Zeitung Heute : Zoe

Ein postmoderner Wartesaal

Bernd Matthies

Zoe, Rochstr. 1, Mitte, täglich von 12 bis 24 Uhr, Sonntag 18 bis 24 Uhr, Tel. 240 456 35, www.zoe-berlin.de. Nur Barzahlung. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ihnen kann ich’s ja sagen: Wir modernen Restaurantkritiker treffen unsere Entscheidungen gern auf der Grundlage von Internet-Recherchen. Ein Klick hier und ein Klick da, und schon eröffnen sich hübsche Speisekarten und endlose Weinlisten. Und vor allem appetitliche Bilder. „Cool!“ sagen wir dann oder „Ho, Design!“ Fühlen uns wie in New York und gehen hin, um den kulinarischen Zeitgeist in Echtzeit bei der Arbeit zu beobachten. Na, und dann stellt sich meistens heraus, dass das betreffende Restaurant nur halb so groß ist, wie es auf den Fotos wirkt, und dass der Besitzer, um Strom zu sparen, das Licht so weit heruntergedimmt hat, dass auch vom Design nicht mehr das Geringste zu sehen ist.

Deshalb wirkt also das auf den Fotos so edelkühle „Zoe“ in natura eher wie ein postmoderner Wartesaal. Aber Gemütlichkeit ist ja subjektiv, und es gibt allerhand Gründe, so etwas jedenfalls angenehmer zu finden als eine zugetrödelte Bauernstube. Die Website sagt in diesem Fall zumindest über die Speisekarte die Wahrheit: Die virtuelle und die reale sind identisch, und das ist selten.

Jedes von der Szene und ihrem Stil angehauchte Restaurant kocht heute unweigerlich italienisch-asiatisch. Es wird noch etwa zehn Jahre dauern, dann servieren sie auch in den Kantinen statt Schnitzel und Seelachs nur noch Ravioli auf Wok-Gemüse und streuen oben gehackten Koriander drauf. Im Zoe immerhin werden die Sphären sorgfältig getrennt, es gibt keine Vermischung, nur italienisch oder asiatisch. Die auffällig niedrigen Preise deuten darauf hin, dass hier nicht mit großem Aufwand gekocht wird, das Gourmetometer also nicht eingesetzt werden sollte.

Und bitte: Was auf den Tisch kommt, ist für diesen Tarif wirklich okay. Zwei saftige Riesengarnelen mit einem etwas trockenen, gleichwohl angenehm würzigen Fenchelstrudel, Radicchiosalat und einer sanften, originellen Pernodvinaigrette: 6,50 Euro. Da kann man, wie der Berliner sagt, nicht meckern, und was den laotischen Salat mit Entenbrust und einem Chili-Zitronengras-Relish (5,50) betrifft, ist es schon fast ungerechte Mäkelei, mitzuteilen, dass die Entenstreifen lange vorbereitet und deshalb ziemlich trocken waren. Auch das mit 14,90 Euro teuerste Hauptgericht, immerhin ein ordentliches Stück Seeteufel, war handwerklich sauber verarbeitet, gut gewürzt und von einem Sardellen-Risotto einleuchtend begleitet – leider hatte das Risotto seinen Biss weitgehend verloren und entstammte einer Reissorte, die nicht ohne Grund asiatischen Zubereitungen vorbehalten bleiben sollte.

Zum saftigen, sehr gelungenen Maishähnchen mit Wok-Gemüsen auf rotem Curry (12,50) passte die Sorte, nur leider war die Portion lieblos aufgewärmt worden. Das können viele belanglose China-Restaurants selbst auf diesem Preisniveau besser. Doch diese Kritik betrifft allein den Reis; das Huhn selbst schmeckte prima, die authentische Aromen-Abstimmung der Kokos-Sauce zeigte, dass hier in der Küche einer mit der Zubereitung solcher Dinge umgehen kann. Ach, wir haben dann sogar noch die beiden angebotenen Desserts probiert, die uns keine Erleuchtung mehr bescherten. Für Crème brûlée gibt es längst Fertigmixturen im Kunststoffschlauch, die in der Küche nur noch abgefackelt werden müssen, und auch Mousse au chocolat ist für die meisten Köche ein Fertigprodukt, das sie lediglich unfallfrei auf den Teller zu bringen haben. So geschah es auch hier – aber das verstörte uns bei Preisen um vier Euro keineswegs.

Kommt noch hinzu, dass selbst die Weine in diesem Restaurant verblüffend preisgünstig kalkuliert sind: Für eine Flasche ordentlichen Württemberger Riesling waren 15 Euro fällig, und wer hier zu zweit mehr als 100 Euro verjuxen will, der muss schon ziemlich aus der Rolle fallen. Am Ende folgte dann doch noch eine Überraschung: In einem Restaurant, das sich rühmt, einen „WLAN Hotspot“ zu besitzen, wäre auch ein – technisch keineswegs anspruchsvollerer – EC-Kartenleser durchaus zu erwarten. Nur Bargeld! Angesichts der Preise ist das akzeptabel. Aber das Licht könnten sie trotzdem ein wenig heller drehen.

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