Zeitung im Salon am 21. Oktober : Hier ist Gegenwart

Der Mann, der Pop-Art nach Deutschland brachte: Nicola Kuhn und der Kunsthändler Rudolf Zwirner präsentieren eine Autobiografie.

Ein Stück Kunstgeschichte. Rudolf Zwirner erzählte Tagesspiegel-Redakteurin Nicola Kuhn sein Leben, sie schrieb es auf. Foto: Thilo Rückeis
Ein Stück Kunstgeschichte. Rudolf Zwirner erzählte Tagesspiegel-Redakteurin Nicola Kuhn sein Leben, sie schrieb es auf....Foto: © Thilo RŸckeis TSP

Die Kunst! Sie brachte Orientierung in sein Leben. Als der junge Rudolf Zwirner, der bis dahin lustlos Jura studiert hatte, 1955 die documenta in Kassel besuchte, da wusste er: Jura ist nichts, die Kunst ist alles für mich. Die Kunst ist mein Weg.

In der Kasseler Schau zwischen Kriegsruinen beeindruckte Zwirner zum einen die Kunst der zwanziger und dreißiger Jahre. Mit dem Bauhaus, mit Expressionismus und Abstraktion hatte er – 1933 geboren, Kindheit im „Dritten Reich“, aufgewachsen in der Nachkriegszeit – zuvor wenig Kontakt gehabt. Vor allem aber faszinierte ihn die Gegenwartskunst, Werke von Henry Moore, Bernhard Heiliger, Wilhelm Lehmbruck.

Er schockierte traditionelle Galeristen

Der Gegenwartskunst verschrieb er sich dann auch in seinem weiterem Werdegang als Kunstsammler und Kunsthändler: Zwirner eröffnete Galerien in Essen und Köln, er erfand 1967 die erste Kunstmesse der Welt in Köln, er inszenierte Happenings und schockierte traditionelle Galeristen durch die Art, wie er Kunst präsentierte, er holte die Pop-Art nach Deutschland und zeigte Andy Warhol, Jim Dine und Roy Lichtenstein zu einer Zeit, als sich noch niemand dafür interessierte. Überall Gegenwart! Der Titel von Rudolf Zwirners neuer Autobiographie lautet denn auch folgerichtig: „Ich wollte immer Gegenwart“ (Wienand Verlag, 256 Seiten, 25 Euro).

Geschrieben hat das Buch Tagesspiegel-Redakteurin Nicola Kuhn, die seit über 20 Jahren im Feuilleton für die Kunst zuständig ist. Sie hat den heute 86-jährigen Zwirner, der ein großer Erzähler von Anekdoten ist, interviewt und sein Leben gewissermaßen schriftlich in eine Ordnung gebracht. Das Buch erscheint am 20. Oktober, die Buchpremiere mit Rudolf Zwirner und Nicola Kuhn findet am 21. Oktober im Tagesspiegel-Salon statt. Die Moderation übernimmt Jan Oberländer, Chefredakteur des Tagesspiegel-Magazins „Berliner –Kunst“.

Sie wollte kein Ghostwriter sein

Die Autobiografie eines anderen Menschen zu schreiben, ist eine Aufgabe ganz eigener Art – für Nicola Kuhn war sie neu. Oder doch nicht: „Als Journalistin interviewe ich sehr oft Menschen und gebe ihre Antworten wieder, manchmal auch in Form eines Protokolls. Ich habe versucht, mich in Rudolf Zwirners Ton reinzuhören und den Text so klingen so lassen, als habe er ihn selbst verfasst.“ Andererseits wollte sie aber auch nicht als „Ghostwriter“ verschwinden, sondern als Autorin erkennbar sein; auf dem Buch steht daher auch ihr Name. Nicola Kuhn ist als Buchautorin zuvor mit ihrer Biographie des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt in Erscheinung getreten („Hitlers Kunsthändler“, mit Meike Hoffmann, 400 Seiten, C.H. Beck, 2016). Während ihres Studiums der Kunstgeschichte in Köln hat sie schon Zwirners Galerie besucht, mit Zwirners Ehefrau Dorothea ist sie aus Studienzeiten befreundet. Von ihr ging der Anstoß aus, Nicola Kuhn als Autorin zu gewinnen.

"Du hast mich in der Kunstgeschichte verortet"

„Als ich die ersten Kapitel geschrieben und Rudolf Zwirner geschickt hatte, war ich natürlich gespannt, wie sie ankommen würden. Aber beide Zwirners haben gleich gesagt: Das ist der richtige Ton. Dorothea hörte sofort Rudolf darin.“ Die Autorin hat mehr geleistet, als „nur“ aufgeschrieben, was ihr erzählt wurde. Sie hat geschichtliche Details geprüft, ergänzt, Hintergründe hinzugefügt. „Rudolf Zwirner sagt: Du hast mich in der Kunstgeschichte verortet. Das war mein Ziel, denn er ist selbst ein Stück Kunstgeschichte.“

Die analoge Begegnung mit der Kunst bleibt unverzichtbar

Das Buch liest sich somit auch als Panorama des Kunsthandels und der Entwicklung der modernen Kunst von den fünfziger bis zu den neunziger Jahren. Zwirner wollte ja „immer Gegenwart“: Auch deswegen zog er sich aus dem Kunsthandel zurück, als er merkte, dass er nicht mehr ganz am Puls der Zeit war. Anfang der neunziger Jahre schloss er seine Galerie in Köln und zog nach Berlin. Sein Sohn David gehört heute zu den wichtigsten Kunsthändlern weltweit, er hat Galerien in New York, London, Hongkong und demnächst Paris. Für seinen Vater wie für ihn bleibt die Begegnung mit der Kunst in einem analogen Raum, in einer Galerie unverzichtbar. Hier ist der direkte Kontakt von Mensch und Werk. Hier ist Gegenwart.

BUCHVERLOSUNG

Wir verlosen Exemplare des Buchs. Mitmachen können Sie bis zum 24. September unter www.tagesspiegel.de/gewinnen oder per Postkarte an Der Tagesspiegel, Askanischer Platz 3, 10963 Berlin, Stichwort Salon.

Mehr zum Thema

Zeitung im Salon mit Nicola Kuhn und Rudolf Zwirner. Moderation: Jan Oberländer. Montag, 21. Oktober, Beginn 19 Uhr. Eintritt inkl. Sekt und Snack 16 Euro. Infos und Anmeldung.

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