Zeitung Heute : Zelle neben Zelle

Die Islamische Dschihad-Union wurde in Usbekistan gegründet. Was hatte sie in Deutschland vor?

Frank Jansen

Es ging nicht nur um Allah, ums „Paradies“ und um den ersehnten Tod möglichst vieler „Ungläubiger“: Mit den in Deutschland geplanten Attentaten wollte sich die von Pakistan aus agierende Islamische Dschihad-Union offenbar auch als terroristischer Global Player etablieren. „Es ging darum, die Islamische Dschihad-Union weltweit bekannt zu machen“, sagt ein hochrangiger Experte, „das war für die eine Prestigeangelegenheit“. Hunderte Menschen hätten sterben sollen, um die Dschihad-Union zum neuen Schwergewicht im Netzwerk der Gotteskrieger zu machen – neben Al Qaida, den Taliban, der irakischen Ansar as Sunna und anderen Terrorgruppen.

Das bizarre Motiv – nicht das einzige, aber offenbar von größerer Bedeutung – erkannten die Sicherheitsbehörden während der Überwachung der Zelle in Deutschland. Die Terrorverdächtigen kommunizierten über versteckte E-Mails mit einem speziellen Ansprechpartner der Dschihad-Union in Pakistan. Die Organisation hatte die Bundesrepublik offenbar ins Visier genommen, weil hier noch kein islamistischer Anschlag gelang. Fast alle Versuche konnten die Sicherheitsbehörden stoppen, nur bei den im Juli 2006 in zwei Zügen deponierten Kofferbomben kamen sie zu spät – doch die Sprengsätze detonierten nicht, wegen eines technischen Fehlers.

Hätte die Zelle wie geplant fünf Autobomben zünden können, wäre der Dschihad-Union eine grausame Premiere gelungen – mit einem weltweiten Echo. Obwohl die USA, Großbritannien und Israel in der Terrorszene stärker verhasst sind als Deutschland, waren sie für die Dschihad- Union wohl weniger interessant, weil dort schon andere Islamisten spektakuläre Anschläge verübt hatten. „Ein Anschlag in Deutschland wäre ein Signal gewesen: Wir sind auch wer“, sagt ein Sicherheitsfachmann.

Der Fall lässt erahnen, in welchem Maße Islamisten auch von Konkurrenzgedanken und kommerzieller Logik getrieben sein können. Anschläge im Zentrum einer führenden Wirtschaftsnation, die über einen effektiven Sicherheitsapparat verfügt, steigern nach dieser Logik nicht nur den Stellenwert innerhalb des Terrornetzes. Eine Terrororganisation könnte auch damit rechnen, dass der Zulauf an jungen, unzufriedenen Muslimen zunimmt. Und die Einnahmen aus Sammlungen in Moscheen, in denen Hetzprediger das große Wort führen, würden steigen. Ein Angriff in Deutschland hätte die Islamische Dschihad-Union wohl stärker „geschäftsfähig“ gemacht – zulasten anderer Terrororganisationen, auch wenn es enge Verbindungen gibt und die Dschihad- Union sogar von Al Qaida mitfinanziert wird.

Bereits die Gründung der Dschihad- Union in Usbekistan zeugte vom Anspruch auf internationale Ausstrahlung. Die Gruppierung spaltete sich vor fünf Jahren von der „Islamischen Bewegung Usbekistans“ ab, deren Hochburg im usbekischen Ferghanatal liegt. Im Jahr 2004 verübte die Dschihad-Union erste Anschläge, unter anderem auf die Botschaften der USA und Israels in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Etwa 50 Menschen starben. Die Terrorvereinigung verlagerte dann ihre Aktivitäten nach Pakistan, weil das Land als eine der Drehscheiben im „heiligen Krieg“ gilt.

Von Pakistan aus beteiligt sich die Dschihad-Union auch an den Angriffen auf die internationalen Truppen in Afghanistan. Im Juni kam beim Anschlag auf eine britische Patrouille ein Soldat ums Leben. Die Dschihad-Union bekannte sich im Internet zu der Tat – mit der Parole, man habe der britischen Regierung „Geschenke geschickt“. Dieses Vokabular begegnete den deutschen Sicherheitsbehörden auch bei der Überwachung der Kommunikation zwischen der Zelle in der Bundesrepublik und der Dschihad-Union in Pakistan. Das war ein deutliches Zeichen: Die Anschlagsgefahr wuchs.

Der Mann aus Pakistan fragte mehrmals seine „Brüder“ in Deutschland: „Sind die Geschenke bereit?“ Es ging um den Termin der Anschläge, die Art der Attentate konnte die Zelle selbst bestimmen. Die Dschihad-Union drängte jedoch, wenn auch „im großväterlichen Ton“, wie ein Experte sagt. Im September sollten die Anschläge verübt werden. Die Zelle hielt sich an die Vorgaben – und plante Angriffsvarianten bis hin zum Selbstmordanschlag. Favorisiert wurde die Variante, nahe einer Diskothek oder eines Supermarktes erst einen kleinen Sprengsatz zu zünden. In das Chaos der Flüchtenden und der herbeieilenden Rettungskräfte und Polizei hinein sollte eine Autobombe detonieren. Wäre eine Zündung aus der Ferne per Handy unsicher erschienen, wollten die Islamisten in den Fahrzeugen, die mit Kanistern voller Wasserstoffperoxid präpariert werden sollten, sitzen bleiben. Bis zuletzt.

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