundes Gerät, das von Ferne aussieht wie eine Heißmangel. Beides ist miteinander verbunden durch Kabel, dünne, dicke, lange, kurze. Hohe Physik, Elektronik, Mechanik. Die Zeitumstellung? Schnöde Kultur.

Seit 1980 gibt es die Sommerzeit wieder in Deutschland, gesetzlich verordnet, aus ökonomischen Gründen, hieß es damals. Tageslicht sollte genutzt, Energie, Geld gespart werden. Zuvor ging es lange drunter und drüber mit der Zeit im Land: Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts hatte jeder Ort seine eigene Zeit, je nach Stand der Sonne. Schlug es zwölf in München, war es in Berlin schon offizielle sieben Minuten später. Bei einer Reise rund um den Bodensee waren fünf unterschiedliche Zeitzonen zu beachten. Erst seit 1893 gilt in Deutschland einheitlich die Mitteleuropäische Zeit. Mit der Sommerzeit verhielt es sich komplizierter: 1916 wurde sie eingeführt, 1919 wieder abgeschafft, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erneut verordnet. Ende des Krieges, von Mai bis September 1945, galt in der sowjetischen Besatzungszone sogar die doppelte Sommerzeit. Die richtete sich nach der Moskauer Zeit und verlangte ein Umstellen der Uhren um ganze zwei Stunden. Zwischen 1950 und 1979 dann wurde die Sommerzeit ignoriert.

Auch an den Atomuhren gehe die Zeitumstellung völlig vorbei, sagt Andreas Bauch. Die zählen weiter. Allein, das Braunschweiger Zeitsignal, es wird umprogrammiert. Ein Langwellensender übermittelt die gesetzliche Zeit an die Abnehmer in Deutschland. Der Sender steht nahe Frankfurt am Main, doch überwacht und gesteuert wird auch er aus Braunschweig. Alles vollautomatisch. Schlimmster anzunehmender Unfall: Der Strom fällt aus, und das Dieselaggregat springt nicht an. Vorgekommen ist das noch nie, weswegen es einem auch nicht bange werden muss um die Zeit.

Außerdem: Alles wird ja mit allem abgeglichen, einmal pro Stunde sendet Braunschweig per Satellit die Zeit in die Welt, nach Asien und Amerika, Frankreich, in die Schweiz. Auch dort stehen Atomuhren, mehr als 260 sind es weltweit, die den globalen Takt angeben, stumm, stoisch, ohne ein Ticken jede einzelne von ihnen. Tanzt eine aus der Reihe, wird das registriert, im Bureau International des Poids et Mesures in Paris, das die Atomuhren weltweit überwacht und die internationale Atomzeit TAI festlegt.

Und CS2 ist zäh, sie geht nicht vor und nicht nach, und stehen bleibt sie nie. Seit 1985 ist sie in Betrieb, das ist selbst für eine Cäsiumuhr erstaunlich lange. Die Halle, in der die Uhr steht, ist mit Kupferplatten ausgekleidet. Das soll dafür sorgen, dass keine elektromagnetische Strahlung hineingelangen und die Uhren irritieren kann, aber es wirkt auch ein bisschen feierlich. Goldener Glanz für die genaueste Uhr in ganz Deutschland: Eine gewöhnliche Armbanduhr geht etwa eine Sekunde am Tag falsch, bei der Atomuhr ist es eine Sekunde in zwei Millionen Jahren. So genau ist sie, dass sogar die Erde mit ihrer Rotation nicht nachkommt. In 24 Stunden dreht die sich gewöhnlich um sich selbst, doch lange nicht so regelmäßig wie gedacht. Weswegen CS2 mit ihrer Pedanterie die Erde glatt überholte – wenn es nicht von Zeit zu Zeit eine globale Schaltsekunde gäbe, Anfang 2009 zuletzt. Dann wird das übermittelte Zeitsignal angehalten, ganz kurz, und alles ist wieder im Lot.

„Zeit ist, was verhindert, dass alles auf einmal passiert“, definierte John Archibald Wheeler, noch ein Physiker. Von Menschen gemacht, von der Regierung mit ihrem Zeitgesetz verwaltet, von Experten kontrolliert – und umsorgt. Stabilität braucht sie, die Zeit, einen festen Boden, auf dem die Atomuhren stehen. Und ein ausgeglichenes Klima, nicht zu trocken, nicht zu feucht, vor allem aber: keine Schwankungen in der Temperatur. 22,24 Grad Celsius beträgt die Wärme im Raum, 11.34 Uhr Ortszeit Braunschweig. Nun läuft, was läuft, zählt, was zählt, stetig, unaufhaltsam, das haben wir davon. Ein „Orientierungsmittel“ sei die Zeit, fand der Soziologe Norbert Elias. Entkommen jedenfalls kann ihr niemand. Verjagen kann man sie auch nicht.

„Die Zeit vertreiben, das ist ein blöder Spruch“, sagt der Physiker Bauch. Mors certa hora incerta steht auf der Rückseite von CS2, wo es nur sieht, wer sich auch um die Kehrseite der permanenten Zeiterfassung schert: Der Tod ist gewiss, nur die Todesstunde ist es nicht.

Lotte Knetschke ist auf diese Stunde schon lange vorbereitet – nur kommt sie nicht. Die 101-Jährige, das weiße Haar akkurat kinnlang geschnitten, sitzt im Berliner Seniorenheim Ruhesitz am Zoo und sagt, dass sie nun einfach wieder von vorne anfängt zu zählen. „Eins“ sei sie im Januar geworden. Das erzählt sie und lacht, weil nach hundert Jahren ja eigentlich mal Schluss sein müsste mit dem Leben, ihres nun aber trotzdem weitergeht.

Zwei Kriege hat sie überlebt. Zwei Söhne großgezogen, allein; einen Kosmetiksalon betrieben, auch allein. In ihrem Zimmer ist der große Sessel, in dem die kleine Frau versinkt, nah vor den Fernseher geschoben. Bilder ihrer Familie stehen im Regal, hängen an der Wand über dem Bett. Neben dem Sessel steht ein kleiner Tisch, darauf ein CD-Spieler, Hörbücher, denn lesen kann sie kaum noch. Eines hebt sie hoch: Sándor Márai „Die Nacht vor der Scheidung“, gelesen vom Schauspieler Charles Brauer, ihrem Sohn.

Auch Lotte Knetschke war verheiratet. Es gab gute und schlechte Zeiten, später überwiegend schlechte. Sie ließ sich scheiden.

24 Stunden hat der Tag, 86 400 Sekunden, das ist unumstößliche Wahrheit in der Welt der Metrologen. Und jede Sekunde ist schlicht und per Definition „das 9192631770-fache der Periodendauer der dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustandes von Atomen des Nuklids CS133 entsprechenden Strahlung“. Gar nicht so kompliziert, findet Andreas Bauch, der Physiker. Um kurz nach zwölf jedenfalls ist in Braunschweig erst mal Mittagspause.

„Entscheidend ist, ob wir uns zum Zeitopfer machen lassen oder selbst über unsere Zeit bestimmen“, sagt Lothar Seiwert, Zeitmanager, Jahrgang 1952. Etliche Bücher hat Seiwert geschrieben, darüber, wie das Leben wirkungsvoll strukturiert und geplant werden kann. „In 12 Schritten zum Meister der Zeit“, heißt zum Beispiel ein Artikel von ihm. Zum Lebensunternehmer müssten die Menschen werden, sagt Seiwert und meint damit: Pläne erstellen und Listen, sich die Zeit zunutze machen und nicht mehr ausgeliefert fühlen. Wieder einfangen, was wir selbst losgelassen haben, sozusagen. Denn auch er weiß: „Die Zeit selber können wir natürlich gar nicht managen, sie vergeht einfach.“ Vor allem dann, wenn es am schönsten ist – und quälend langsam, wenn man wünschte, sie raste. Aber warum das so ist, das weiß auch ein Zeitmanager nicht.

Schon in den 1930er Jahren stellte der Wissenschaftler Emil Ritter von Skramlik fest, dass die physiologische Uhr des Menschen etwa 400 Mal weniger genau geht als das damals beste mechanische Zeitmessgerät. Jahrzehnte später zeigten Studien, dass kaum ein Zeuge die Dauer eines Verbrechens exakt angeben kann – meist wurde sie deutlich länger geschätzt, als sie tatsächlich war. Und während dem einen der Besuch im Museum kurzweilig erscheint, langweilt der andere sich. Das liegt am Interesse und an der Motivation für das, was geschieht, sagen Psychologen. Sie nennen es Aktivierungsniveau. Ist es gering, dehnt sich die Zeit, ist es groß, verfliegt sie. In der Erinnerung kehrt sich dies um. Subjektiv gesehen. Objektiv, das versteht sich, vergeht die Zeit stetig.

„Langeweile“, sagt Lotte Knetschke, „hab ich früher nie gekannt.“ Früher, als sie noch beweglicher war und ihre Tage voll. Heute vergehen die Nachmittage im Heim manchmal schleppend. Der dritte Mann ihrer Skatrunde ist krank und spielt nicht mehr – ein Ersatz ist noch nicht gefunden –, und das Fernsehprogramm gefällt ihr nicht. Vor ihr auf dem Beistelltisch tickt ein Wecker mit großem Ziffernblatt. Die Zeiger ruckeln, in Lotte Knetschkes Ohrläppchen schaukeln zwei Ohrringe in Form von Hufeisen. Dass sie mal so alt wird, hätte sie nie gedacht. Wie lange das noch weitergeht? Es interessiert sie nicht, sie hält nichts vom Management der Zeit, die bleibt.

Der Tag kommt so auf einen zu, sagt sie und dreht die Daumen im Schoß. Anhalten kann man ihn nicht.

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