Zeitung Heute : Zeugnisse aus dem Rechner

SEBASTIAN GROSSERT

Jedes Schuljahr dasselbe Spiel: Die Zeugnisse nahen, und für die Schüler beginnt die Zeit des Zitterns, ob es denn für die Versetzung in die nächsthöhere Klasse reichen wird.Auch Lehrer stöhnen, müssen sie doch für dutzende Schüler Zeugnisformulare ausfüllen.Abhilfe verspricht seit einigen Jahren Zeugnis-Software für des Lehrers heimischen Rechner.Zeit und Mühe lassen sich durch die Übertragung der Daten eines Schülers von Zeugnis zu Zeugnis sparen.

"In Berlin sind bereits vier Zeugnisprogramme auf dem Markt", sagt Manfred Sackarndt von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), selber Lehrer für Deutsch und Französisch.Nun tritt ein weiterer Mitbewerber auf den Plan, der sich erstmals an eine Computer-Hilfe beim Formulieren der verbalen Beurteilung gewagt hat.Dieser Textteil des Zeugnisses ist in Berlin bis zur zweiten Klasse vorgeschrieben und bis zur vierten - auf Wunsch der Eltern - möglich."Jeder Lehrer hat da nach einigen Jahren Erfahrung seine Standardformulierungen drauf", erklärt Wolfram Becher-Broßeder, der Entwickler des Programms mit dem Namen "Eule".

Gemeinsam mit anderen Pädagogen hat Becher-Broßeder solche Standardformulierungen in das Programm integriert.Da heißt es etwa: "Die Schülerin hat eine rasche Auffassungsgabe und zeigt durch ihre Beiträge, daß sie die behandelten Themen auch durchdacht hat".Ein kurzer Mausklick, und schon erscheint die vorgefertigte Passage im Berurteilungsfeld des Zeugnisses.Mit wenigen Mausklicks lasse sich so eine komplette Beurteilung zusammenstellen, die nur noch geringfügig überarbeitet werden müsse, verspricht Becher-Broßeder.Zusammengetragen worden seien die Textbausteine von erfahrenen Lehrern, die an dem Programm mitgewirkt hätten.

Wird dadurch dem Einheitsbrei in den Beurteilungen für die Schüler Tür und Tor geöffnet? Bekommt der eigene Filius künftig dieselbe Beurteilung wie der Mitschüler drei Bankreihen weiter? Die oberste Berliner "Lehreraufsicht", die Senatsverwaltung für Jugend, Schule und Sport, gibt sich gelassen."Das Problem sehe ich nicht", sagt Sprecherin Almuth Draeger.Das neue Programm reihe sich vielmehr in ein Spektrum ähnlicher Hilfsmittel für Lehrer ein."Es gibt schließlich auch Literatur zu diesem Thema, und wir geben auch selber Empfehlungen heraus", so die Sprecherin.Sie kann der Idee der Programmierer eher Positives abgewinnen: "Man kann sich damit auch Anregungen für die eigenen Formulierungen holen."

Schlechte Noten für das Programm vergibt dagegen die Berliner GEW.Manfred Sackarndt sieht die Individualität der Zeugnisse in Gefahr: "Jeder Schüler hat das Recht auf eine persönliche Beurteilung.Und ein halbes Jahr Beobachtung lassen sich nicht durch vorgefertigte Textbausteine widerspiegeln."

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