Zeitung Heute : Zerbrech

Ein Mann rutscht beim Blumengießen auf seinem Balkon aus Vor allem alte Menschen ziehen sich solche Frakturen zu, weil ihre Knochen dünner werden.

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Wer weiß, wie lange er noch so dagelegen hätte, hilflos wie ein auf den Rücken gedrehter Käfer, unfähig aufzustehen. Wenn nicht die Nachbarin zufällig auf ihrem Balkon die Blumen gegossen und Winfried Carls* Schreie gehört hätte.

Die Nachbarin rief sofort die Feuerwehr, er kam ins Krankenhaus. Er kann noch nicht wieder laufen, es wird noch einige Zeit dauern, aber die Ärzte sind optimistisch. Carl ist 61, relativ jung für einen Patienten, der sich den Oberschenkelhals bricht. Das heißt, dass seine Knochen nach dieser komplizierten Verletzung vermutlich schneller heilen werden als bei einem 80-Jährigen.

Über 4000 solcher Brüche werden jährlich in Berlin versorgt. Die Hälfte aller Patienten ist längerfristig beeinträchtigt, ein Viertel dauerhaft auf Hilfe angewiesen. Manch ein Patient kann nicht mehr zu Hause leben und muss in ein Pflegeheim.

An so etwas denkt Carl nicht. „Ich bin hart im Nehmen“, sagt er. Vor ein paar Tagen wurde er operiert, er hat jetzt einen Nagel und zwei lange Schrauben in seiner Hüfte. Manchmal schlurft er mit dem Rollator über die Krankenhausflure. Bis er wieder ohne Hilfen gehen kann, wird es noch einige Zeit dauern. Der Augenblick, in dem er fiel, hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Es ist ein Moment, der wie ein Film in Zeitlupe wieder und wieder vor seinem inneren Auge abläuft. Nur dass er diesen Film nicht im entscheidenden Moment anhalten kann: vor dem Sturz. Er sei auf den Balkon gegangen, eine Gießkanne in der Hand, sei ausgerutscht und seitlich auf die kantige Schwelle der Balkontür gefallen. Ein trocken krachendes Geräusch, das dürre Bein danach wie gelähmt. Sein Wimmern, seine Hilferufe. Carl lebt allein.

Oft passieren solche Unfälle zu Hause oder auf dem Weg zum Einkaufen. Meist sind es alte Menschen, die stürzen. Mit dem Alter nimmt die Knochendichte ab, der Knochen wird spröder, weniger elastisch und bricht daher leichter. Vor allem an einer so beanspruchten Stelle wie jener nahe des Hüftgelenks. Angesichts der wachsenden Lebenserwartung der Menschen erwarten Experten, dass die Zahl der Schenkelhalsbrüche steigt. Auch junge Menschen ziehen sich diese Verletzung zu, doch die Ursachen sind dann oft heftige Sport- oder Verkehrsunfälle. Fast immer wird operiert.

Montag, 8. Mai. Auf einem Operationstisch in der chirurgischen Abteilung des Jüdischen Krankenhauses in Berlin-Wedding liegt Lucy Regener, 91 Jahre alt. Auch sie ist gestürzt. Ihr rechtes Bein ist durch den Bruch fast zehn Zentimeter kürzer als das andere und nach außen verdreht.

Das Bein liegt festgeschnallt auf einem Extensionstisch, einer Haltevorrichtung, deren Höhe und Neigung man mit Kurbeln verstellen kann. Ihr Anblick erinnert an einen Menschen auf einer Streckbank. Der Tisch hilft den Ärzten, den Bruch einzurichten, wie sie sagen. Das heißt: Sie drehen und ziehen das Bein, bis die Bruchflächen aufeinander liegen. Nur so wachsen diese gut zusammen. „Das Einrichten ist der wichtigste Teil der Operation. Davon hängt der Heilungsverlauf entscheidend ab“, sagt Christian Geiger, Chefarzt der chirurgischen Abteilung im Jüdischen Krankenhaus.

In seinem Büro stehen Aktenordner, voll mit Röntgenbildern und Fotos von üblen Verletzungen. Gemessen daran hat Frau Regener noch Glück gehabt. Ihr Bruch, ein hüftgelenknaher Oberschenkelbruch, ist vergleichsweise gut zu behandeln. Wenn der Gelenkkopf nach unten stünde, was häufiger vorkommt, müssten ihr die Ärzte unter Umständen eine Prothese einsetzen. Das aber ist bei Frau Regener nicht der Fall. Und auch ihr sonstiger Zustand überrascht die Ärzte. Trotz ihrer 91 Jahre sind Knochen und Blutgefäße in Ordnung, sie hat keine Vorerkrankungen, nimmt keine Medikamente, und nichts deutet darauf hin, dass eine besondere Gefahr für Komplikationen bestünde. Solche Dinge sind für den Operateur und den Narkosearzt wichtig.

Frau Regner wird ein 18 Zentimeter langen Stift, die Ärzte sagen: Nagel, aus Titan in den Oberschenkelknochen eingesetzt werden, fixiert mit zwei Schrauben.

Letzte Vorbereitungen. Die Operateure haben blaue Bleischürzen angelegt, zum Schutz gegen die Röntgenstrahlen. Denn anders als in anderen chirurgischen Fächern wird in der Unfallchirurgie während der Operation geröntgt.

Schnitt, zehn Zentimeter, an der äußeren Seite des Oberschenkels. Haut, Fettschicht, dann sucht Thilo Sydow, der Operateur, die Stelle, an der er die Faszie – eine flächige Sehne – spalten kann. Durch diesen Spalt wird er hindurchoperieren.

„Klick“, sagt Sydow. Es ist die Aufforderung an den Assistenten, eine Röntgenaufnahme zu machen. Auf einem Monitor neben dem Operationstisch kann man sehen, dass die Bruchflächen gut aufeinander liegen. Mit Hilfe eines Pfriems schiebt Sydow einen langstieligen Führungsdraht in das Bein, um sicherzugehen, dass er an der richtigen Stelle in den Oberschenkelknochen bohren wird. Der Bohrer wird auf den Führungsdraht aufgesetzt.

„Klick.“ Auf dem Röntgenmonitor sieht man einen langen schwarzen Dorn. Der Nagel mit dem Zielinstrument wird über den Führungsdraht eingeführt. „Klick.“ Der Nagel sitzt in der gewünschten Position.

Zweiter Schnitt mit dem Skalpell. Sydow bereitet den Zugang für jene Schraube vor, die im unteren Drittel des Schenkelhalses platziert werden muss. In diesem Fall ist sie 85 Millimeter lang. Sydow schiebt eine Metallplatte unter den Bohreransatz. Das soll helfen, Wundheilungsstörungen an Haut und den darunter liegenden Schichten zu vermeiden. Aus eben diesem Grund, sagt Geiger, sollen die Patienten nach der Operation möglichst schnell wieder auf die Beine kommen. „Zudem heilen Brüche am besten,

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