Zeitung Heute : Zielsicher durch die WM-Städte

Das DAI-System hilft Fußball-Fans, sich in fremder Umgebung zurechtzufinden

Steffen Hudemann

Das System hat einen ausgefallenen Filmgeschmack. Soeben hat Nicolas Braun seinen PDA angestellt und drei Mal darauf herumgeklickt – schon schlägt der Taschencomputer eine mögliche Abendgestaltung in Berlin vor. Am Potsdamer Platz gibt es „Die sieben Samurai“, einen japanischen Schwarzweiß-Streifen aus dem Jahr 1954. Anschließend, findet das Computerprogramm, könne man am Hackeschen Markt mexikanisch Essen gehen.

Am 9. Juni beginnt mit dem Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und Costa Rica die Fußball-Weltmeisterschaft. Für einen Monat wird dann, so verheißt es das Motto, „die Welt zu Gast bei Freunden“ in Deutschland sein. Und weil die Welt nicht sofort nach dem Abpfiff nach Hause fahren wird, bastelt der Informatiker Braun gemeinsam mit fünf Kollegen am DAI-Labor der Technischen Universität Berlin an einem System, das die Millionen zielsicher durch die zwölf WM-Städte lotsen soll. Das System sagt ihnen, wo sie essen können, wo sie Kultur erleben und was der Fußballfan aus Sicht der Informatiker sonst noch zum Leben braucht. Das Besondere dieses so genannten „Smart Event Assistant“ ist, dass die Software sowohl über Handy und PDA als auch über das herkömmliche Internet und über eine Sprachschnittstelle per Telefon erreichbar ist. Vor allem aber denkt das Programm mit.

DAI steht für „Distributed Artificial Intelligence“, für „verteilte künstliche Intelligenz“. Die Forscher sind Experten auf diesem speziellen Anwendungsfeld der Informatik. Mit Hilfe so genannter Agenten erkennt das Programm nicht nur die Vorlieben des jeweiligen Benutzers, sondern zieht aus seinem Verhalten auch selbstständig Schlüsse. Das System arbeitet proaktiv, sagen die Informatiker. Der Anwender selbst merkt davon nichts. Darüber hinaus registriert das System Querverbindungen. „Wenn alle Leute, die gerne Horrorfilme schauen, anschließend italienisch Essen gehen, wird der Agent sich das merken“, nennt Nicolas Braun ein fiktives Beispiel. Auf diese Weise könne für jeden einzelnen Besucher aus der Fülle von Angeboten ein auf ihn zugeschnittenes Programm erstellt werden. Der Fan erhält zudem Informationen über das Spiel selbst. Er erfährt, wo der nächste Geldautomat und wo das nächste Krankenhaus steht oder wie das Wetter wird. „Es ist so, als ob jeder einen persönlichen Sekretär dabei hätte, der seinen Chef sehr gut kennt“, sagt Sahin Albayrak, Leiter des DAI-Labors.

Die Software der Berliner Forscher ist Teil des vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten „Servingo“-Projekts. Ziel ist es, den Fan über mobile Dienste während seines Aufenthalts in Deutschland so gut wie möglich zu betreuen.

Doch nicht nur die Forschung auch die Wirtschaft setzt auf die WM als Triebkraft. Die Deutsche Telekom etwa hofft auf einem „Durchbruch für neue Techniken“, wie Sprecher Matthias Schumann sagt. Der Bonner Konzern, einer von 15 offiziellen Sponsoren des Turniers, wirbt sogar mit der „ersten IT-WM der Geschichte“. Die Telekom-Tochter T-Systems produziert unter anderem das Fernsehsignal für die Live-Übertragungen im hochauflösenden HDTV-Format, stellt für die Journalisten in den Stadien schnelle Wireless-Lan-Netze zur Verfügung und stattet die zahlreichen Sicherheitskräfte mit dem abhörsicheren Digitalfunk TETRA aus.

Tatsächlich hat noch nie eine Fußball-Weltmeisterschaft aus so viel Informatik bestanden wie die diesjährige. Egal, welchen Experten man fragt, wo die Informatik bei der WM zum Einsatz komme, die Antwort ist immer die gleiche: Praktisch überall. Von den Eintrittskarten, über die Kamera- und Übertragungstechniken, bis hin zu Sicherheit, Verkehrsplanung und Logistik. Allein der Kern des Ganzen, das reine Spiel auf dem grünen Rasen, kommt (noch) ohne Informatik aus. Doch jeder, der in den vergangenen Monaten versucht hat, Eintrittskarten für die Spiele der WM zu bekommen und dafür den elektronischen Ticketshop besucht hat, wird einen Eindruck erhalten haben, welche Rolle die Informationstechniken bei einer solchen Großveranstaltung spielen. Bei den Eintrittskarten kommt zudem die so genannte „Radio Frequency Identification“, kurz RFID, zum Einsatz. Kern dieser Technik sind millimetergroße Chips, die ohne eine eigene Energieversorgung auskommen und daher in die Tickets integriert werden können. Das Funksignal der Chips kann an den Stadioneingängen gelesen werden. Auf diese Weise wird überprüft, ob das Ticket gültig ist und – wenn die Ordner sich den Ausweis zeigen lassen – ob der Fan, der hinein will, das Ticket auch gekauft hat.

„Dadurch, dass diese neuen Technologien nun zum Einsatz kommen, haben wir die Möglichkeit, die Menschen auf den Stand der Forschung aufmerksam zu machen“, sagt Matthias Jarke. Der Professor für Informatik an der RWTH Aachen ist zugleich Präsident der unabhängigen Gesellschaft für Informatik. Er kennt auch die Ängste, die der technische Fortschritt bei vielen Menschen auslöst. „Wir als Informatiker müssen Aufklärungsarbeit leisten, wo unbegründete Ängste sind“, sagt Jarke. „Wir müssen aber auch auf Dinge aufmerksam machen, die nicht in Ordnung sind.“ So habe die Gesellschaft für Informatik frühzeitig darauf hingewiesen, dass die Weitergabe der persönlichen Daten der Besteller an Dritte nicht zulässig sei. Gerüchte, dass die Zuschauer anhand der Funkchips im ganzen Stadion überwacht würden, seien aber übertrieben. „Die Sendeleistung der Chips ist so schwach, dass die Daten nur aus nächster Nähe gelesen werden können“, sagt Jarke. Dennoch spricht sich der Informatiker dafür aus, die Technik stets zu hinterfragen. Nur wer über die Risiken diskutiere, könne bei den Menschen auf Akzeptanz stoßen.

Manche Fußballfans sind mit der Technik schon jetzt überfordert. Als die Organisatoren beim Confed-Cup im vergangenen Jahr erstmals die neuen Funk-Tickets ausgaben, zerstörten einige Fans den Chip in ihren frisch erworbenen Tickets ungewollt. Sie hängten die Eintrittskarten zuhause an die Pinnwand.

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