Zeitung Heute : Zeugen des verschwiegenen Mordens

„Ihr seid schwarz, ihr seid unsere Sklaven“: Im Sudan machen hellhäutige Muslime Jagd auf ihre Glaubensbrüder. 10000 sollen sie schon getötet haben, eine Million ist auf der Flucht. Manche fühlen sich auf schreckliche Weise an den Genozid von Ruanda erinnert.

Christoph Link[Eredem]

Wenn sie hier ankommen, hängen sie zuerst ihr Hab und Gut in die Baumkronen. Strohmatten, Kleider, Töpfe und Eselssättel hängen in den Wipfeln. So dekoriert spenden die kahlen Bäume zumindest ein wenig Schatten.

Sand und Steine, so weit das Auge reicht. Das Lager von Eredem im Nordosten des Tschad gleicht einer Mondlandschaft. Wüstenhitze. Doch die Flüchtlinge aus dem benachbarten Sudan scheint das nicht zu erschüttern. Sie sammeln Äste und bauen sich Rundhütten, mit einer kleinen Galerie für Vorräte in einem Meter Höhe und einer Plastikplane als Dach. Die sudanesische Flüchtlingsfrau Sylvani Adam empfängt den Besucher in einer dieser überraschend kühlen Behausungen, durch deren Astritzen der Wind streicht. „Wir sind von Flugzeugen der Regierung bombardiert worden“, erzählt Sylvani Adam, danach sei die arabische Reitermiliz Janjawid gekommen, habe die Häuser in ihrem Dorf bei Kornoi angezündet und 160 Menschen getötet. „Man hat uns gesagt, wenn ihr bleibt, bringen wir euch alle um.“ Vor vier Monaten floh sie mit ihrer Familie in den Grenzort Tiné im Tschad. Doch auch dort kam es zu Überfällen der Janjawid, weshalb sie nun weiter ins Landesinnere nach Eredem gezogen ist. „Wir hatten es gut in den Bergen des Darfur im Sudan. Wir hatten 50 Kamele, 60 Rinder und sogar einen Fernseher. Nach der Regenzeit ist bei uns alles grün.“

„Unsere Leute sterben“

Der Darfur war schon immer eine schwer zugängliche Gegend. Früher kamen noch ab und zu nigerianische Händler in die Region, seit Ausbruch der Kämpfe vor einem Jahr aber weiß niemand mehr, was im Darfur mit seinen sechs Millionen Einwohnern geschieht. Die sudanesische Regierung verweigerte UN-Beobachtern oder humanitären Helfern lange Zeit den Zugang – aus „Sicherheitsgründen“, wie es stereotyp hieß. Jetzt sind Mitarbeiter des Welternährungsprogramms auf dem Weg in die Region. Bisher können nur die rund 100000 Flüchtlinge, die in den Tschad flohen, Zeugnis geben. „Unsere Leute sterben im Darfur an Hunger. Sie verstecken sich in Höhlen in den Bergen aus Angst vor der Armee und den Milizen. Da gibt es keine Nahrung“, sagt der Flüchtling Abdullah Hamsic, ein Lehrer.

Rund 60 Kilometer sind es von Tiné an der sudanesischen Grenze ins sichere Eredem, manche der Flüchtlinge haben den Weg zu Fuß zurückgelegt. Die Strecke wird gesäumt von verendetem Vieh. Frauen, Kinder und Alte bilden die Vorhut der Flüchtlinge, viele Männer sind mit den Herden noch im Sudan geblieben.

Von den Neuankömmlingen erhält auch Osman Adam Abdallah, ein örtlicher Sultan aus dem Darfur, seine Nachrichten. Die jüngste Meldung haben ihm zwei Frauen gebracht, die vergangene Nacht angekommen sind: In der Ortschaft Wadi Salah seien 25 Menschen ermordet worden. Die Milizen und die Armee zögen von Dorf zu Dorf. Abdallah thront auf einer Anhöhe im Lager und schreibt in seinem Zelt einen langen Brief an UN-Generalsekretär Kofi Annan. Der Sultan fordert die Vereinten Nationen zur Entsendung von Beobachtern auf, doch er mahnt zu Misstrauen: „Meist zeigt die sudanesische Regierung den Beobachtern die falschen Dörfer.“

Für den Sudan ist das schon die zweite Bürgerkriegsfront. Seit 21 Jahren kämpft die muslimische Regierung des Nordens gegen Separatisten im christlichen Süden. Doch dort scheint nach Verhandlungen in Kenia nun einen Frieden nahe zu sein. Der neue Bürgerkrieg im Westen des Sudan ist von anderer Natur, hier kämpfen Muslime gegeneinander. Hellhäutige arabische Nomaden gehen mit Rückendeckung der Regierung gegen die „schwarzen Araber“ vor, gegen die afrikanischen Ethnien der Zagawa, der Fur und der Masalit. 10000 Menschen sollen in einem Jahr getötet worden sein, eine Million Menschen sind vertrieben worden, heißt es.

Spannungen und Gewalt hat es im Darfur immer gegeben, aber die Auseinandersetzungen haben sich wegen der Versteppung der Region verschärft. Jedes Jahr, so wird geschätzt, rückt die Wüste im Darfur um sechs Kilometer nach Süden vor. Wasserstellen versiegen, Weideland wird knapp. „Die despotische Regierung von Präsident Omar al Baschir will die schwarze Bevölkerung töten. Man will den Darfur menschenleer machen, um dort Araber aus anderen Ländern anzusiedeln“, glaubt Sultan Abdallah. Die Region werde vernachlässigt, es fehlten Schulen und Krankenhäuser. Warteten sudanesische Lehrer anderswo zwei Monate auf ihr Gehalt, warteten sie im Darfur ein ganzes Jahr darauf. In Interviews, die Amnesty International in Lagern geführt hat, zitieren Flüchtlinge Janjawid-Milizionäre mit Aussagen wie: „Ihr seid schwarz, ihr seid unsere Sklaven. Ihr seid wie Staub, und wir werden euch zerstören.“ Anderen Zeugenaussagen belegen die Ermordung von Hunderten von Zivilisten mit Namen, dokumentieren das Abbrennen von Häusern, Plünderungen, Vergewaltigungen. Manches im Darfur erinnert an den Genozid von Ruanda, etwa, wenn die Freischärler der Janjawid in einem Dorf morden und die Armee der fliehenden Bevölkerung den Fluchtweg versperrt.

Der Krieg im Darfur war von der Regierung des Sudan lange als „Banditentum“ abgetan worden. Erst seit kurzem nimmt die Regierung den Konflikt ernster und hat Gespräche mit den Rebellen begonnen. Erstes Ergebnis: In Khartum, der Hauptstadt des Sudan, soll eine Friedenskonferenz stattfinden. Ein Datum steht allerdings noch nicht fest. Ohnehin zeigen sich politische Beobachter skeptisch. „Beide Seiten warten jetzt nur auf die Regenzeit im Juni und August, um Kräfte zu sammeln und danach wieder loszuschlagen“, vermutet einer. In der Regenzeit kommen der Darfur und der Osten des Tschad zum Stillstand. 30 bis 40 Meter breite Wadis schwellen zu reißenden Flüssen an, die Lehmpisten versinken in Schlamm und werden für Fahrzeuge unpassierbar. Zurzeit arbeiten mehrere humanitäre Hilfsorganisationen mit Hochdruck an der Vorbereitung von fünf Flüchtlingslagern für die Regenzeit. Lagerhäuser werden angelegt, Zeltstädte gebaut, 80 Meter tiefe Brunnen gebohrt.

Flüchtlinge als Wirtschaftsfaktor

Trotz der tiefen Armut im Tschad sind die Flüchtlingsmassen freundlich aufgenommen worden. Die Fur und Zagawa aus dem Sudan treffen im Tschad auf die gleiche ethnische Gruppe, sprechen die gleiche Sprache. „Erst wenn das Wasser einmal ausbleibt, könnte es zu Spannungen kommen“, meint Magbula Katir, die als Betreuerin für die Hilfsorganisation Care arbeitet. In Iriba, wo es weder Strom noch fließendes Wasser gibt, belebt der Bau der Flüchtlingscamps die heimische Wirtschaft. Die Einwohner hoffen, die geplanten Zeltschulen, Krankenhäuser und provisorischen Moscheen für die Flüchtlinge mitbenutzen zu dürfen. Großzügig hat der Sultan von Iriba die Entnahme von Wasser aus seinen Brunnen gestattet. „Ich wundere mich, wie gelassen die Tschader sind, wenn wir Kubikmeter um Kubikmeter von ihrem Brunnenwasser abpumpen“, sagt ein Schweizer Entwicklungshelfer.

Gelassenheit werden die Tschader noch lange brauchen. Denn an eine Rückkehr der Flüchtlinge in den Sudan ist in absehbarer Zeit nicht zu denken. Vielleicht, meint der Lehrer Hamsic, werde man 100 Jahre bleiben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar