Zeitung Heute : Zinks Zorn

Das Wort zum Krieg: Zu Besuch beim Fernsehpastor der Nation

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Ein Aufreger ist das „Wort zum Sonntag“ selten. Das war in den 70er und 80er Jahren anders, als Jörg Zink noch als Fernsehhirte auftrat. Irgendeiner war danach immer am Telefon und wollte Ärger machen: die Kirchenoberen oder die Verantwortlichen im Sender oder alle auf einmal. Dem streitbaren Zink gefiel das – nicht nur seine Meinung deutlich zu sagen, sondern auch die Gefahr, sich unbeliebt zu machen. Er konnte Gegner aushalten, vor allem, wenn es um tagespolitische Fragen ging: sei es das Geiseldrama in Gladbeck oder die Umweltzerstörung. Mehr als hundert Mal hat er das „Wort zum Sonntag“ gesprochen, seine 130 Bücher erreichten eine Auflage von 14 Millionen. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Zink fünf Jahre als Jagdflieger. Danach zog er gegen Wiederbewaffnung und Nachrüstung ins Feld. Er sei gelassener geworden, sagt der „Kirchenvater des Medienzeitalters“ heute. Das bringen 80 Lebensjahre so mit sich. Sein Interesse gilt nun mehr der Mystik als der Politik. Doch bei „diesem“ Bush kriegt er „die Wut“. Jörg Zinks Wort zum Krieg:

Als ich 17 war, lag die Achse des Bösen zwischen London und Washington. Das hat man uns so eingetrichtert: Die planen den Untergang des deutschen Volkes. Ich habe mich freiwillig zur Fliegerei gemeldet. Im Flugzeug waren wir zu zweit, ich saß hinten, als Bordfunker. Später war ich Pilot. Der Kampf war für uns junge Kerle ein ritterliches Spiel. Man schoss und freute sich, wenn ein silberner Vogel abstürzte. Ich hatte nie das Gefühl: Jetzt habe ich einen Menschen getötet. Zwischen den Angriffen lernte ich Hölderlins „Hyperion“ auswendig.

Einmal griffen wir einen Truppengeleitzug im Mittelmeer an. Acht Schiffe gingen unter, mit Tausenden von jungen Amerikanern und Briten. Danach flogen wir fröhlich nach Hause, feierten. Jahre später war ich theologischer Lehrer im Tübinger Stift und betreute einen Gast aus England. Er wurde mein Freund. Eines Abends erzählte er mir die Geschichte, wie er im Mittelmeer im Bauch eines Schiffes gesessen hatte, oben griffen die Deutschen an. „Es war furchtbar“, sagte er, „der Lärm, die Bomben, die Angst. Wir hatten Glück, konnten uns in einen Hafen retten.“ „War das in der Abenddämmerung, am 8. März?“, hab ich ihn gefragt. „Ja, woher weißt du das?“, fragte er. „Ganz einfach. Weil ich oben war und du unten.“

Bei uns Fliegern überlebte man oder man war tot. Von 400 Kameraden in meinem Geschwader blieben am Ende drei übrig. Ich bin einmal über dem Atlantik abgeschossen worden. Als meine Maschine Feuer fing, sah ich für einen Moment nach hinten. Da flog ein amerikanischer Jäger, ganz nah, feuerte aus allen Rohren auf mich. Wir schauten uns eine Sekunde an, dann explodierte seine Maschine. Mein Flugzeug fiel brennend ins Meer, ich schwamm, bis mich ein Schiff aufsammelte. Doch dieser eine Blick, der ist mir geblieben. Dass man überhaupt Menschen als Feinde ansehen kann, das ist mir in diesem Moment wahnsinnig fremd geworden.

Wer denkt, dass er die Menschen in gute und böse einteilen kann, versteht nichts. Nichts von sich selbst, nichts vom Menschen, nichts von einem anderen Volk. Das Böse haben wir alle in uns – den Lügner, den Feigling, den Heuchler. Ich bin seit 50 Jahren Pfarrer, da beschäftigt man sich ständig mit diesem Schatten auf unserer Seele. Wer das Böse nicht auch in sich selbst erkennt, wird zum Ideologen. Jesus sagt: Wenn einer dir Böses will, dann schau zuerst in dich hinein und stell fest, was in dir selbst das Gefährliche ist. Wovor der andere sich ängstigt! Die Amerikaner verstehen die Araber nicht, auch wenn ihnen ihre Geheimdienste jeden Tag tausend Information liefern. Sie sind voller Illusionen. Sie verstehen nichts, weil sie sich nicht fragen, wer sie selber sind.

Ob ich noch Hoffnung habe für die Menschheit? Worauf soll diese Hoffnung gründen? Auf Gott? Ja. Auf die Vernunft des Menschen? Nein. Heute ist das Abschießen einer Rakete auf eine Großstadt psychisch einfacher, als einen Hasen zu schlachten. Ein Knopfdruck – dafür muss man nicht hassen, keine Hemmung überwinden. Am Ende werden wir das Leben auf der Erde ausknipsen, wie man das Licht im Keller ausknipst.

Aufgezeichnet von Kirsten Wenzel

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