Zeitung Heute : Zu 99 Prozent gute Laune

Der Tagesspiegel

Von Wolfgang Hassenstein

Reinhard Schulze ist einer dieser glücklichen Menschen, die genau die richtige Wahl getroffen haben. „Schon immer hat mich der Umgang mit Menschen und der Umgang mit Technik begeistert – hier habe ich beides“, sagt der Schiffsführer der MS „Mark Brandenburg“ von der Stern und Kreis Schiffahrt. Schulze liebt seinen Beruf, er liebt sein Schiff („für mich das Schönste der Flotte“), und er liebt die Strecke, die er damit in den nächsten Monaten täglich fahren wird („die Spreefahrt um die Müggelberge ist die Schönste im Programm“). Die Frage, ob er sich auf die morgige erste Fahrt der Saison freue, beantwortet der 53-Jährige mit einem so überzeugenden „Jaaa!“, dass keine Zweifel bleiben: Schulze ist „Käpt’n“ mit Leib und Seele.

Doch noch laufen an Bord der Mark Brandenburg nicht die Maschinen, sondern nur die Vorbereitungen auf Hochtouren. Stühle und Tische in den vier Salons, die 386 Menschen Platz bieten, stehen gestapelt in den Ecken; überall wird geschrubbt, gewischt und gewienert. Dass der Schiffsführer dabei selbst Hand anlegt – in Blaumann und Fischerpulli – ist für Schulze eine Selbstverständlichkeit. Fast wehmütig denkt er an die Zeiten zurück, als die Besatzung noch alles, was anfiel, selber machte – vom Fußbodenlegen bis zur Wartung der Maschinen. „Leider ist die Technik heute so kompliziert, dass wir kaum etwas alleine reparieren können – meist braucht man Spezialwerkzeug.“

Trotzdem ist Schulze stolz auf die Maschinen, mit denen die „Mark Brandenburg“, das einstige Flaggschiff der Weißen Flotte von Ost-Berlin, kürzlich bestückt wurde. Hinter dicken Stahltüren, die die Fahrgäste vom Motorenlärm abschirmen, sind zwei schmucke Hauptmaschinen mit je 360 PS installiert, außerdem zwei Generatoren für die Stromversorgung und das elektrische Bugstrahlruder. „Der gesamte Maschinenbereich ist elastisch auf Federn montiert, weil sich die starken Vibrationen der alten Maschinen nicht aufs Schiff übertragen sollten“, erklärt Schulze, der auf dem Wasser groß geworden ist.

Als Kind war er mit dem Frachtschiff seines Vaters wochenlang in der ganzen DDR unterwegs, manchmal ging es auch bis nach Stettin, Hamburg oder Duisburg. Dann nahm Schulzes Vater einen Job bei der Weißen Flotte Berlin an, um mit der Familie an einem Ort bleiben zu können. Nach der Schule lernte Schulze erstmal bodenständige „Landberufe“, arbeitete als Berufskraftfahrer und machte seinen Meister als Kfz-Elektriker.

„Aber dann ist mir die Decke auf den Kopf gefallen, ich wollte mich bewegen und an die frische Luft“, erzählt er. „In Magdeburg habe ich Schifffahrt gelernt, heute würde man sagen: auf dem zweiten Bildungsweg.“ Nach sechs Jahren Praxis erhielt er das Schiffsführer-Patent, dann trat er endgültig in die Fußstapfen des Vaters: „1979 kam ich wieder zur Weißen Flotte. 15 Jahre habe ich als Springer gearbeitet – mal als Bootsmann, mal als Maschinist, mal als Schiffsführer.“

Nach der Wende fusionierte die Weiße Flotte mit der West-Berliner „Stern und Kreis Schiffahrt“ – der Name wurde vom Westen übernommen, der Sitz blieb im Osten. Vom Treptower Anleger war es nur ein Katzensprung zur Grenze – bei der Elsenbrücke war Schluss. „Dort wurde die Absperrungsschleuse gebaut, nachdem ein Schiff der Weißen Flotte, die ’Friedrich Wolf’, durchgefahren war. Die haben einfach den Käpt’n besoffen gemacht, sind rüber in den Landwehrkanal und da an Land gegangen.“

Dann kam die Wende. „Ich werde nie vergessen, wie wir ’89 zwei, drei Tage nach dem 9. November das erste Mal mit einem alten Dampfschiff nach West-Berlin gefahren sind.“ Seitdem müssen die Schiffe der Flotte auch nicht mehr den 300 Kilometer langen Umweg über den Oder-Spree-Kanal, Oder und Oder-Havel-Kanal nach Oranienburg fahren, wenn sie im Winter zur Inspektion in die Werft nach Genthin mussten. Inzwischen wird die Flotte in Spandau überholt.

„Allein im Stadtgebiet gibt es 200 Kilometer Wasserstraßen“, schwärmt Schulze, „den meisten Menschen ist gar nicht klar, was ihnen entgeht, wenn sie immer nur die Innenstadttouren fahren.“ Die sechsstündige Fahrt rund um die Müggelberge führt fast nur durchs Grüne, „Hochhäuser sieht man nicht.“

Und morgen geht es also wieder los. Es sieht so aus, als wenn das Wetter diesmal nicht das ganze Ostergeschäft vermiest. Ab morgen steht Schulze wieder hinterm Steuerrad, und bei niedrigen Brücken fährt er das Führerhaus hydraulisch so weit runter, dass er sich mitten zwischen den Fahrgästen auf dem Oberdeck befindet – was er genießt: „Das Schöne ist ja, dass Leute, die eine Dampferfahrt machen, zu 99 Prozent gut gelaunt sind.“

Stern und Kreis Schiffahrt, Telefon: 536360-0, www.sternundkreis.de

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