Zeitung Heute : Zocken

Ariane Bemmer

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Eher zufällig geriet ich neulich auf die Trabrennbahn Mariendorf, wo ich einen Pferdebesitzer besuchte. Ein Besuch mit weitreichenden Konsequenzen für mein Privatleben. Ich tätschelte sein Pferd, obwohl ich als Städter reichlich Angst hatte, es könnte sein großes Maul aufreißen und mir mit seinen gelblichen Zähnen die Hand abbeißen. Aber es stand da nur. Überhaupt war es sehr friedlich auf dem Gelände. Besucher spazierten an den Ställen entlang, große Hunde zottelten ziellos über die staubigen Wege, die Trainer, Fahrer und Pferdebesitzer schlenderten umher und plauderten. Es roch nach Heu und Landurlaub. Nicht einmal, als die Pferdepfleger das aufwändige Geschirr an den Tieren befestigten, wurde es hektisch.

Ich ging zu einem der Gebäude, in und vor denen die Wetter sitzen. Als freundliche Geste, dachte ich, setze ich doch mal auf das soeben getäschelte Pferd. Es war nicht voll am Wettschalter. Ein paar ältere Menschen, fast nur Männer in bequemen Schuhen und karierten Hemden, standen da. Da an so einem Renntag viele Rennen nacheinander stattfinden, muss man die Nummer des Rennens sagen, das Pferd und ob man Sieg oder Platz wettet (man kann das alles noch viel komplizierter machen, Dreierwette heißt das). Dann bekommt man einen Zettel. Nun war ich ein Wetter. Mit einen Zettel allerdings ein Fliegengewicht. Die anderen Wetter saßen an Tischen und studierten das Programm. Sie guckten kaum zur Rennbahn, sondern auf die Fernseher, die auf einigen Tischen und im Haus standen. Dort sah man auch die Trabrennen, die anderswo in Deutschland stattfanden. Bevor mein Rennen anfing, war ich vor Aufregung völlig aus dem Häuschen, da läuft mein Geld, wenn das Pferd verliert, ist es weg. Zehn Euro! Los, du Pferd, renn, was du kannst!, barmte ich still und schwor, nie wieder zu wetten. Dann gewann das Pferd, ich jubelte und rannte zur Geldausgabe im Hauptgebäude: 14 Euro würde ich kriegen. Ich nehme alles auf einmal, sagte ich zu der Frau am Schalter. Sie fand das nicht witzig. Weil der Wetttag zu Ende war, habe ich die vier Euro netto zur Seite gelegt. Am nächsten Renntag werde ich die wieder setzen.

Der nächste Renntag ist heute, um 18 Uhr geht es los, danach wieder am Sonntag ab 13.30 Uhr, Info-Telefon: 7401-212

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