"Zeitung im Salon" am 5. Juli : "Das Russland meines Vaters": Nik Afanasjew präsentiert sein neues Buch

Halb Deutscher, halb Russe: Autor Nik Afanasjew ist von der Krim bis an den Pazifik gereist. In seinem Buch erzählt er von Stalin-Verehrern und Selfmademen in einem Land der Extreme.

Halb Deutscher, halb Russe. Nik Afanasjew kam mit zehn Jahren nach Deutschland.
Halb Deutscher, halb Russe. Nik Afanasjew kam mit zehn Jahren nach Deutschland.Foto: Foto: Shooresh Fezoni/btb Verlag

Nikolaus Kerber! Das wäre doch ein schöner Name. Erwartungsvoll blickt der Beamte den kleinen Nikita Afanasjew an, der gerade erst mit seiner Mutter und Schwester in Deutschland eingetroffen ist – die Mutter, Mädchenname Kerber, ist deutschstämmig und Spätaussiedlerin. Also, Nikita, willst du künftig, in deinem neuen Leben hier in Deutschland, Nikolaus Kerber heißen?

Tscheljabinsk, 3500 Kilometer entfernt

Nikita will nicht. Die ersten zehn Jahre seines Lebens hat er in Tscheljabinsk verbracht, einer Industriestadt am Ural, anderthalb Tage Zugfahrt östlich von Moskau. Nun, 1993, ist er 3500 Kilometer entfernt hier in Recklinghausen angekommen, weil seine Mutter ihre Kinder in Sicherheit bringen möchte vor den Wirren der postsowjetischen Umbrüche. Der Zehnjährige findet „Nikolaus“ albern und „Kerber“ fremd, er wird keinen deutschen Namen annehmen. Aber er wird sich als „Nik“ an die deutsche Zunge anpassen, wird Fußball spielen, Schule und Studium abschließen. Er wird nach Berlin gehen und als Volontär beim Tagesspiegel das journalistische Handwerk erlernen und den Reporter-Preis für eine Reportage bekommen, wird als Reporter für verschiedene Medien arbeiten und ein Buch schreiben. Integration: gelungen!

"Du bist voll von westlicher Propaganda"

Ganz anders der Weg seines Vaters. Sergej Afanasjew, nicht deutschstämmig, folgt seiner Familie erst einige Jahre später und ist bis heute nicht angekommen. „Ich wohne hier nicht, ich halte mich hier auf“, sagt er, guckt russisches Fernsehen und streitet mit seinem Sohn über Politik. Die Ukraine ist böse, die Annexion der Krim nur richtig, die Russen in der Ukraine werden unterdrückt. Wenn der Sohn widerspricht, wirft er ihm vor: „Du bist voll von westlicher Propaganda“.

Viele Familien aus der ehemaligen Sowjetunion gingen an diesem neuen Kalten Krieg zugrunde, sagt Nikita Afanasjew, die ständigen politischen Streitereien führten zu Entfremdung und schließlich Sprachlosigkeit. Für ihn waren die Auseinandersetzungen mit seinem Vater der Anlass, sich im Sommer 2016 auf eine „Reise in das Russland meines Vaters“ zu begeben. „Ich wollte verstehen, was aus dem Land geworden ist, das einmal meine Heimat war“, sagt er. In seinem Buch „König, Krim und Kasatschok“ (btb Verlag, 249 Seiten, 16 Euro) beschreibt Afanasjew diese lange Reise in den Osten, von der Krim über Moskau nach Tscheljabinsk und weiter durch Sibirien bis an den Pazifik, unterbrochen von Rückblicken auf seine Erlebnisse und die seiner Familie in Deutschland. Im Tagesspiegel-Salon wird Afanasjew sein Buch am 5. Juli vorstellen und darüber mit Feuilleton-Chef Rüdiger Schaper sprechen.

Ober-Hooligan mit melancholischem Blick

Bis zum Salon-Abend wird man wissen, wie Russland die Herausforderung der Fußball-WM gemeistert hat. Afanasjew hat auf seiner Reise auch den Chef der russischen Fanvereinigung VOB Alexander Schprygin getroffen, sozusagen den Ober-Hooligan. „Das wird die sicherste WM aller Zeiten“, prophezeite der damals. „Die russischen Sicherheitsorgane haben alles unter Kontrolle.“ Rechtsradikale seien kein Problem in Russland, versicherte der Fan-Chef mit dem melancholischen Blick, von dem einschlägige Fotos im Internet kursieren.

Halb Deutscher, halb Russe

Eine von zahlreichen widersprüchlichen Begegnungen, die Afanasjew in den Weiten Russlands erlebt. Er trifft einen Selfmade-Uhrenmacher in einer Kleinstadt an der Wolga, unterhält sich mit Zugreisenden – „wir haben euch die Wiedervereinigung gegönnt, warum gönnt ihr uns die Krim nicht?“ – und besucht den Chef einer Sowchose, der in seinem Dorf eine riesige Stalin-Statue aufgestellt hat: Denn der habe „aus einem Acker eine Atommacht gemacht“.

Als „halber Deutscher und halber Russe“ sucht Afanasjew für sich nach einer Haltung. Er fühlt sich „eingequetscht“ zwischen zwei Positionen, die er beide nur eingeschränkt teilt: Der Westen sieht Russland als revanchistisch und aggressiv, Russland fühlt sich vom Westen gegängelt und eingekreist. Welchen Weg er für sich nach all seinen Begegnungen gefunden hat, darüber wird Nik Afanasjew mit den Salon-Gästen diskutieren. Ein Freund jedenfalls findet, er mache sich das Leben unnötig kompliziert: „Du denkst zu viel. Der Westen hat dich weich gemacht.“

BUCHVERLOSUNG

Wir verlosen Exemplare des Buchs. Mitmachen können Sie bis zum 26. Juni hier. Zeitung im Salon mit Nik Afanasjew, Donnerstag, 5. Juli, 19 Uhr, Askanischer Platz 3, 10963 Berlin-Kreuzberg. Eintritt inkl. Sekt und Snack 16 Euro. Infos und Anmeldung hier.

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