Zeitung Heute : Zittern um die Macht in den Städten

Der Tagesspiegel

Von Claus-Dieter Steyer

Potsdam. Letzte Runde der im November gestarteten Bürgermeisterwahlen: Am Sonntag werden in zwölf Städten und Gemeinden Stichwahlen über die Besetzung der Posten entscheiden. Besonders spannend wird es in den drei großen kreisfreien Städten Cottbus, Frankfurt (Oder) und Brandenburg/Havel, wo das bisher gängige Farbspiel der Parteien im Wahlkampf kräftig durcheinander geschüttelt wurde.

Beispiel Cottbus: Überraschende Schützenhilfe erhielt CDU-Kandidat Markus Derling und zwar durch den SPD-Ministerpräsidenten Manfred Stolpe. Er hält den jetzigen Wirtschaftsdezernenten für am besten geeignet , um Cottbus nach vorn zu bringen. Erstmalig in seiner zwölfjährigen Amtszeit hat sich Stolpe damit für einen Bewerber der CDU ausgesprochen. Dagegen sprachen sich der Landrat des Spree-Neiße-Kreises Dieter Friese und der Landtagsabgeordnete Ulrich Freese für die Ex-SPDlerin und nunmehr parteilose Kandidatin Karin Rätzel aus. In der Parteizentrale hieß es zu dieser ungewöhnlichen Lage nur, man halte das aus. Nach dem ersten Wahlgang zu urteilen, braucht der 37-jährige Derling tatsächlich jede Stimme. 17 Prozent der Wähler votierten für ihn, während Karin Rätzel auf fast 30 Prozent kam. Falls die 54-Jährige am Sonntag diesen Erfolg wiederholen würde, käme es zu einer wahrlich ungewöhnlichen Konstellation im Rathaus. Denn sie müsste dann vor die Stadtverordnetenversammlung treten, von der sie im Dezember 2000 aus ihrem Amt als Finanzbeigeordnete gejagt wurde - weil sie von „mafia-ähnlichen Strukturen in Cottbus“ gesprochen hatte und von „Filz“.

Beispiel Frankfurt (Oder): Keinen Hehl aus seiner brisanten Vergangenheit machte der Favorit für die Stichwahl in Frankfurt (Oder). Detlef Henschke bekannte sich zu seiner Stasi-Arbeit. Seinen Wehrdienst hatte der heute 50-Jährige als Bewacher im Stasi-Knast abgeleistet. Danach blieb er als FDJ- und Parteifunktionär dem Mielke-Ministerium als Informant erhalten. „Für diese Spitzeltätigkeit schäme ich mich heute in Grund und Boden“, meinte der Kandidat mit dem PDS-Mitgliedsbuch. Unterstützt wird Henschke, der von der Partei übergreifenden „Gruppe 2002“ aufgestellt wurde, ausgerechnet von Pfarrer Christian Gehlsen - den er in den 80er Jahren angeschwärzt hatte. Gehlen rechnet Henschke an, dass er „unbarmherzig, ehrlich und bußfertig“ mit sich abrechne. Dagegen hält CDU-Kontrahent Martin Patzelt Henschkes Kandidatur für eine „Zumutung" - angesichts der vielen Menschen, die unter der Stasi gelitten hätten.

Beispiel Brandenburg/Havel: Viel ruhiger als in Cottbus und Frankfurt verliefen die vergangenen drei Wochen in der Havelstadt Brandenburg. Dort kämpft ein rot-rotes-Bündnis gegen die CDU-Kandidatin Dietlind Tiemann. Die Bauunternehmerin und Miteigentümerin des Stadtkanals verbuchte im ersten Wahlgang zwar 39 Prozent der Stimmen, doch am Sonntag muss sie sich der geballten Macht der Anhänger von SPD und PDS erwehren. Die PDS erklärte noch am Wahlabend ihre Unterstützung für den SPD-Mann Helmut Schmidt, der im ersten Wahlgang bereits auf 32 Prozent der Stimmen kam. Tiemann versuchte in den letzten Wochen beim Hauptgesprächsthema der Brandenburger zu punkten, dem so genannten großen Loch im Stadtzentrum. Seit Jahren gibt es Pläne für Einkaufs-, Kultur- oder Sportzentren, doch hinter den Bauzäunen passiert nichts. Als Zeichen des Neubeginns wollte Tiemann die Baugrube kürzlich zuschütten lassen. Aber ihre Bagger erhielten von der noch amtierenden Stadtverwaltung unter SPD-Oberbürgermeister Schliesing keine Genehmigung. Die Sozialdemokraten witterten „populistischen Aktionismus“, zumal ihr Kandidat Helmut Schmidt nicht gerade vor Ideen und Lebendigkeit zu sprühen scheint. Auf viele Wählen jedenfalls wirkt der Wissenschaftler farblos, steif und viel zu akademisch.

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