ZEUGE DER NEUNZIGER JAHREFotografien von Wolfgang Tillmans : Am Ende der Party

Bernhard Schulz

Vor knapp fünf Jahren wurde Turner-Preisträger Wolfgang Tillmans die Ehre einer Einzelausstellung in der Londoner Tate Britain zuteil. Konnte es danach noch eine Steigerung geben? Vielleicht nicht – wohl aber stand bislang eine Ausstellung des in London lebenden Fotografen, der wie kein zweiter den Zeitgeist der neunziger Jahre eingefangen hat, in seinem Heimatland aus. Nicht zuletzt dank der jüngst erfolgten Schenkung von Friedrich Christian Flick, worunter auch Tillmans-Arbeiten zählen, kann nun im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart eine umfassende Präsentation gezeigt werden.

Da werden die jüngeren, geradezu abstrakten der Serien „Lighter“ und „Paper Drops“ (Foto) überraschen. Denn bekannt wurde Tillmans mit seinen betont unkünstlerischen Zufallsaufnahmen aus der Welt seiner Partys, Groupies, Models, in denen jede bis dahin noch denkbare Grenze des Geschmacks überschritten wurde. Die andere Seite markieren die Landschaftsaufnahmen und Himmelsbilder, in denen gar eine leise Romantik anklingt. Tillmans hat seine Fotos stets in sorgfältig kalkulierter Zufallshängung, in verschiedenen Formaten und mehrreihigen Anordnungen, vorgestellt, um das Totale seiner Weltsicht und damit seiner dokumentarischen Fotografie zu verdeutlichen.

Aber wie auch die längste Party einmal vorübergeht und jedes Bier irgendwann schal wird, so stellt sich die Frage, was aus der Turbo-Sichtweise des Fotografen geworden ist oder gar noch werden soll. Darauf muss die Ausstellung eine Antwort geben. Denn nichts vergeht so schnell wie der Ruhm, pardon: die Celebrity von Gestern. Bernhard Schulz

Hamburger Bahnhof, Fr 21. 3. bis So 24. 8.

Di-Fr 10-18, Sa 11-20, So 11-18 Uhr, 8 €, erm. 4 €.

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