Zeitung Heute : Zlatko Schlingensief - ab in den Container (Glosse)

Bernd Matthies

Der Bursche ist ein ziemlich schlimmer Albtraum, vom arschknappen Tanga bis zur Semi-Skinhead-Bürste, die er mit Haarspray erigiert. Er spricht abfällig über die Quotenlesbe der Zehner-WG, kann nicht leben ohne Marlboro und Turbo-Zahnbürste, und wenn "Big Brother" einen Parkplatz hätte, dann wäre der tiefergelegte 3-er BMW seiner: Zlatko aus Stuttgart. Ohne Zweifel ein Sprengsatz auf Beinen, doch wer liefert den Zünder? Christoph Schlingensief tut es. "Einer der übelsten und brutalsten Typen, die ich jemals kennengelernt habe", berichtet er in der gestrigen "Frankfurter Rundschau" über "Kandidat Nummer Zehn"; der Mazedonier mit rumänischen Vorfahren sei im Kosovo-Krieg auf deutscher Seite (?) gegen die Kosovoalbaner tätig geworden, und die Volksbühne habe ihn 1996 wegen seiner Stasi-Verbindungen gefeuert. Die Bombardierung eines Personenaufzugs - 60 Tote - habe ihn verwandelt: "Ich will schlitzen, ich will Frauen und Männer in diesem Fernsehgefängnis schlitzen, ihnen die Augen zerquetschen und ihnen die Gedärme bei lebendigem Leib herausreißen." Schlingensief will ihm übrigens per Koffertausch die nötigen Waffen in die Hand gegeben haben, damit das geplante Massaker nicht an einem stumpfen Kartoffelschälmesser scheitert. Huh! Nun wissen wir vom Kandidaten Zlatko, dass er 24 ist, was zumindest die Stasi-Connection fraglich erscheinen lässt, und auch sonst, ähm, ist der Text am Ende nur eine Schlingensiefiade und auch nur als solche authentisch. Doch der große Performancier sät so Zweifel in unser Herz: Sind am Ende die hübschen Bilder der Sex-Telefonistin Jana aus Kamp-Lintfort in der "Bild"-Zeitung - Korsage, Strapse, High-Heels - auch nur eine Fiktion, werden wir morgen über Jürgen, den öligen Schürzenjäger, hören, dass er in Wirklichkeit Semiotik-Professor an der Uni Regensburg ist? Die einzige Lösung: Schlingensief muss rein in den Container, spätestens, wenn der erste Kandidat geht. Dann kann er drinnen recherchieren - und wir haben wenigstens knapp hundert Tage Ruhe vor ihm.

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