Zeitung Heute : Zionistischer Sport: Bürgerlich oder sozialistisch

Amichai Alperovich

Sei etwa 100 Jahren wird im vorstaatlichen Israel beziehungsweise in Israel Sport getrieben. Am Anfang des zionistischen Sports steht der Nachahmungsversuch nach dem Vorbild des nationalen Sports Friedrich Ludwig Jahns, das 1868 zur Gründung der "Deutschen Turnerschaft" führte. Die Weigerung, deutsche und österreichische Juden in diesen Verband aufzunehmen, führte im Januar 1895 zur Gründung der ersten zionistischen Sportorganisation - der "Jüdischen Turnerschaft". Dies war der Durchbruch zur Gründung einer nationalzionistischen Sportorganisation, die in Europa ihre Aktivitäten aufnahm und später schwerpunktmäßig in das vorstaatliche Israel verlegt wurde.

Die Spaltung des internationalen Sports Ende des 19. Jahrhunderts und in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts in den bürgerlichen Leistungssport und den sozialistischen Sport brachte eine ähnliche Entwicklung innerhalb des zionistischen Sports mit sich. Der bürgerliche Leistungssport sah in der Aufstellung neuer Rekorde das wichtigste Ziel. Zur gleichen Zeit wie die Einführung der olympischen Idee von Pierre de Coubertin, begann sich der sozialistische Sport in Deutschland zu etablieren. Bis in die frühen 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts galt der Sport unter Anführung der Maccabi-Organisation als nationaler Sport, dessen Ziel es war, das jüdische Volk in seine Heimat zurückzuführen. Zu dieser Zeit entstand eine ungewöhnliche Spaltung, und zwar die Gründung der sozialistischen Sportbewegung namens Hapoel (der Arbeiter), die hauptsächlich durch die Einwanderung von jungen Menschen aus Osteuropa nach Palästina und durch die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage verursacht wurde.

Während der Hapoel-Verband internationale Aktivitäten entwickelte, wurde der Maccabi-Verband 1934 von der Olympischen Bewegung als Vertreter des nationalen bürgerlichen Sports in Palästina anerkannt. Dieser Schritt führte dazu, dass das Organisationskomitee für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin dem olympischen Komitee in Palästina eine Einladung schickte, an den Spielen teilzunehmen. Die Einladung wurde zur gleichen Zeit verschickt wie der internationale Aufruf, die Spiele zu boykottieren, und zwar wegen des Umgangs der nationalsozialistischen Herrschaft Deutschlands mit deutschen Juden und insbesondere den jüdischen Sportlern. Die führenden jüdischen Politiker in Palästina wiesen die Einladung zurück.

Mit der Gründung des Staates Israel riefen die zwei großen Sportverbände - das nationale Maccabi, politisch rechts ausgerichtet, und die sozialistische Hapoel - die nationale Sportbehörde ins Leben. 1950 waren es die Vertreter dieser Behörde, die sich gegen die Aufnahme Deutschlands in die Internationale Amateur Athletic Förderation (IAAF) aussprachen.

Die Olympischen Spiele in Helsinki 1952 waren die ersten Spiele, bei denen nach dem Zweiten Weltkrieg eine deutsche und eine israelische Delegation teilnahmen. Die israelischen Sportler bekamen die Anweisung, sich für den Fall, dass sie gegen Sportler aus Deutschland direkt antreten müssen, vorher beim israelischen Botschafter eine Startgenehmigung einzuholen. Diese Einschränkungen seitens Israel in Bezug auf Deutschland galten nicht nur im Sport. Dank der Bemühungen Willi Daumes, Präsident des Deutschen Olympischen Komitees und Mitglied des IOC, der die Beziehung mit Israel seit Ende der 50er Jahre des vorherigen Jahrhunderts mit großem Engagement aufbaute, entwickelten sich die Beziehungen auch im sportlichen Bereich. Der Mord an den elf Mitgliedern der israelischen Delegation der Olympischen Spiele 1972 in München belastete die Beziehungen beider Staaten nur kurze Zeit. Die Frage der Entschädigungszahlung an die Familien der Opfer ist bis heute noch nicht geregelt. Doch der damalige Leiter des Olympischen Dorfes und heutige Präsident des Olympischen Komitees Deutschlands, Walter Tröger, sorgte mit seinem Besuch in der Unterkunft der israelischen Delegation für eine wesentliche Verbesserung der Beziehung beider Staaten im sportlichen Bereich.

Trotz der engen Verbundenheit der Sportorganisationen beider Staaten, ist der Leistungsunterschied enorm. 1992 wurde der israelische Sport von den europäischen Sportinstitutionen aufgenommen. Doch selbst wenn der Prozess der Nachahmung fortgesetzt würde, so wie es am Anfang des zionistischen Sports der Fall war, würde sich Israel kaum in eine Sportmacht wie Deutschland verwandeln. Vielleicht verstehen aber die Sportfunktionäre in Israel, dass die Nachahmung, die am Anfang so gefragt war, auch in der Zukunft sehr sinnvoll sein kann.

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