Zeitung Heute : Zicken verbannen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Früher bezog sich Mode vor allem auf das Aussehen von Klamotten. In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war das Diktat besonders heftig: Mal mussten es Polkatupfen sein, mal Petticoats, auf jeden Fall sah alles superglatt und adrett aus; wer den herrschenden Trends nicht folgte, fühlte sich irgendwie daneben. Schöne, einfache Zeit.

Später wurde es komplizierter. Die Mode gab Richtlinien, aber keine verlässlichen Vorschriften. Jeder wurde sein eigener Stylist. Wer sich dazu nicht in der Lage fühlte, oder so berühmt war, das nichts weniger als Perfektion in Frage kam, vertraute sich einem Profi an. Je untertriebener und selbstverständlicher der eigene Stil rüberkam, desto besser. Davon waren nicht nur Frauen, sondern auch Männer betroffen. Wobei letztere eher bereit sind, der Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen zu huldigen. Das ist in verschiedenen kulturellen Zirkeln besonders hübsch zu beobachten: Wer schreibt, trägt gerne Fliege, wer filmt, unbedingt TShirt zum dunklen Anzug.

Aber wir wollten ja gar nicht über Klamotten reden.

Auch die Kunst der Selbstinszenierung ist längst Moden unterworfen. Wer etwas hermachen will, stilisiert sein ganzes Auftreten so, dass es den herrschenden Trends harmonisch entspricht. Die lange angesagte Betroffenheit wurde so mit dem Auftauchen des Weicheis in die Mottenkiste verbannt und vom cooleren Zynismus à la Harald Schmidt abgelöst. Derzeit wird immer wieder die Rückkehr des Pathos beschworen, aber vielleicht bleibt uns ja noch eine kleine Gnadenfrist. Bei den Frauen kam das Ende der Frömmigkeit mit den herumludernden Zicken. Was nicht nur als Modeerscheinung gut war, sondern auch zur Bewältigung eines Defizits, das sich im Zuge der Emanzipation aufgebaut hat. Man kann es heute noch beobachten an einigen 68erinnen und ihren Nachfahrinnen.

Während Männer, die Autorität ausstrahlen wollen, sich ohne große Mühe einen weihevollen Habitus zulegen, Distanz ausatmen mit der Professionalität eines Landvermessers in achter Generation, herablassende Würde aufschichten wie einen Erdwall aus extralockerem Lehm, haben diese Frauen Mühe, die richtige Tonlage zu treffen. Wo die Männer all das scheinbar aus ihren Genen heraus mobilisieren, laufen Frauen leicht Gefahr, zu verkrampfen und zickig rüberzukommen. Ein Mann steigert mit jovialem Gruß seine Beliebtheit, ohne sich was zu vergeben, die Frau dreht vorsichtshalber ihre kalte Schulter nach vorn, beharrt auf künstlichen Hemmschwellen, selbst, wenn sie weiß, dass die unnötig unfreundlich wirken. Zum Zicken-Styling gehört eine etwas abstoßende Ausstrahlung zwingend dazu.

Mit dem neuesten Selbststilisierungstrend, der besonders bei jungen Frauen gerade in ist, wird alles besser: Man gibt sich sachlich, souverän und selbstbewusst freundlich. Dagegen wirken die Zicken wie Omas. Und Männer, so gut und gründlich sie ihre Attitüden trainiert haben mögen, müssen sehr acht geben, im Vergleich nicht aufgeblasen zu wirken.

Heute ist Sonntag, ein guter Tag, überkommene Moden einzumotten und dem zickigen Styling endgültig den Gnadenstoß zu geben.

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