Zeitung Heute : Zittern verboten

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Von Peter Siebenmorgen,

Kabul/Taschkent

Achtet man nur auf Gerhard Schröder ganz allein, wie er in Kabul von Termin zu Termin durch das dicht gestaffelte Programm eilt, dann sieht man einen Mann, der sich mit raschen, sicheren, mit energischen Schritten seinen Weg bahnt. Aber der Bundeskanzler geht fast nie allein durch die Welt – schon gar nicht durch die Hauptstadt von Afghanistan, in der ja hinter jeder Ecke eine Gefahr für Leib und Leben lauern könnte. So eilt er stets umringt von seinen Personenschützern durch die staubigen Gassen Kabuls. Und wenn man dann das ganze Ensemble betrachtet – Schröder und all die Sicherheitsbeamten, von denen ihn ein jeder um Haupteslänge überragt – dann stellt sich die Szene noch ein wenig anders da. Aus dem weiteren Winkel betrachtet, wirkt der forcierte Gang des Kanzlers fast gehetzt, ja getrieben.

Kein zynischer Scherz

Es sind keine schönen Panoramen, die Schröder im geschundenen Kabul zu Gesicht bekommt. Straßenketten, gebildet aus zerstörten Häusern, werden ihm als jene Teile der Stadt vorgestellt, die vom kriegerischen Wüten weitgehend verschont geblieben seien. Erst auf dem Weg zu den letzten beiden Stationen seines Besuchs durch das Universitätsviertel zu einem Minenräumprojekt und zu der mit deutscher Hilfe aufgebauten Jamal-Mina-Mädchenschule wird Schröder verstehen, dass dies kein zynischer Scherz war. Die Wagenkolonne des Kanzlers quält sich durch einen Stadtteil, in dem ehedem 700 000 Menschen gelebt haben, wo jetzt aber nicht einmal 70 000 wohnen. Eine Geröllwüste – kein Stein liegt auf dem anderen.

Am Abend dieses langen Tages, auf der Terrasse des Gästehauses der usbekischen Regierung, in dem Schröder die Nacht verbringt, kommen ihm diese Bilder in den Sinn. „So ähnlich muss das bei uns nach dem 30jährigen Krieg ausgesehen haben“, sinniert er. Seine Nachdenklichkeit ist nicht gespielt.

Aber auch die Bilder vom Elend in Kabul verändern sich ein wenig, wenn man die Perspektive verändert. Denn zwischen Trümmerbergen spielen lachende Kinder, am Rand der Straßen, die der Kanzlertross passiert, stehen Tausende von freundlich winkenden Menschen. Und in der Mädchenschule strahlen die vielen dunklen Augenpaare der kleinen Mädchen nur so um die Wette, als der Kanzler naht. Ihr herzlicher Beifall, die vielen Gesten des Dankes wollen ihn gar nicht mehr gehen lassen. Wie schön wäre es, gäbe es dieses Maß an Zustimmung auch in jenem anderen Elend, der deutschen Innenpolitik, für den Regierungschef, raunt einer aus der offiziellen Delegation.

Spätestens als am Abend dann die nächsten Nachrichtenbündel aus Deutschland auf den Tisch des Kanzlers flattern, hat ihn diese andere grausame Wirklichkeit wieder eingeholt. Denn in den Agenturmeldungen, die das Presseamt nach Taschkent übermittelt, fällt sofort die Nachricht von Höppners Kritik an Schröders Kurs auf: Der Mangel an Reformentschlossenheit der Bundesregierung sei Schuld am Wahldebakel in Sachsen-Anhalt gewesen, soll demnach der untergegangene Ministerpräsident von Magdeburg gesagt haben – ausgerechnet der, murmelt ein Mitarbeiter Schröders beim vor sich hinlesenden Studium der „Sonderunterrichtung“ des Bundespresseamtes für den Kanzler.

In der Bundeshauptstadt selbst ist diese Meldung kaum beachtet worden. Doch im Umfeld des Kanzlers liegen die Nerven mittlerweile derart blank, dass schon der kleinste Anlass zur weiteren Verunsicherung ausreicht. Längst ist sie dahin, die große Selbstgewissheit im Regierungslager, dass niemand anderes die Bundestagswahl gewinnen könne als Schröder und die SPD.

Noch Anfang des Jahres schien dort anderes gar nicht vorstellbar. Als dann auch noch Edmund Stoiber von der Union als Herausforderer des Kanzlers bestimmt wurde, war die Siegessicherheit nicht mehr zu steigern. Und nun? Perdu. Obwohl Schröder im direkten Vergleich der Umfragen weiterhin deutlich vor dem Unions-Kandidaten liegt, sackt die Zustimmung zur SPD immer weiter ab. Seit Wochen liegt sie nun schon stabil unter 36 Prozent, eine Umfrage sah die Sozialdemokratie gar nur bei 31 Prozent.

Anflüge von Galgenhumor

Woran das letztlich liegt, kann sich niemand recht erklären. Natürlich gibt es die Parteispenden-Affäre in Köln. Natürlich sind die Konjunkturdaten nicht glänzend; natürlich gibt es ziemliche Katastrophen-Besetzungen im Bundeskabinett. Aber was ist das alles schon im Vergleich zur politischen Konkurrenz? Oder angesichts des erfolgreichen, alternativlosen Kurses der Haushaltskonsolidierung und Steuerreform?

Gerade weil man an der Spitze der SPD keine Erklärung für die schlechte Stimmung hat, fällt es vielen so schwer, noch auf eine Trendwende zu hoffen. Selbst manche der bekannten Berufsoptimisten geben nicht mehr nur Rot-Grün verloren, sondern glauben auch schon nicht mehr fest an eine andere Farbenkombination unter sozialdemokratischer Führung. Resignation, gar Depression? Nein, das wäre zu viel gesagt. Es sind eher Ratlosigkeit und Händeringen, die man registrieren kann. Die gedrückte Stimmung ist auch an den Abendtischen im fernen, zentralasiatischen Taschkent zu Gast. Und erste Anflüge von Galgenhumor, etwa wenn darüber sinniert wird, was wohl aus wem nach dem 22. September werden mag. Besonders, wenn es dabei um den SPD-Bundesgeschäftsführer Matthias Machnig geht.

Nur der Kanzler lässt sich von der schlechten Stimmung in der eigenen Truppe nicht anstecken. Oder nichts anmerken, was vielleicht ja auch nur eine Frage der Betrachtungsperspektive ist. Heiter, witzig, nett, charmant – so dreht er seine Runden in der lauen Sommernacht der usbekischen Hauptstadt von Tisch zu Tisch im Park des Gästehauses der Regierung. Hier ein freundliches Wort, da eine aufmerksame Geste, über alles kann man reden – nur bitte nicht über die Innenpolitik.

Auf dem Rückflug von Taschkent nach Berlin lässt sich Schröder bei den mitreisenden Journalisten gar nicht mehr blicken. Denn die, so mag er denken, interessieren sich ja doch nur dafür, worüber er im Moment partout nicht sprechen mag. Am Freitag gegen 18 Uhr 30 steigt schließlich ein abgekämpfter Bundeskanzler aus dem Luftwaffen-Airbus „Konrad Adenauer". Der Teint ist matt, die Gesichtszüge müde, die Falten tief. An diesem Sonntag aber sollen Filmspots für die Bundestagswahl gedreht werden. Was wird dieses Gesicht dann sagen? Ein erschöpfter Kanzler? Oder ein ernster Mann für ernste Zeiten? Aber vielleicht ist auch das nur eine Frage der Perspektive.

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