Zeitung Heute : Zierstacheln

So dezent und feminin war Punk noch nie

Cornelia Kubitz

Stachelfrisur, Bondagebänder, Nieten und Kettenschnüre – die typischen Insignien der Punkbewegung haben es internationalen Designern wieder angetan. Scheinbar ist ein neues Interesse an den wilden Jahren des Punk erwacht. Jürgen Teipel, Autor des Buches „Verschwende deine Jugend. Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave“ zieht zur Zeit sogar mit einer eigenen Show durchs Land.

Wie generell in den Retrolooks der Mode fungiert auch der Punk nur noch als Stilmittel und Ideengeber; seine ursprüngliche Aussage ist in weite Ferne gerückt. Die Punks wollten sich 1975 durch Aggressivität, bewusst hässliches und ärmliches Aussehen von den Hippies mit ihrer „Love and Peace“- Ethik distanzieren und die bürgerliche Welt schockieren. Zerrissene und zerschnittene T-Shirts mit provokanten Sprüchen, Müllsäcke, Sicherheitsnadeln, Rasierklingen und Hundehalsbänder, sogar Hakenkreuze, schweres Schuhwerk, schwarzes Fetisch-Leder und bunte Irokesenhaarschnitte gehörten zum Look, der schon kurz darauf zum modischen Accessoire verkam. Die Modeindustrie drehte den Punklook gleich nach seiner Geburtsstunde durch ihre Mühlen; zerrissene Jeans und Ohrringe in Form von Rasierklingen konnte man schon bald in Kaufhäusern bekommen. Die bunten Punks ließen sich als Touristenattraktion auf Ansichtskarten vermarkten.

Auch die Couture ließ sich inspirieren: 1977 zeigte die britische Vogue Zandra Rhodes zerrissene Jerseykleider, die von Sicherheitsnadeln zusammengehalten wurden. Noch 1994 erregte die britische Schauspielerin Liz Hurley in einem schwarzen, mit goldenen Sicherheitsnadeln geschmückten Versace-Kleid weltweites Aufsehen. Der französische Couturier Jean Paul Gaultier sympatisierte schon immer mit dem Punklook. Vor zwei Jahren tanzten seine Models in zerrissenen Lederjacken und Bierdosen in der Hand über den Laufsteg.

In der laufenden Saison sind nach der langsam abklingenden Hippieretrowelle jetzt die Achtziger dran, vor allem der Sportlook von damals mit Jogginganzug, Schlabberpulli und Leggings – und eben Punk als größter Kontrast zu Ethnomustern und Folklorestickereien. Die Punkattitüde jedoch ist sehr dezent und so feminin interpretiert wie noch nie. Moschinos geschlitzte schwarze Gewänder schmücken mehrlagige Perlen- und Kettenschnüre, die sehr entfernt an die Toiletten- und Fahrradketten der Punks erinnern. Große silberne Ösen zieren schwarze Lederschürzen. Bondagebänder, ursprünglich aus der sado-masochistischen Fetischmode entnommen, verarbeitete Vivienne Westwood, die Modeschöpferin des Punk, schon Ende der Siebziger zu Bondageanzügen aus schwarzem Satin oder Leder.

In dieser Saison kreierte die belgische Modemacherin Ann Demeulemeester einen kurzen Lederminirock mit Schnallen im Bondagestil. Ihr rückenfreies Ledertop wird von stachlig aussehenden Lederbändern gehalten. Sie ließ sich für ihre Kollektion von „ihrer Freundin, der Poetin und Punkprinzessin Patti Smith“ anregen. Die schwarze, stacheldrahtähnliche Applikation auf einer engen schwarzen Hose von Costume National ist ein weiteres Detail des Neo-Punk. Die Italiener Dolce & Gabbana interpretieren Punk mit übergroßen, spitzen Metallnieten auf breiten Ledergürteln, voluminösen schwarzen Lederjacken und auf High Heels mit mehreren Schnallenverschlüssen um die Fesseln. Akzente und Details lassen den Look neu und modern wirken; manchmal genügen schon silberne Reißverschlüsse.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar