Zelt-Erlebnisse : Kannst du auch nicht schlafen?

Zelten, das ist Abenteuer, das ist Freiheit, das ist Natur. Mit dieser Idee fahren alle los. Und dann? Fünf Camper packen aus.

Es zerstört Beziehungen und ist manchmal lebensgefährlich. Doch Zelten kann auch ganz schön sein – wie hier an einem See in Norwegen.
Es zerstört Beziehungen und ist manchmal lebensgefährlich. Doch Zelten kann auch ganz schön sein – wie hier an einem See in...Foto: imagebroker / vario images

DER GERUCH NASSER SOCKEN

Jungverliebten Paaren würde ich, aus der Fülle meiner Lebenserfahrung heraus, von einem Zelturlaub abraten. Mit 20 habe ich mit meiner Freundin einen Zelturlaub in Irland verbracht. Wir waren total verliebt, mit allen Nebenerscheinungen, die so etwas mit sich bringt. Dann regnete es drei Wochen lang.

Wenn man total verliebt ist und mit dem betreffenden Menschen viele Tage in einem Zweipersonenzelt verbringt, das man wegen Starkregens nur zur Verrichtung der Notdurft und zum Kauf von Nahrung verlassen kann, beginnt man, die Beziehung zu überdenken. Unsere Liebe ist an diesem Zelt gescheitert.

Es hängt mit scheinbaren Belanglosigkeiten wie dem Geruch nach nassen Socken zusammen. Man denkt als Verliebter, dass man an einem Menschen alles mag, einfach alles, bis man einige Tage lang die nassen Socken dieses Menschen gerochen hat. Danach ist man nicht mehr sicher, ob man wirklich alles mag.

Wir hatten auch einen kleinen Kocher und haben versucht, während der Regen prasselte, Dosensuppen zu erwärmen. Der Geruch von lauwarmer Gulaschsuppe hält sich in einem Zelt drei Tage lang, der Geruch von Erbsensuppe vergeht interessanterweise etwas schneller.

Über störende Intimgeräusche aus Nachbarzelten ist viel publiziert worden. Meiner Ansicht nach sind es eigentlich gar nicht so sehr diese Geräusche, die stören, sondern das Bewusstsein, selber womöglich ähnliche Geräusche zu produzieren, welche dann von den Nachbarn in genauso taktloser Weise kommentiert werden, wie man selber es auch tut.

Heitere Gelassenheit ist eine Lebenshaltung, die sich in einem kleinen Zelt bei Regen nur sehr bedingt aufrecht erhalten lässt. Ob ein brütend heißes Zelt besser ist für die Partnerschaft, weiß ich nicht. Mag sein, dass der Geruch von schweißnassen Socken auf die Sinne Verliebter anders wirkt als der von regennassen. Trotzdem sollten frisch Verliebte unbedingt die Buchung eines Hotelzimmers in Erwägung ziehen, ersatzweise den Kauf von zwei Einzelzelten. Harald Martenstein

WIE JIMI HENDRIX

Ich war nicht so der Zeltreisende als Jugendlicher, ich hatte auch gar keines. Was sich als echter Nachteil erwies, als ich mal mit 17 mit zwei Kumpels im Wald übernachtete. Wir waren West-Berliner und hielten es für eine gute Idee, in den ganzen sechs Wochen Sommerferien mit dem Moped kreuz und quer durch Westdeutschland zu reisen. Im Allgäu fing es unglaublich an zu regnen, damals gab es auch schon schlechte Sommer. Also schlugen wir unser Lager auf einem kleinen Hügel auf, und spannten eine Plastikplane zwischen die Bäume. Wie wir da so lagen, das war ein echter Tiefpunkt.

Im Nachhinein hielt ich unsere Tour trotzdem für ein Riesenabenteuer. Und inzwischen Vater geworden, beschloss ich dieses Abenteuer mit meinem Sohn zu wiederholen. Der Junge muss so acht gewesen sein. Ein richtiges Vater-Sohn-Abenteuer. Das ganze sollte Pfingsten in Dänemark stattfinden. Dummerweise erzählte ich meiner Frau davon. Toll, sagte sie, da komme ich mit. Hat man je von einem Vater-Sohn-Abenteuer gehört, bei dem die Frau und Mutter mitkommt? Aber sie ließ sich nicht abhalten. Leider war das einzige Zelt, über das wir verfügten, ein Zweipersonenzelt, ich musste also noch eines leihen. Dieses erwies sich als körpergroßes, reusenähnliches Konstrukt mit allenfalls 20 Zentimetern Kopffreiheit. Niemals könne sie darin schlafen, befand meine Frau. Folglich bezog sie mit unserem Sohn das andere, und ich rollte meinen Schlafsack in die Reuse. Es wurde eine bedrückende Nacht.

Für den nächsten Tag hatte ich vorgeschlagen, mit dem Jungen Würstchen am Lagerfeuer zu grillen, ein VaterSohn-Ding. Es kam anders. Ein wohlmeinender Campingfreund machte mich darauf aufmerksam, dass ich mein Zelt direkt unter einem gebrochenen Kiefernast aufgeschlagen hatte, der lose an einem Stück Rinde baumelte und jeden Moment drohte, aus großer Höhe auf mich herabzustürzen. Ich musste das Zelt woanders neu aufschlagen. Vorher aber galt es, die Harzflecken zu beseitigen, denn, so warnte der Camper, würde ich es so einrollen, das Zelt würde unweigerlich zusammenkleben wie ein Baumkuchen, und niemand wäre je in der Lage, die Schichten voneinander zu lösen.

Ich kaufte also eine Flasche Waschbenzin und rubbelte den ganzen Tag an den Flecken herum. Am Abend war mir speiübel, an Grillwurst mochte ich nicht mehr denken. Inzwischen hatte Nieselregen eingesetzt, der ein Lagerfeuer eh unmöglich machte. Dänemark kann zu Pfingsten recht ungemütlich sein. Die zweite Nacht in meiner Reuse, das Dach dicht über dem Gesicht, das erinnerte mich schon an die Tour durchs Allgäu. Nur, diesmal war alles viel schlimmer. Ich war allein, hatte den Dunst von Waschbenzin in der Nase. Niemand würde bemerken, wenn ich mich im Schlaf übergebe und einen ähnlichen Tod wie Jimi Hendrix erleide.

Meine Frau fand den Urlaub übrigens gut. Sie kommt aus einer Camperfamilie. Wir haben uns wenig später einen Wohnwagen gekauft. Andreas Austilat

EIN HUND IM VORZELT

J. hatte im Schlaf immer geschrien, das Geschrei begleitete unsere Freundschaft seit der fünften Klasse. Bei Übernachtungsbesuchen weckte er mich mit Anrufungen von diesem und jenem und vor allem seiner Mutter. „Mama, lass das“ – „Nein, Mama, nicht“ – bis heute rätsele ich, was diese patente Gesamtschullehrerin ihrem Jungen angetan haben könnte, um derartiges Gebrüll zu rechtfertigen.

Beim gemeinsamen Zelten in Dänemark erreichte J. den Höhepunkt seiner Schreizeit. Vielleicht lag es daran, dass die dünnen Zeltwände die Geräusche der Nacht und den Mondschein nahezu ungefiltert in sein Unterbewusstsein dringen ließen – selten jedenfalls ist eine nicht anwesende Mutter so mit Zurechtweisungen bedacht worden. Mir machte das nichts aus – ich kannte das ja: den erstarrt auf der Schlafstatt sitzenden J., die aufgerissenen Augen und das Fehlen jeglicher Erinnerung am nächsten Tag. Erst als J. in der letzten Nacht unserer Reise nicht seine Mutter, sondern fortwährend „Nehmt den Hund aus dem Vorzelt, der Hund soll aus dem Vorzelt verschwinden“ rief, da schaute ich kurz durch das Fliegengitter aus unserer Schlafkoje in den vorderen Zeltteil. Allein: Da war kein Hund.

Dass uns beim Erwachen am Morgen ein riesiger Wolfshund aus dem Vorzelt anblickte, dass ich es war, der daraufhin zu schreien anfing, was sowohl den Hund als auch J. irritiert herüberschauen ließ, dass ich deshalb nie mehr zum Zelten gefahren bin, das glaubt mir heute kein Mensch mehr. Okay, zugegeben: Dass ich nicht mehr zelte, hat andere Gründe. Es ist so mühsam, sich als großer Mensch in einem niedrigen Raum (Zelt) von einer tief gelegenen Liegefläche (Isomatte) zu erheben. Vor Hunden im Vorzelt fürchte ich mich so wenig wie vor paranormalen Grenzerfahrungen. Johannes Schneider

LAGERKOLLER

„Es gibt nichts Schlimmeres als Urlaub im Zwei-Mann-Zelt!“, sagte neulich ein Kollege zu mir. „Doch!“, erwiderte ich. „Gibt es! Urlaub im Zwanzig-Mann-Zelt!“

Ich weiß, wovon ich rede. Ich war Pfadfinder. Ich kenne den Iltis-Gestank pubertierender Jungs und den Standardverlauf von Diarrhoe-Epidemien. Ich kenne die Tonleitern des Stimmbruchschnarchens, ich kenne das quälende Sehnen, das die Schattenspiele auf den Planen der Mädchenzelte auslösen, ich kenne drei Gitarrenakkorde und 127 Knoten. Ich kenne die subtilen Abstufungen beim Widerstand gegen den Fahnenappell (Hand erhoben, aber mit Stinkefinger; Pfadfinderhemd, aber kein Halstuch; Halstuch, aber Bad-Religion-T-Shirt), ich kenne die Massenhysterie und den Lagerkoller, ich kenne den alten Zeltstreich, bei dem man einem Schlafenden den kleinen Finger in warmes Wasser tunkt, um unbewusstes Einnässen auszulösen, was aber nie funktioniert, weil das Kichern der Täter zuverlässig das Opfer weckt .. .

Was soll ich sagen? Es waren die besten Urlaube meiner Jugend. Jens Mühling

NA TOLL, PAPA!

Mein Vater hatte die falschen Kinder. Er wollte Abenteuer, Berg- und Fahrradtouren. Ich fand: mit einem bepackten Rad rumfahren, morgens ein nasses Zelt einpacken, abends ein stinkendes aufbauen, dazwischen langweilige Natur, zu heiße Sonne, zu nassen Regen, doof aussehen – Stress! Eine richtige Tour, ausgeschlossen, aber weil er es sich so sehr wünschte, ließen meine Schwester und ich, acht und zehn Jahre, uns auf 30 Kilometer Freiburg-Breisach ein. Ich rollte die Augen nur kurz, als wir ein Zelt aus der „wilden“ Jugend meines Vater aus dem Keller holten, um es auf einer Wiese zu putzen – es war verschimmelt, e-k-e-l-h-a-f-t – und zu imprägnieren. Ein Verkäufer hatte meinen Vater überzeugt, dass man den abgeblätterten Regenschutz wieder aufsprühen konnte.

Dann fuhren wir los. Die Sonne war zu heiß, die Mücken waren nervig, wann machen wir mal Pause, Papa? Mittags fing es an zu regnen, hörte nicht mehr auf, irgendwann wusste mein Vater nicht mehr, wo wir lang mussten, na toll. Frag endlich jemanden, sagten wir. Er war zu stolz. „Papa, wenn du jetzt nicht fragst, werf ich mich vor einen Lkw!“, schrie meine Schwester. Das wirkte. Der Alte fragte, wir erreichten den Zeltplatz, bauten das Zelt auf, warfen unser Zeug rein, aßen Würste auf einem Weinfest, trockneten langsam. Plötzlich prasselte der nächste Gewitterregen los, wir rannten zum Zelt, Rettung, zogen den Reißverschluss auf – vollgesogene Isomatten, pitschnasse Schlafsäcke, Schuhe und Chips schwammen im Wasser. Imprägnieren hatte nicht geklappt. Echt mal, Papa! Er war natürlich schuld. Immerhin hat er dann in Minuten ein Hotel aufgetrieben. Mit Fernseher! Es lief „Geld oder Liebe“, wir lagen in lachsfarbener Satinbettwäsche, sangen und erzählten Geschichten. Ich war zufrieden. Am nächsten Tag warfen wir das Zelt in den Müll. Julia Prosinger

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben