Zeitung Heute : „Zipfel des Zeitgeistes erwischt“

Vor 40 Jahren folgen Gleichgesinnte ihrem humanitären Impuls und gründen terre des hommes

Petra meyer

Vo Suong ist erst zwölf Jahre alt, als er seine schwierige Reise ins Ungewisse antritt. Allein, in ein fremdes Land, nach Deutschland.

Zuhause, in seiner Heimat Vietnam, tobt weiter der Krieg. Auch der kleine Vo fällt ihm zum Opfer. Anfang 1968 trifft ihn ein Bombensplitter und verletzt ihn schwer. Das Geschoss reißt ihm einen Teil der linken Gesichtshälfte weg: Mund und Nase sind schwer getroffen. Der Junge kann kaum essen und trinken. Er überlebt nur, weil das deutsche Lazarettschiff „Helgoland“ vor Da Nang am Pazifischen Ozean liegt und er drei Monate später nach Deutschland ausgeflogen wird. Vo kommt nach Bremen, ins Sankt-Jürgens-Krankenhaus, wo die Ärzte seinen Kiefer operieren, seine Haut transplantieren und alles tun, um den kleinen Jungen zu retten.

Lutz Beisel erinnert sich an Vo Suong, auch wenn sie sich damals nicht persönlich begegnet sind. Und doch ist das Überleben des damals Zwölfjährigen ganz eng mit dem Frankfurter Schriftsetzer verknüpft. Denn einige Monate vor Vos Reise taumelt Beisel, für ihn selbst zunächst völlig unerwartet, in einen schwierigen inneren Konflikt. Die täglichen Fernsehbilder aus dem Vietnamkrieg sickern in ihn ein. Völlig unbekannte Menschen, die hilflos und der Gewalt schutzlos ausgeliefert sind, berühren Beisel tief. Zeitgleich läuft in Frankfurt der Auschwitzprozess. Immer mehr Informationen über medizinische Versuche an Frauen in dem berüchtigten Konzentrationslager dringen an die Öffentlichkeit: Ungeheuerliches von deutscher Hand. Im Rückblick darauf spricht Beisel von einem „schmerzhaften Riss“, der sich in ihm vollzieht und ihn aus seiner „bürgerlichen Idylle“ herausschleudert. Ein Riss tief in seinem Inneren.

Dass Beisel daran nicht zerbricht, verdankt er der Erkenntnis, dass Handeln befreiend wirken kann. Und einigen Zufällen. „Irgendwie haben wir einen Zipfel des Zeitgeistes erwischt“, so Beisel. Jedenfalls liest er in einer Zeitschrift von einer Schweizer Initiative namens „terre des hommes“, also Erde der Menschen. Der Schweizer Journalist Edmond Kaiser, der diese humanitäre Initiative 1960 gründet, benennt sie nach einem Romantitel von Antoine de Saint Exupéry, dem Autor des weltberühmten Buches „Der kleine Prinz“.

Beisel nimmt also Kontakt zu Kaiser auf, reist zu ihm nach Lausanne und kehrt von diesem Besuch mit dem festen Willen zurück, auch in Deutschland „terre des hommes“ zu gründen. Sein starker Impuls schlägt Wellen, setzt ungeahnte Kräfte frei und reißt Gleichgesinnte mit. Schon wenige Wochen später, am 8. Januar 1967, gründet der 29-jährige Lutz Beisel seine Initiative. Schnell bilden sich erste Aktionsgruppen. Sie organisieren Rettungsflüge und medizinische Behandlung für kriegsverletzte Kinder aus Vietnam. Und suchen deutsche Adoptions- und Pflegeeltern. Für Kinder wie Vo Suong.

Heute, 40 Jahre später, fördert das deutsche Kinderhilfswerk etwa 500 Projekte in 25 Ländern weltweit – hauptsächlich über private Spenden. Es ist Teil eines Netzwerkes von zehn unabhängigen Sektionen innerhalb und außerhalb Europas.

Anders als in den Gründerjahren entsendet terre des hommes heute allerdings keine deutschen Helfer mehr. Schon 1975 entscheidet die deutsche Sektion, fortan nur noch lokale Partner vor Ort zu unterstützen. So will sie sicherstellen, dass sich die Arbeit an den lokalen Bedürfnissen orientiert und nachhaltig wirkt. Seit 2003 nehmen die Partner zudem alle drei Jahre an sogenannten Delegiertenkonferenzen teil, auf denen über neue Strategien und Schwerpunkte für die kommenden Jahre entschieden wird. Mehr Mitbestimmung also für die Partner des Südens.

Lutz Beisel ist heute nicht mehr dabei. Ende 1978 ist er ausgestiegen. „Ich hatte das Gefühl, dass das Kind erwachsen geworden ist, allein gehen kann“, sagt er zunächst. Doch das allein ist nicht der Grund. Er gesteht ein, dass ihn der Richtungswechsel in Sachen Auslandsadoption „persönlich sehr geschmerzt“ habe. Denn Ende der siebziger Jahre entscheidet terre des hommes, nur noch dann Adoptionen nach Deutschland zu vermitteln, wenn es im Heimatland des Kindes keine Alternative gibt. Das endgültige Aus für Auslandsadoptionen kommt 1994. Hintergrund für dieses klare Nein ist der zunehmend kommerzielle Adoptionsmarkt. Rund 2800 Adoptionen vermittelt die Organisation in all den Jahren.

Anneli Schinkel, die als viermonatiges Findelkind aus Südkorea von deutschen Eltern adoptiert wird, findet die Entscheidung von terre des hommes richtig. „Für mich sind meine deutschen Eltern meine Eltern, und ich selbst fühle mich innerlich hundertprozentig „deutsch“; aber im Austausch mit anderen Adoptierten habe ich erlebt, wie sehr sich manche mit Identitätsproblemen quälen, weil ihre Fragen zur Herkunft ohne Antwort bleiben“, sagt sie anlässlich des 40-jährigen Bestehens von terre des hommes. „Ich glaube, dass es für ein Kind leichter ist, in einer Umwelt aufzuwachsen, in der es nicht fast täglich nach seiner Herkunft gefragt wird“, so die heute 24-Jährige.

„Natürlich fühlen wir uns nach wie vor für die Nachbetreuung der adoptierten Kinder verantwortlich“, erklärt Wolf-Christian Ramm, Sprecher von terre des hommes. Und meint damit, dass die Geschäftsstelle in Osnabrück bisher betreute Reisen in das Heimatland organisiert und Adoptivkinder auf Wunsch fachlich beraten hat. Wie lange noch wird im Verein derzeit diskutiert.

Einen anderen wichtigen Kurswechsel trifft terre des hommes 1980. Bis zu diesem Zeitpunkt geht es in den Projekten in erster Linie darum, Not leidenden Kindern ein Leben in Würde zu ermöglichen. Sie werden medizinisch behandelt, erhalten ausreichend Nahrung, ein Dach über den Kopf, können zur Schule gehen oder eine Ausbildung beginnen. Doch damit nicht genug. Fortan will sich terre des hommes auch gesellschaftspolitisch einmischen: durch öffentliche Kampagnen und politische Lobbyarbeit. Dafür ändern die Mitglieder die Satzung des Vereins.

Neben Rüstungsthemen, Kinderarbeit und fairem Handel prangert terre des hommes vor allem sexualisierte Gewalt an Kindern an. „Er macht es jedes Jahr. Er macht es im Urlaub. Er macht es mit Kindern.“ – so eine Anzeigenkampagne der 1990er Jahre. Die Organisation kritisiert, dass deutsche Sextouristen sich immer öfter mit Kindern verlustieren. Vor allem die Privatsender, erinnert sich WolfChristian Ramm, springen auf das „Schmuddelthema“ an. Die Kampagne ist laut und direkt. Und erfolgreich: Zum 1. September 1993 wird das deutsche Strafrecht geändert. Seitdem ist Sex mit Kindern strafbar, auch im Ausland.

Lukrativ ist die Ware Kind allerdings bis heute. Zwar fehlen offizielle Statistiken, doch UN-Experten schätzen, dass der Handel mit Kindern heute so gewinnbringend ist wie der Verkauf von Drogen oder Waffen. Mit oder ohne Einverständnis der Eltern werden jährlich etwa eine Million Kinder verkauft, oft über Landesgrenzen oder sogar Kontinente hinweg.

Wer glaubt, in Europa sei das undenkbar, irrt. Und zwar gewaltig, denn viele Kinder arbeiten unfreiwillig in westeuropäischen Ländern: als Prostituierte, in der Pornoszene, als Drogenkuriere oder Bettler. Da Kinder sich nicht wehren können, sind sie leichte Opfer für skrupellose Einzeltäter und ganze Händlerringe. Im neuen Jahrtausend hat terre des hommes daher eine neue Kampagne gestartet, um aufzuklären, vorzubeugen und zu helfen.

Doch zurück zu Vo Suong, der als eines der ersten kriegsverletzten Kinder nach Deutschland kommt. Vier Jahre lang bleibt er bei seinen Pflegeeltern in Fischerhude bei Bremen und lässt sich zum Kfz-Mechaniker ausbilden. Letztlich aber ist das Heimweh so groß, dass er 1972 nach Vietnam zurückkehrt, obwohl der Krieg noch andauert. Nur sein Vater und zwei ältere Geschwister leben noch. Heute verdient der 51-jährige den Lebensunterhalt für seine Familie als Taxifahrer. „terre des hommes hat mich zum zweiten Mal geboren“, sagt er. Wer hätte das zu hoffen gewagt, als der Zwölfjährige vor 39 Jahren seine schwierige Reise antrat.

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