Zeitung Heute : Zerflossenes Glück

Teddys und Puppen liegen vorm Laden der Schönfelds im Schlamm. Nach der Wende hatten sie ihr Spielwarengeschäft eröffnet – nun ist alles kaputt. In Grimma hat die Flut den „Aufbau Ost“ hinweggespült. Und die Menschen haben wenig Hoffnung, dass Staat und Politiker ihnen helfen werden.

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Von Silke Becker, Grimma

Angelika Eibeck kann nicht mehr. Sie lehnt an einer großen Eistruhe und seufzt. Sie hat jetzt seit Stunden das erste Mal die gelben Plastikhandschuhe ausgezogen, und hat dicke Blasen zwischen den Fingern. Ihr Mann räumt zwar ein paar Meter weiter neben ihr auf, aber ihn hat die Hoffnungslosigkeit gepackt. Er glaubt nicht, dass er in seiner Eisdiele bald wieder verkaufen wird. Zehn Jahre Arbeit sind dahin, an die Zukunft mag er gar nicht denken. Selbst, wenn er wieder eröffnen würde, wer sollte denn so schnell nach Grimma kommen, um Eis zu essen?

Peter Eibeck hat die Nacht, als das wasser kam, in seinem Laden verbracht. „Wir hatten gerade 10-jähriges Jubiläum gefeiert und waren am Aufräumen.“ Als die Mulde in seinen Laden eindrang, konnten er und sein 21-jähriger Sohn noch Flaschen und Gläser in die höheren Regale stellen, und dann stemmten sie um fünf Uhr mit aller Macht die Tür auf, sonst wären sie vielleicht noch in ihrem eigenen Laden ertrunken. Sie ahnten da noch nicht, dass das Wasser bis in den zweiten Stock steigen würde.

Der Kältemonteur, der sich jetzt den Schaden angesehen hat, konnte Eibeck auch keinen Mut machen. Der Fachmann wusste nicht, ob die teuren Eismaschinen und Kühlgeräte je wieder funktionieren werden. Die müssen jetzt erst einmal trocknen. Deswegen regt sich Eibeck auch über die Lokalpolitiker auf, die nun durch die Straßen laufen und sagen, alles würde wieder gut werden. „Woher wollen die das denn wissen“, sagt er. Ihm hat der Staat jedenfalls noch nie geholfen, er musste immer alles alleine schaffen. Und Eibeck glaubt nicht, dass es diesmal anders sein wird. Er ist ja nicht der Einzige, der Schaden zu beklagen hat.

Genau sechs Tage sind nun vergangen, seit das Wasser über Grimma kam. Eine kleine Stadt, 19000 Einwohner, 20 Minuten von Leipzig entfernt. Auf dem blauen Schild am Eingang der Stadt steht „Grimma – die Perle des Muldentals“. Und die vielen frisch renovierten Häusern in der Innenstadt lassen ahnen, wie hübsch es hier einmal war.

Dienstagmorgen gegen vier oder fünf Uhr, so genau weiß das keiner mehr, fuhren sie noch mit Lautsprecherwagen durch die Straßen und forderten die Menschen auf, ihre Autos wegzufahren, weil ein Hochwasser wie 1974 erwartet würde. Damals stand den Menschen das Wasser bis zu den Knien, aber wenige Stunden später, Dienstagmorgen, stand bei den meisten schon das Erdgeschoss voller Wasser und die Menschen wurden mit Schlauchbooten und Hubschraubern aus ihren Häusern geholt. Am Mittwoch besuchte sogar Gerhard Schröder Grimma, 40 Minuten blieb er und sagte, dass es hier ja viel schlimmer aussehe, als man es sich aus den Bildern im Fernsehen vorstellen könne. Aber den meisten hier gibt auch der Kanzlerbesuch keine Hoffnung. Denn das sei doch „ein nackter Mann, mit nichts in den Taschen“, sagt Peter Eibeck.

Menschen auf Bäumen

Wie im Krieg sehe es nun hier aus, sagen die Menschen. Jeder benutzt dieses große Wort, weil sie nicht wissen, wie sie das beschreiben sollen: Häuser, in die man hineinsehen kann, wie in offene Puppenstuben, in denen leere Regale schief an den Wänden hängen und die Scheiben zersplittert sind.

In den letzten Tagen stiegen die Schuttberge vor den Häusern immer höher, und in dem Dreck und Matsch kann man erkennen, was in den Läden dahinter einmal verkauft worden war. Bei Christina und Udo Schönfeld liegen zwischen Rohren und Teppichen weiche Stoffteddys, die aus großen braunen Knopfaugen schauen, Puppenköpfe mit blonden Haaren und Stücke von Carera-Autobahnen. Sie hatten schon Teile der Weihnachtsware geliefert bekommen, und weil das Spielzeugplastik so leicht ist, hat das Wasser fast ihr gesamtes Inventar davongespült. Die beiden wollten nach der Wende ein eigenes Geschäft aufmachen, und weil sie gerade schwanger war, ein Kind kam, hatten sie die Idee, ein Spielwarengeschäft zu eröffnen. Also kauften sie mit Mitte 20 ein Haus in der Stadt, nahmen hohe Kredite auf und gaben ihr eigenes Haus, das etwas außerhalb liegt, als Sicherheit an die Bank. Christina Schönfeld ist jetzt 35, sie weiß nicht, wie viel Schulden sie jeden Monat bei der Bank abzahlen müssen. Sie weiß nur, dass sie jetzt nichts mehr haben.

Sie war Dienstagnacht mit ihrer zwölfjährigen Tochter allein zu Haus, ihr Mann half gerade Freunden bei deren Hausausbau. Sie packte noch in der Nacht „aus so einem Gefühl heraus“ ihr Kind ins Auto und fuhr in den Laden. Da standen sie schon mit den Knien im Wasser. Sie blies dann ein paar Kinderswimmingpools auf und packte hinein, was ihr in die Hand kam. Das ist jetzt alles, was vom Inventar noch übrig ist. Die Flut hat später am Morgen bei ihnen zwei Autos vom Hof gespült, der Computer ist kaputt, alle Wände sind nass, und die neue Heizungsanlage wird wohl nie wieder funktionieren.

Christina Schönfeld hat sich jetzt Plastikhandschuhe übergezogen, da sie längst rote Pusteln an den Händen hat von dem dreckigen Wasser. Sie und ihre Tochter wurden am Mittwochmorgen mit Schlauchbooten aus dem Haus geholt. Aus dem ersten Stock, über den Balkon, sind sie eingestiegen. Sechs Ruderer saßen in dem Boot. Die Männer hatten ziemliche Mühe, erzählt sie, und drifteten immer wieder ab. Sie kamen an Bäumen vorbei, auf denen Menschen saßen, um sich vor dem Wasser zu retten. „Man glaubt das ja gar nicht, wenn man das erzählt, dass Menschen in den Bäumen sitzen.“ Und keiner habe sie ausreichend gewarnt, sie hatten doch bis Montagabend alle noch gesagt bekommen, Hochwasser Warnstufe 1, und das bedeutet für Grimma nichts allzu Schlimmes. Da gingen die meisten beruhigt ins Bett, dabei hätten sie in dieser Nacht noch so vieles retten können.

Es sind überall die gleichen Geschichten, die man hört. Von Menschen, die wegen ihres Geschäfts jahrelang keinen Urlaub gemacht hatten, die keine Versicherungen besitzen und hoch verschuldet sind. Über die Zukunft mag hier noch niemand reden, weil erst einmal alle anpacken müssen. Da ist das alte Haus am Leipziger Platz, das jetzt mit dicken Balken abgestützt wird, und die Statiker sagen, dass es vielleicht zusammenstürzt. Der Besitzer Andreas Hoffmann steht davor und schaut zu. Er hatte sich das Haus vor zwei Jahren gekauft und 300000 Euro Schulden gemacht. Er ist Freiberufler und wollte mit den Mieteinnahmen später seine Rente finanzieren. Weiter die Straße hoch, vorbei am Handyladen, am Sonnenstudio und dem neu eröffneten Blumenladen liegen überall Sperrmüllberge im Weg. Das Ehepaar Koll muss für sein Juwelier-Geschäft noch eine viertel Million Euro Kredit abzahlen. Nach der Wende war er 50, und „das ist doch so ein Alter, wo man noch mal Bäume ausreißen kann“, sagt er. Seine Frau ist zehn Jahre jünger. Sie hätten die Kredite vollständig abbezahlt, wenn sie ins Rentenalter kommt. Jetzt ist ihnen alles davongeschwommen, der ganze Silber- und Goldschmuck, Uhren, die sie zur Reparatur hatten, die Poliermaschinen und die gesamte Galvanik – alles weg. Petra Koll sagt, dass sie gar nicht mehr weinen könne, weil sie sich so leer fühle. Unten durch den Laden laufen jetzt die Ratten, und natürlich ekeln sich die Kolls, wenn sie im Schlamm wühlen. An den Händen brennt es, und sie stinken. Auch die Kolls wurden mit Schlauchbooten gerettet, die 80-jährige Großmutter musste aus dem Fenster klettern.

Die große Krise kommt noch

Samstagnachmittag werden in der Hauptstraße die meisten Schuttberge schon abgeräumt, überall schaben laut Bagger über den Boden. Hier sieht es aus, wie bei einer riesigen Sperrmüllaktion – aber bis vor ein paar Tagen haben die Menschen mit diesen Dingen gelebt. Vor den Häusern liegen Sofas, Spülmaschinen, Toiletten, Computer und überall dicker Matsch.

Seit drei Tagen ist der Notfallseelsorger Stephan Bickhardt in Grimma. Der Pfarrer aus Leipzig versucht den Menschen zu sagen, dass es eine Sintflut war, die alles weggeschwemmt hat und dass jetzt „die Zeit der Egomanie“ in der Gesellschaft vorbei sein muss. Er glaubt, dass die große Krise bei den meisten noch kommen wird, wenn in ein paar Wochen alles sauber und aufgeräumt ist und die Menschen dann in ihren leeren Häusern stehen. Dann werden sie erst realisieren, was passiert ist. Andere Pfarrer kümmern sich um die alten Menschen, Frauen mit Kopftuch und Kittel, die weit über 80 sind und sich kaum noch bewegen können. Sie müssen nun in Neubauwohnungen am Rand der Stadt umziehen, weil in ihren Häusern die Lehmdecken aufgeweicht sind und das Stroh heraus hängt.

Es sind die tiefer liegenden kleinen Straßen, die besonders hart betroffen sind. In der Töpfchenstraße, wo Peter Eibeck seine Eisdiele hat, stieg das Wasser bei manchen bis in den dritten Stock. Die Nachbarn links und rechts hatten ihre Häuser gerade erst bezogen. Von einigen hat Eibeck jetzt gehört, dass sie nicht wiederkommen wollen, weil sie doch nicht wissen, wann das nächste Hochwasser kommt. Etwas weiter unten an der Mulde wollte eigentlich Lutz Körner letztes Wochenende mit seiner Freundin und der Tochter einziehen. Ein Jahr hat er gebastelt, und die Freunde beneideten ihn um sein Haus am Wasser. Sie scherzten oft, eigentlich müssten sie bei ihm Kurtaxe zahlen, für diesen Blick. Jetzt stützen im ersten und zweiten Stock Stahlpfeiler die alten Barockdecken, und die neue Garage ist mit den Fluten davongeschwommen. Lutz Körner verlor seinen Anglerladen in der Innenstadt, und gestern schickte er seine Freundin zu den Eltern, weil sie „zusammengeklappt ist“. Auf der anderen Seite der Innenstadt, in der Schulstraße, hat das Wasser riesige Löcher in die Straße geschlagen. In den Fluten wäre fast ein Vorderlader in eines dieser Löcher gekippt. Von dem schönen alten Backsteinpflaster ist in der Straße nichts mehr übrig. Hier unten hat auch der Bäckermeister Reinhard Krug seinen Laden. Er ist Mitte 50 und läuft in seinen blau-karierten Hosen über die nassen Fliesen in der Bäckerei und versucht, den vielen Helfern Anweisungen zu geben. Er hatte in den letzten Jahren öfter seinen Zweireiher angezogen, um neue Kunden zu gewinnen. Sie fingen gerade an, den Leipziger Bahnhof mit Brötchen zu beliefern und hatten Karstadt in Leipzig als Kunde. Weil das Geschäft so gut lief, kauften sie das denkmalgeschützte Haus nebenan. Sie wollten sich vergrößern. Jetzt hat die Polizei rot-weiße Plastikbänder davorgezogen, damit niemand hereinkann. In dem Haus sind die Decken eingestürzt. Man kann jetzt vom Erdgeschoss direkt in den ersten Stock sehen.

Marlies Krug hat sich in die Küche zurückgezogen und spült ein paar große Backformen. Sie muss irgendetwas tun, egal was. Hauptsache, sie ist beschäftigt. Sie spricht sehr leise, und man muss sich weit zu ihr vorbeugen, um sie zu verstehen. Sie glaubt, dass ihr Mann noch nicht verstanden hat, dass es aus und vorbei ist und nichts mehr zu retten sein wird. „Er denkt doch, dass wir den Laden wieder aufmachen können“, sagt sie. Aber sie glaubt nicht, dass die vielen teuren Öfen jemals wieder funktionieren werden. Auch eine junge Verkäuferin, die jetzt in der Küche eine Zigarette raucht, sagt, ihr Chef wasche Holzregale, obwohl die sowieso jeden Moment zusammenfallen können. Aber Marlies Krug will ihrem Mann auch nicht ins Gesicht sagen, was sie denkt. Er hatte erst kürzlich einen Herzinfarkt. Und die Bäckerei war sein Leben.

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