Zeitung Heute : Zu alt? Zu spezialisiert? Zu praxisfern?

Anja Kühne

"Noch nie standen die Chancen für habilitierte Geisteswissenschaftler auf eine Professur so schlecht wie jetzt", sagt Anke Hesse. Die 41-jährige Historikerin hat sich im vergangenen Jahr habilitiert und hält sich seitdem mit ihrer Arbeitslosenunterstützung über Wasser. Einen Lehrstuhl zu ergattern ist wie ein Gewinn im Lotto. In manchen Fächern konkurrieren mehr als 200 Bewerber um nur eine Stelle. Die vielen Wissenschaftler, die leer ausgehen, stehen meist vor dem Nichts: Bei ihrer Erstbewerbung auf einen Lehrstuhl sind sie im Bundesdurchschnitt schon 41 Jahre alt. Zu alt, um noch auf einen Arbeitsplatz in der Wirtschaft umzuschwenken. Denn dort gelten solche hochspezialisierten Akademiker meist als praxisfern und wenig motiviert.

Das Risiko, auf eine wissenschaftliche Laufbahn zu setzen, ist in manchen Fächern also enorm. Schließlich gibt es unterhalb der Lebzeitprofessur an den Hochschulen kaum dauerhafte Arbeitsplätze für Wissenschaftler. Werden die Aussichten für Studenten oder Doktoranden, die ihr Leben der Wissenschaft weihen wollen, auch in Zukunft so dunkel bleiben?

"Es ist schwer, eine Prognose zu machen", sagt Steffen Welzel, Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW). Seit jeher seien die Perspektiven von "Schweinezyklen" abhängig gewesen. Zugleich herrsche zur Zeit an den Hochschulen eine unübersichtliche "Stühlerück-Politik": Mancherorts würden die Kapazitäten von einem Hochschulstandort an einen anderen verlagert. Oder auch von einem Fach auf ein anderes: "An den Unis genießen die Naturwissenschaften und die Informatik zur Zeit besondere Priorität. Das verschärft die Situation für die Kulturwissenschaftler noch", meint Anke Hesse.

Überhaupt ist ungewiss, wie viele Nachwuchsforscher von der großen Pensionierungswelle profitieren, die jetzt auf ihrem Höhepunkt ist. Steffen Welzel erklärt: "Man weiß nicht, welche Stellen wieder neu besetzt werden." Besonders undurchsichtig ist die Lage, weil die Hochschulen gerade vor der größten Reform seit dreißig Jahren stehen. Einer der Kernpunkte des Erneuerungsprogramms: In Zukunft können die Unis entscheiden, ob sie sich nur eine einzige Koryphäe leisten wollen, dafür aber auf zwei andere Professuren verzichten müssen.

Gerade wegen der Reform schätzen viele Nachwuchswissenschaftler, die demnächst promoviert werden oder in der Habilitationsphase stecken, ihre Chancen auf eine Uni-Karriere als besonders schlecht ein. Denn in Zukunft soll sich der Nachwuchs nicht wie bisher vor allem mit der zeitaufwendigen Habilitation für eine Lebzeitprofessur vorbereiten, sondern auf dreijährigen Qualifikationsstellen, den Juniorprofessuren. Aber für solche Stellen, von denen die ersten gerade erst ausgeschrieben werden, sind viele Promovenden mit 34 oder 35 Jahren schon um fünf Jahre zu alt. Anke Hesse sieht in den Juniorprofessuren daher gar einen "Dolchstoß in den Rücken derjenigen, die nach jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit als zu alt erklärt werden".

Ob die neuen Juniorprofessoren den Habilitierten aber wirklich vorgezogen werden, ist ungewiss. Widerstand kommt etwa von den Fakultätentagen und der Hochschulrektorenkonferenz, die sich mehrere gleichberechtigte Qualifizierungswege auf einen Lehrstuhl wünschen. So sehen es auch CDU und CSU. Gegen ihre Stimmen verabschiedete der Bildungsausschuss des Bundestags unlängst einen Beschluss, dem zu Folge die Habilitation in Zukunft keine Rolle mehr spielen soll. Die Christdemokraten drohen nun damit, das Gesetz im Bundesrat abzulehnen. Wenn es deshalb doch noch zu einem Kompromiss kommt und die Habilitation schließlich erhalten bleibt, müssten die Juniorprofessoren später auch mit vielen Habilitierten (siehe Grafik) und Berufspraktikern um eine Professur konkurrieren. Die Zukunft ist also auch für sie nicht generell als rosig einzustufen.

Zwar hat das Bundesbildungsministerium für die nächsten Jahre einen Bedarf von 6000 Juniorprofessorenstellen errechnet. Dann würden sich durchschnittlich immer nur drei Juniorprofessoren um eine Lebzeitprofessur bewerben, wenn jährlich etwa vier Prozent aller Universitäts-Professuren, also 800, nachzubesetzen sind. Ob wirklich so viele Neubesetzungen nötig sind, weiß aber selbst das Ministerium nicht: Der Bedarf schwanke stark. Die Hochschulrektorenkonferenz meint aber, dass weit weniger Juniorprofessuren gebraucht werden als das Ministerium errechnet hat. In der Übergangsphase scheinen Uni-Karrieren daher so unsicher wie nie zuvor.

Dabei hängt auch manches von der wirtschaftlichen Konjunktur und den jeweiligen Fächern ab. Für qualifizierte Informatiker oder Ingenieure rollen viele Hochschulen zur Zeit den roten Teppich aus. Rektoren von Fachhochschulen und Präsidenten technischer Universitäten meinen sogar, sie könnten mit ihren Mitteln in Zukunft nur die zweitbesten Professoren bekommen. Bislang bekam ein Professor der höchsten Besoldungsstufe C4 am Anfang seiner Laufbahn (ohne Familienzuschläge) etwa 130 000 Mark im Jahr. Damit liegt er nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln leicht unterhalb des Mindestjahresgehalts eines promovierten Ingenieurs etwa gleichen Alters (Anfang 40). Das maximale Jahresgehalt eines C4-Professors lag bislang bei etwa 235 000 Mark - dem Institut zufolge etwa so hoch wie die durchschnittlichen Jahresbezüge einer Führungskraft unterhalb der Geschäftsführung in einem mittelgroßen Unternehmen.

Mit den neuen Besoldungsgruppen wird das Grundgehalt der höchsten Besoldungsstufe monatlich nur noch 8500 Mark betragen, die durch besondere Leistung in Forschung und Lehre überschritten werden können. Aus Sicht der Kritiker ist das zu wenig, um etwa gute Ingenieure für die Lehre zu gewinnen. Allerdings war die Nachfrage nach Informatikern und Ingenieuren in der Vergangenheit sehr konjunkturabhängig. Der Mangel, der jetzt herrscht, ist mit verschuldet durch die fehlende Nachfrage der Wirtschaft in den Jahren davor. Noch vor sechs Jahren warnten die Manager junge Leute davor, ein Studium der Ingenieurwissenschaften aufzunehmen; Informatikstudiengänge wurden geschlossen. Und trotz des jetzigen Mangels registrierte eine im Auftrag des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) erstellte Studie noch unlängst 65 000 arbeitslose Ingenieure. Die Autoren der VDI-Studie sind äußerst vorsichtig mit Prognosen - schon, weil die Studienanfänger in der Vergangenheit auf Vorhersagen immer "überreagiert" hätten. Als schlecht werden in der Studie die Autoren die Aussichten für Bauingenieure eingeschätzt, "gedämpfter Optimismus" herrscht für Maschinenbauer.

Eher gut stehen zur Zeit habilitierte Mediziner da. Wer keine Professur bekommt, sieht sich nicht wie viele Geisteswissenschaftler nach der Habilitation existentiellen Nöten gegenüber, sondern hat gute Chancen, Ober- oder Chefarzt in einer Klinik zu werden - sei es manchmal auch nur in der Provinz. Der Aufschwung in der Bio- und Gentechnologie trägt weiter dazu bei, dass es für Mediziner nicht so riskant ist, eine wissenschaftliche Karriere anzuvisieren.

Fächerübergreifend betrachtet scheint aber eine Gruppe immer noch besonders schlechte Chancen auf eine Professur zu haben: Nur etwa zehn Prozent aller Professuren sind mit Frauen besetzt. Die Zahl der Neuberufungen von Frauen stagniert und ging zuletzt sogar mancherorts zurück.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!