Zeitung Heute : Zeugen hitziger Studentenproteste

Reste des 1968 zerstörten Hochschulsiegels erhalten wieder einen Platz an der Freien Universität

Sabrina Wendling
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Am 13. Mai 1968 rissen Studenten das hölzerne Siegel der Freien Universität von der Wand des Audimax im Henry-Ford-Bau und setzten...

Es waren ereignisreiche Jahre, in denen Peter Dehn am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität studierte: Studierende protestierten gegen das etablierte gesellschaftliche und politische System, die Schriften von Karl Marx waren gewissermaßen Pflichtlektüre, und nicht selten kam es zu Vollversammlungen und symbolträchtigen Aktionen. Nach einer Diskussionsveranstaltung mit dem Philosophen und Soziologen Herbert Marcuse am 13. Mai 1968 rissen Studenten das hölzerne Siegel der Freien Universität von der Wand des Audimax im Henry-Ford-Bau, brachten es vor das Rektorat und setzten das Siegel in Flammen. Es waren Mitglieder des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes und der Kommune I, die die Aktion anführten.

Die verkohlten Überreste des Siegels wurden im Keller des Rektorats gelagert. Zwei der Relikte aus den bewegten Hochschulzeiten nahm Peter Dehn mit nach Hause, wo sie lange Jahre sein Arbeitszimmer in Hannover zierten. Nun kehren die erinnerungsträchtigen Überreste wieder an die Hochschule zurück: Peter Dehn hat die Siegelstücke der Freien Universität übergeben.

Der heute 65-Jährige war nicht nur Student an der Freien Universität, sondern von 1969 bis 1972 auch Pressesprecher des ersten Universitätspräsidenten Rolf Kreibich. Im Jahr 1968 verabschiedete die „Westdeutsche Rektorenkonferenz“ ein Reformpaket für Universitäten, das den Forderungen der Studentenproteste nach Demokratisierung und Modernisierung der Hochschulen entgegenkommen sollte: Alle Mitglieder einer Universität sollten Mitspracherechte erhalten, die Privilegien der Hochschullehrer eingeschränkt werden.

„Bis dahin war Kreibich wissenschaftlicher Assistent ohne Professorentitel an der Freien Universität gewesen – und jetzt leitete er die Hochschule. Das war revolutionär!“, sagt Dehn. Die damaligen Professoren der Freien Universität hätten den Umbruch mit großem Missmut betrachtet und versucht, die Arbeit des neuen Präsidiums zu torpedieren. Allein die Anrede „Präsident“ anstelle des damals üblichen „Magnifizenz“ sei manchem kaum über die Lippen gekommen.

„Wir wussten aber von Anfang an, dass wir auf dem richtigen Weg waren mit unserem Anspruch, eine Universität zu schaffen, die eine Stätte freien Wirkens, Schaffens und Denkens werden sollte gegenüber einer politisch instrumentalisierten Hochschule im Ostsektor der Stadt“, sagt Dehn. „Wir haben die Freie Universität stets als das, was sie war, nach außen getragen: nämlich eine Reform-Universität. Dieser Anspruch erhielt eine zusätzliche Dimension in der Auseinandersetzung mit den Strukturen der damaligen westdeutschen Universitäten.“ Sein Arbeitstag begann damals um 9 Uhr und endete kurz nach Mitternacht.

Peter Dehn verstand sehr gut, worum es den Studenten damals ging. Er selbst war lange Zeit im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) aktiv gewesen. „Damals hatte der AStA zwei Dienstwagen, einen Kombi und einen VW-Bulli, mit denen wir zu sämtlichen Veranstaltungen gefahren sind“, sagt Dehn. Anders als bei heutigen Studierendenprotesten sei es in den 68er Jahren nicht um das eigene Studium und die eigene Zukunft gegangen - der Protest sei viel allgemeiner ausgerichtet gewesen: „Wir demonstrierten gegen den Vietnamkrieg, gegen die Erstarrung der Politik in der jungen Bundesrepublik, für die Interessen der Arbeiter, so wie wir sie definierten, und gegen einen Hochschulbetrieb, der den Muff der Vergangenheit nicht ablegen wollte.“

Als Pressesprecher des Präsidenten kommunizierte Dehn die Ereignisse an der Freien Universität sowohl nach innen als auch nach außen. Es war die Geburtsstunde eines neuen Verständnisses von Pressearbeit, das bis heute Bestand hat: Die Universität wartete nicht darauf, von den Journalisten entdeckt zu werden, sondern bot den Medien regelmäßig Themen aus Lehre, Forschung und Universitätsalltag an. „Damit waren wir in den siebziger Jahren die erste Universität, die versuchte, aus ihrem Elfenbeinturm herauszutreten und wissenschaftliche Erkenntnisse allgemeinverständlich zu erklären.“ Auch die interne Informationspolitik wurde demokratisiert, sagt Dehn: Eine Zusammenschau informierte Mitarbeiter und Studierende über Neuigkeiten an der Freien Universität.

Täglich wurden Pressemitteilungen über ein Telex-Gerät versandt – für das Presseteam eine Menge Handarbeit im Vergleich zu den wenigen Mausklicks, die heute nötig sind. Auch wenn Peter Dehn nach einer langjährigen politischen Karriere – zehn Jahre war er Abgeordneter im niedersächsischen Landtag, insgesamt 25 Jahre auf Kreistagsebene aktiv – heute als Unternehmensberater in Hannover lebt, interessiert er sich noch immer für „seine“ Universität, die mittlerweile zum Kreis der neun deutschen Exzellenzuniversitäten gehört: „Die Freie Universität als internationale Netzwerkuniversität auszubauen, halte ich für sehr klug. Die internationale Ausrichtung einer Universität sollte für alle Hochschulen an vorderer Stelle stehen.“

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