Zeitung Heute : Zentraler Faktor: Harmonie

Gunter Wolf

Wir kommunizieren mit unseren Partnern bei Mitsubishi, Hitachi oder BASF Japan über Internet und wir haben den Flugplan nach Tokio Narita-Airport im Kopf. Und wir meinen, dass Kommunikation gleich wäre mit sich Verständigen, dass sich Verständigen gleich wäre mit Verstehen und dass ein japanisches "Ja" - im Gespräch oder aus dem Internet - gleich wäre mit einer verbindlichen Bestätigung. Aus unserer Sicht gut gefolgert, aus japanischer Sicht falsch oder einfach dumm. Unsere "Denke" ist anders, weil unsere Wurzeln andere sind, so einfach ist das.

Sie wollen oder müssen nach Japan? Was tun? Reiseführer kaufen? Sie werden äußerst Nützliches erfahren: Dass man in Tokio kein Auto kaufen kann, ohne einen Parkplatz nachzuweisen; dass Japaner wenig Urlaub haben, aber unendlich viele Feiertage. Und: Dass Sie bitte frische Socken und gewaschene Füße haben sollten. Eine Einladung in eine japanische Familie werden Sie zwar kaum bekommen. Aber die Spielregel, sich die Schuhe beim Betreten einer Wohnung oder eines Lokals auszuziehen, gilt für alle - und das beste Restaurant ebenso wie für die kleinste Kneipe. So weit - so interessant. Aber all dies wird kaum helfen, Japaner auch nur Ansatzweise zu verstehen.

Wenn Sie das wollen und viel Zeit haben, lesen sie lieber "Shogun". Die Handlung ist zwar unverschämt dumm, die Liebesgeschichte ganz einfach unmöglich, über japanische Mentalität erfährt man aber eine Menge Nützliches. Doch haben Sie die Zeit für einen Schmöker mit 1023 Seiten?

Haben Sie immerhin knapp zwei Stunden übrig? Das reicht für einen sinnvollen, ersten Einstieg. Gehen sie doch ganz einfach in die nächste Videothek und besorgen sich den Film "Black Rain". Und wenn sie dort eine Szene sehen, in der ein japanisches Großraumbüro sie an eine Legebatterie erinnert, in der ein ranghoher Polizeioffizier sofort aufspringt, wenn sein Chef ihn anruft und sich dann im Telefongespräch bei jedem bestätigenden "Ja" ("hai") formell verneigt, dann sehen sie das authentische Japan. Oder zumindest ein Stück davon.

Machen wir uns nichts vor, wir sind und denken einfach anders. Unsere westliche "Denke" betont das Individuum. Die asiatische, japanische "Denke" die Gemeinschaft, die Gruppe, den Zusammenhalt und die Harmonie. Bereits die erste japanische Verfassung von etwa 520 nach Christus verankert im ersten Artikel die Harmonie - das "wa" - als zentralen Faktor des Zusammenlebens. Hatte Japan also zu einer Zeit, als sich unsere Vorfahren noch mit dem Metbecher in der Hand auf dem Bärenfell suhlten, falls sie sich nicht gerade um die Konkursmasse des weströmischen Reiches rauften, bereits eine abgeklärte Kulturstufe erreicht?

Es war wohl eher der Zwang des Faktischen. Japan ist mit rund 380 Millionen Quadratkilometern nicht gerade klein, der weitaus überwiegende Teil der vier japanischen Hauptinseln ist aber gebirgig, unwegsam, landwirtschaftlich nicht nutzbar. Damals wie heute drängt sich also eine große Bevölkerung - heute rund 125 Millionen - auf kleiner, insularer Fläche.

Sich zu isolieren, eigenständig zu sein, sich aus dem Weg zu gehen, ist kaum möglich. Nur verbindliche - und kompromisslos eingehaltene - Regeln für das Zusammenleben sichern das Überleben für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft insgesamt. Japaner sind Individuen, keine Frage, aber sie tragen ihre Individualität nicht wie wir "Westler" vor sich her. Nur in der Gruppe - wohlgemerkt der japanischen Gruppe - fühlen sie sich geborgen und sicher. Dies erleben wir bei uns, wenn wir auf eine japanische Reisegruppe ("Seht Europa, zwölf Länder in sieben Tagen") stoßen. In Heidelberg (Heidel-Disneyland) wurde für Japaner sogar ein Souvenir-Shop eröffnet: Zutritt nur für Japaner. Die japanische Gruppe ist für den Japaner die relevante Einheit und deren Harmonie zu stören ist nicht zulässig - das wohl wichtigste kulturelle Unterscheidungsmerkmal.

Im Geschäftsleben haben sich typisch unterschiedliche Vorstellungen von der jeweils anderen Seite etabliert, Meinungen und Erwartungshaltungen, die zu Missverständnissen geradezu einladen. Und damit hier nicht der Eindruck entsteht, wir wollten nur die Sicht der "Westler" vertreten, sehen wir uns doch einfach an, was japanische Manager an deutschen Managern und Geschäftspartnern - und vice versa - stört, was sie an der jeweils anderen Seite als positive Eigenschaften bewerten - und umgekehrt: Zuverlässig, fleißig, ordnungsliebend, präzise, entscheidungsfreudig und effizient - dies sind die häufigsten positiven Aussagen von japanischen Managern über deutsche Geschäftspartner. Ein Grund mit uns und unserem Bild zufrieden zu sein? Nicht notwendigerweise, denn, ganz unten auf der Meinungsskala befinden sich die folgenden Eigenschaften: höflich, kommunikationsfreudig, flexibel, teamorientiert. All dies sind Werte, die die japanische Kultur besonders hoch achtet. Und wie sehen deutsche Manager ihre japanischen Gegenüber? Teamorientiert, lernbegierig, loyal zum Unternehmen, höflich, fleißig und harmoniebedürftig - nicht aber flexibel, ganzheitlich denkend, aufrichtig, innovativ. Also: Aus japanischer Sicht sind wir unflexibel, zu individualistisch, vernachlässigen die menschliche Komponente - und denken zu kurzfristig.

Aus unserer deutschen Sicht beklagen wir mangelnde Entscheidungsfreude, Risikoscheu, Förmlichkeit, Distanz - und oft auch Ethnozentrismus und Arroganz der Söhne des "Reiches der aufgehenden Sonne". Schließlich ist es noch gar nicht so lange her, dass Akio Morita uns alle - vor allem aber die USA - lehren wollte, von Japan zu lernen. Vorgerechnet wurde, dass das Areal des japanischen Kaiserpalastes genauso viel wert wäre wie Kalifornien. Aber das war vor dem Platzen der japanischen "Bubble Economy".

Versuchen wir gerecht zu sein. Verständnis und Unverständnis liegen dicht beieinander. Wenn wir nicht einmal unsere direkten Nachbarn aus dem gleichem Kulturkreis wirklich verstehen, wie können wir dann auf die Idee kommen, Asien und Japan - und dies bitte sofort - verstehen zu wollen. Wenn wir das Wort Globalisierung in unserem Kopf richtig einsetzen, bietet sich vielleicht aber die Antwort, die für alle auch Chance ist.

Auch und gerade für die internationale Geschäftswelt ist es wichtig, sich verschiedenen Ansichten unserer Erde auszusetzen. Jeder, der zu fernen Ländern aufbricht, ist versucht, die Dinge ausschließlich aus dem Blickwinkel seiner ihm gewohnten und vertrauten Umgebung zu betrachten. Das ist eine Einstellung, die blind machen kann gegenüber fremden, andersartigen Entwicklungen. Von Japan lernen? Warum nicht? Einige Ansätze wären schon interessant.

Wenn ein japanisches Unternehmen in Schwierigkeiten ist, wenn die Kurse den Boden des Börsenparketts kratzen, beschließt der Vorstand als Vorbild seine Bezüge zu kürzen. Ob beispielsweise Telekom-Chef Ron Sommer von Japan lernen möchte?

Der Autor ist Fan von Waldhof Mannheim und glaubt, dass Deutschland Weltmeister wird.

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