Zeitung Heute : „Zivildienst ist auch ein Lerndienst“

Caritas-AbteilungschefBergmann hält eine Abschaffung für falsch

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MICHAEL

BERGMANN (44)

ist Leiter der

Arbeitsstelle Zivildienst bei der

Caritas Deutschland.

Foto: Caritas

Herr Bergmann, die Wehrpflicht und damit der Zivildienst stehen zur Disposition. Was heißt das für die Sozialverbände?

Momentan sind im Jahresdurchschnitt etwa 95000 Zivildienstleistende tätig, bei der Caritas arbeiten 90 Prozent direkt im Dienst mit Menschen. Wenn es von heute auf morgen keine Zivildienstleistenden mehr gäbe, hätten wir ein großes Versorgungsproblem in den Einrichtungen.

Welche Übergangslösungen wären nötig?

Wir halten eine Übergangsfrist von fünf Jahren insgesamt für ausreichend. Man muss aber zwischen den einzelnen Einsatzbereichen differenzieren: Beispielsweise für Behindertenfahrdienste wird man eher jemanden finden, im Pflegebereich wird das aber erheblich länger dauern. Wir erwarten von der Politik, dass zumindest ein Teil der Mittel, die für den Zivildienst eingesetzt werden, für diese Übergangsphase zur Verfügung stehen.

Wer könnte Zivildienstleistendeersetzen?

Da sind drei Formen möglich. Die erste Möglichkeit ist die Schaffung von Minijobs. Das versuchen wir bereits seit dem letzten Jahr, weil die Anzahl der Zivildienstleistenden immer weiter zurückgeht. Zweitens könnte man das freiwillige soziale Jahr weiter ausbauen. Dann gäbe es noch den Versuch, Freiwilligendienste stärker zu propagieren; und zwar nicht nur bei jungen Menschen.

Der Zivildienst dauert mit zehn Monaten nur halb so lange wie vor 15 Jahren, weitere Verkürzungen sind im Gespräch. Hat das Sinn?

Irgendwann ist der Punkt gekommen, wo man die Sinnfrage deutlich stellen muss. Eine Verkürzung auf neun Monate halten wir aber für verkraftbar. Es ist ja eine alte Forderung der Kirchen, dass Wehr- und Ersatzdienst gleich lange dauern sollen. Aber das bedeutet natürlich, dass die Zeit des Einsatzes in der Einrichtung immer kürzer wird. Man muss ja noch die Zeit für Lehrgänge und die Einarbeitung abziehen. Wir sehen den Zivildienst aber nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Verwertbarkeit: Das ist auch ein Lerndienst für junge Leute.

Würde es für Pflegebedürftige ein Plus an Qualität bedeuten, wenn Zivildienstleistende durch professionelle Kräfte ersetzt würden?

Das glaube ich nicht. Den Zivildienstleistenden geht es meist um Menschlichkeit und Hinwendung, während bei den Professionellen oft die Interessen der Einrichtungen im Vordergrund stehen.

Das Gespräch führte Sebastian Berger.

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