• Zielsicher durch den Ozean der Information Was ist wirklich wichtig? Wie Wissenschaftler relevante Neuigkeiten aus dem Datenfluss fischen

Zeitung Heute : Zielsicher durch den Ozean der Information Was ist wirklich wichtig? Wie Wissenschaftler relevante Neuigkeiten aus dem Datenfluss fischen

Cathrin Becker

Bloß nicht den Überblick verlieren! Das kann im Informationsstrudel schnell passieren. „Wir leben in einer Zeit, in der Neuigkeiten nur so auf uns einstürmen“, sagt Thomas Sikora, Professor für Nachrichtenübertragung an der TU Berlin. „Jeden Tag müssen wir einen riesigen Ozean an Informationen durchqueren.“ Seit Jahren zeige sich, dass immer neue Trends wie soziale Netzwerke oder Videoportale aufkommen. „Welche Entwicklungen die nächsten Jahre bringen, lässt sich heute nur schwer erahnen.“

Hellseherisch tätig werden müssen Sikora und sein Team dafür nicht. Sie setzen auf ein langfristiges Forschungsvorhaben, das dem Nutzer künftig dabei helfen soll, nur die Informationen an Land zu ziehen, die für ihn wirklich relevant sind.

Ob Neuigkeiten auf die Pinnwand posten, schnell twittern oder ein Video bei Youtube hochladen – der Nutzer von heute kann nicht nur auf viele Daten zugreifen, sondern auch selbst informieren. Längst nicht mehr nur textbasiert, sondern auch im Audio- und Videoformat. Bestes Beispiel: Viele Nutzer stellen als „News-Reporter“ Videos zur Verfügung und beeinflussen damit das öffentliche Meinungsbild. So geschehen beispielsweise bei der grünen Revolution im Iran.

„Aber es werden auch immer mehr redundante Informationen verbreitet, die sich nur schwer bewerten und einordnen lassen“, sagt Sikora. Ein Problem sieht er auch in der Sicherheit und Privatheit. Wie vertrauenswürdig ist die Quelle, aus der Neuigkeiten stammen? Wie viel meiner privaten Daten gebe ich unfreiwillig preis?

Um sicher an relevante Informationen zu kommen, braucht es vor allem weitere Informationen über Sender und Empfänger. „Für unser Projekt wollen wir so viel wie möglich über Nutzer und ihr Verhalten erfahren und zwar so, dass ihre Privatsphäre erhalten bleibt“, erklärt der TU-Wissenschaftler. „Wer sind sie? Wie agieren sie in ihrer Community? Welche Neuigkeiten interessieren sie? Eine unserer Idealvorstellung ist es, Menschen mit denselben Interessen an dem selben realen Ort nur mit Hilfe neuer Kommunikationssysteme zusammenzubringen.“

Die Forscher entwickeln dafür Computeralgorithmen, die Vorlieben, soziale Nähe sowie geografische Positionen und Bewegungen der Nutzer über mobile Endgeräte wie Smartphones erkennen können. „Wir arbeiten daran, alles am selben Ort miteinander zu verknüpfen. So könnten audiovisuelle Medien völlig neu genutzt werden – bis hin zum kollektiven Echtzeit-Newsreporting.“

Bis die Experten aus Informatik, Soziologie, Informationsmanagement, Jura und Mediendesign die Nutzer so genau klassifizieren können, steht viel Arbeit an. Etliche Profile zum Beispiel bei Facebook oder Youtube gilt es, soziologisch und maschinenlesbar zu analysieren.

Was nach paradiesischen Zuständen für die Werbeindustrie klingt, sehen die Forscher als Chance, neue Strukturen zu etablieren. „Unser Ziel ist nicht der gläserne Nutzer, dem wir Produkte andrehen wollen“, stellt Sikora klar. „Wir wollen, dass die Empfänger schnell Informationen erhalten und dabei auf ihre Quellen vertrauen können.“ Cathrin Becker

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