Zonenrandgebiet : Der Osten im Westen

Das Grenzland der „alten“ Bundesrepublik spiegelte die Befindlichkeiten des Landes - vom Antikommunismus bis hin zum Anti-Atom-Protest - wider.

Astrid M. Eckert
Show me the way to the Zone: Signs point to the inter-German border in Duderstadt in 1972. Photo: ullstein bild - Mehner
Show me the way to the Zone: Signs point to the inter-German border in Duderstadt in 1972. Photo: ullstein bild - MehnerFoto: ullstein bild - Mehner

Am 3. Oktober 1990 hörte die DDR auf zu existieren. Die D-Mark war bereits im Umlauf, Hammer und Zirkel waren aus den Flaggen geschnitten, Karten und Atlanten wurden entsprechend angepasst. Man musste schon ein Komapatient sein, wie Alex Kerners Mutter in Goodbye Lenin, um den Wind des Wandels nicht zu spüren. In Aachen oder Emden war dieser Wind jedoch bloß eine leichte Brise, die kaum ein Blatt in Bewegung brachte. Auch wenn sie hellwach waren und die Tagespolitik im Fernsehen verfolgten, bemerkten viele Westdeutsche nicht, dass auch ihr Land sich für immer verändern würde. Heute nennen Historiker dieses Land die „alte“ Bundesrepublik.

Eines der herausragenden Merkmale der alten Bundesrepublik war das sogenannte Zonenrandgebiet, das jene Regionen umfasste, die damals an der Grenze zu Ostdeutschland lagen, und inzwischen ein Relikt einer vergangenen Ära ist. Als die DDR-Behörden 1952 begannen, die Demarkationslinie zwischen Ost und West zu sichern, beschleunigten sie das Entstehen eines Grenzlands, das es bis dahin nicht gegeben hatte. Ein Jahr später definierte ein Ausschuss in Bonn, was ab jenem Zeitpunkt offiziell als Grenzland gelten würde: ein 40 Kilometer breiter Streifen, der etwa 20 Prozent Westdeutschlands ausmachte und in dem etwa 12 Prozent der Bevölkerung lebten. Das Bundesland Schleswig-Holstein fiel fast vollständig unter diese Definition. Diese Grenzregionen wurden zum neuralgischsten Gebiet Westdeutschlands während des Kalten Krieges.

The East of the West

Der Schaden, der diesen Regionen dadurch entstand, war spürbar. Gemeinden verloren ihr Umland, Handelswege wurden gekappt, Straßen und Brücken führten ins Nirgendwo, Bauern waren von ihren Feldern abgeschnitten. Lokalpolitiker beschworen die Gefahr, das Grenzland könnte sich in eine menschenleere „Steppe“ verwandeln, und benutzten dabei einen negativ besetzten Begriff, den die Westdeutschen der Nachkriegszeit wahrscheinlich mit Sowjetrussland in Verbindung setzen würden. Und tatsächlich wurden einige Teile des Grenzlandes bald darauf scherzhaft „Sibirien“ genannt. Doch schon während der frühen 50er Jahre machte es sich für Lokal- und Landespolitiker bezahlt, Bonn gegenüber die Situation düsterer darzustellen, als sie war. Die Grenzlandlage wurde schon bald zu einer Einnahmequelle während der Zeit des Wiederaufbaus in Westdeutschland.

Im Rahmen des Bundesprogramms „Zonenrandförderung“ flossen mehrere Millionen Mark in diese strukturschwachen Gebiete, um der absterbenden Infrastruktur sowie der Abwanderung entgegenzuwirken. Das Programm war Teil der Bemühungen Westdeutschlands im Kalten Krieg, die Überlegenheit seines wirtschaftlichen und politischen Systems deutlich sichtbar herauszustreichen. Ein für Grenzlandfragen zuständiger Beamter in Hessen war der Auffassung, diese Gebiete hätten eine „gesamtdeutsche“ Aufgabe: „Den Bewohnern Mitteldeutschlands muss hier der Blick in ein gut ausgestelltes Schaufenster gewährt werden, das die Errungenschaften wirtschaftlichen Wohlstandes der Bundesrepublik zeigt. Es muss vermieden werden, dass das Zonenrandgebiet das Bild der Armut zeigt.“ Es sollte Westdeutschlands Vorgarten sein, nicht sein Hinterhof.

Doch politische Ziele kamen hier in Konflikt mit ökonomischer Ratio. Denn großen Teilen des Grenzlands war gar nicht mehr zu helfen, da sie auch vor der Errichtung des Eisernen Vorhangs bereits wirtschaftlich schwach waren. Vizekanzler Erich Mende zuckte 1965 nicht einmal mit der Wimper, als er den Osten vom Westen mit einem "unterentwickelten" Dritte-Welt-Land gleichsetzte. Der anhaltende Zufluss von Bundesmitteln trug viel dazu bei, dass das Grenzland den Ruf eines auf künstliche Ernährung angewiesenen Notfallpatienten bekam.

Das Grenzland unterschied sich durch einen weiteren Aspekt vom Rest der Republik: dort konnte es gefährlich sein. Die (un)sichtbare Präsenz der ostdeutschen Grenzwächter sowie die häufigen „Vorfälle“ – von Fluchtversuchen und explodierenden Landminen bis hin zur Festnahme unvorsichtiger Westler, die aus Versehen die Demarkationslinie überschritten – schufen ein Klima der Unsicherheit und Angst. Dieses Gefühl beim Anblick der stark befestigten Grenze wurde von Besuchern stärker als von Anwohnern empfunden. Außerdem hätte eine Eskalation des Kalten Kriegs mit konventionellen Mitteln das Grenzland am stärksten betroffen. 1964 drangen Informationen über unausgegorene Pläne, sogenannte Atomminen (ABM) einzusetzen, an die Öffentlichkeit: ein Gürtel taktischer Atomwaffen entlang der Grenze, der grenznahe Städte wie Lübeck, Braunschweig und Coburg dem Erdboden gleich machen würde. Verstärkt durch kursierende Gerüchte trugen diese Pläne zur Wahrnehmung des Grenzlandes als militarisierte Zone bei.

Die Aura der Gefahr und das Drama des Eisernen Vorhangs, der die Landschaft durchschnitt, machte das Grenzland bald zur Touristenattraktion. Westdeutsche wie ausländische Besucher strömten an die Grenze, um mit eigenen Augen zu sehen, wo Ost und West aufeinandertrafen. Die schreckliche Faszination, die die Frontlinie des Kalten Krieges ausübte, war dort am größten, wo die Grenzziehung besonders rücksichtslos und absurd wirkte. Geteilte Dörfer und Häuser sowie Orte spektakulärer Fluchtversuche, ob erfolgreich oder nicht, zogen viele Besucher an. Seinen Gipfel erlebte der Grenztourismus nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961, doch als wirtschaftlicher Faktor wurde er bereits davor und auch noch bis zum Fall der Mauer 1989 genutzt. Als Denkmaltourismus lebt er auch heute noch fort.

Im Schatten der ikonographischeren Berliner Mauer wurde die Geschichte des 1393 Kilometer langen Stücks Grenze von Lübeck im Norden bis Hof im Süden lange vernachlässigt. Wie an keinem anderen Ereignis oder Bauwerk bündelten sich an der Berliner Mauer die Ängste des Kalten Krieges und machten sie weltweit zu einem leuchtenden Symbol. Die Art, wie die Mauer eine pulsierende Metropole spaltete und ihren Einwohnern eine neue geographische Orientierung aufnötigte, schuf die Art menschlichen Dramas, welche die Öffentlichkeit weltweit in Atem hielt. Für Historiker ist es deutlich leichter, ein spannendes Buch über die Berliner Mauer zu schreiben als eines über die innerdeutsche Grenze bei Eschwege und Gummern.

Doch die Lage im Grenzland verlieh sogar Dörfern wie Gummern im Landkreis Lüchow-Dannenberg ein größeres Maß an Bedeutung. Dort fand 1983 ein Anti-Atom-„Sommercamp“ statt. Westdeutsche Gegner des geplanten Atommüll-Endlagers in Gorleben übertraten die Demarkationslinie und hielten dort mehrere Tage die Stellung. Die Wahl des Ortes – außerhalb des Zugriffs der westdeutschen Polizei und auf DDR-Territorium – sicherte ihnen ein Höchstmaß an Medienaufmerksamkeit. Sie forderten sowohl von den westdeutschen als auch von den ostdeutschen Behörden eine Antwort auf die Frage, wohin die Einwohner Dannenbergs, angesichts des Grenzzauns, im Falle einer atomaren Katastrophe fliehen sollten.

Während des gesamten Bestehens des Eisernen Vorhangs förderten die Entwicklungen im Grenzland antikommunistische Befindlichkeiten sowie die Integration in den Westen; in späteren Jahrzehnten jedoch auch das Aufkommen der Atomprotestbewegung und alternativer Lebensentwürfe. Letztere Ansichten und Einstellungen hatten oft regionale und sogar lokale Wurzeln, beeinflussten aber auch ähnliche Entwicklungen in anderen Teilen der Republik, mit denen sie bald verschmolzen. So waren die oft ländlichen Gebiete entlang der innerdeutschen Grenze auf westdeutscher Seite nicht nur Spiegel, sondern zuweilen auch Wiege dessen, was die alte Bundesrepublik schließlich ausmachte.

Astrid M. Eckert lehrt europäische Zeitgeschichte an der Emory University in Atlanta.

Aus dem Englischen von Stephan Rothschuh.

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