Zeitung Heute : Zeitung lesen ist harte Arbeit

Wie eine Schülerin ihre Aufgabe missverstand

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Einen Schulranzen hatte sie. Aber Bücher gab es kaum, auch Hefte nicht. Manchmal schrieben sie auf Zeitungsrändern. Das Beste an der Schule gleich nach dem Krieg war die Schulspeisung. Das Schlechteste: die Hausaufgaben.

Das Mädchen Barbara war im September 1945 zwölf Jahre alt und ging auf die GertrudStauffacher-Oberschule in Mariendorf, eine Mädchenschule. Die hatte gerade erst wieder zu arbeiten begonnen. Und die Kinder waren alle so froh, dass sie da jeden Tag hingehen konnten. Barbara lebte mit ihren Eltern im Greveweg, in ihrem alten Haus, das schwer beschädigt war, aber in Teilen bewohnbar.

Die Lehrer, sofern sie überhaupt qualifiziert waren, suchten sich die Unterrichtsthemen irgendwie zusammen. Auch der Deutschlehrer, der Barbara ihre verhängnisvolle Hausaufgabe gab, behalf sich mit dem, was da war: mit Zeitungen. Barbara bekam eine der ersten Tagesspiegel-Ausgaben in die Hand gedrückt, und ihre Aufgabe hieß: Berichte über diese Neuerscheinung. Das in Zeitungslektüre unerfahrene Mädchen studierte also mit großer Gründlichkeit jeden Artikel und jede Meldung und verfasste auf ihrem bisschen Papier Zusammenfassungen. Die Zeitung damals hatte nur vier Seiten, aber es war trotzdem viel Arbeit. Als sie ihre Zusammenfassungen vor der Klasse vortrug, guckte der Lehrer erst erstaunt, dann entgeistert, und zuletzt brach er den langatmigen Vortrag ab – und erläuterte seinerseits, was es mit Titelseiten, Meldungen und Kommentaren auf sich hat.

Die Schülerin ließ sich davon nicht abschrecken – sie liest bis heute den Tagesspiegel. Zusammenfassungen von Artikeln hat sie aber nie mehr verfasst. ari

Barbara Pickel, Jahrgang 1933, lebte zeitweise in Franken, seit 1960/61 wieder in Berlin. Die Gertrud-Stauffacher-Schule wurde 1953 mit der Eckener-Oberschule zusammengelegt, die es bis heute gibt.

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