Zeitung Heute : Zu bequem zum Gründen?

Barbara Bierach

Der Dönermann ist griechisch, der Obsthändler türkisch, die Pizzeria an der Ecke schmeißen Leute aus Italien, der Asia-Laden gegenüber wird von Thais betrieben und der Weinhändler spricht mit diesem niedlichen französischen Akzent. Den Hausmeisterservice fürs Büro hat ein Ingenieur aus Kroatien gegründet, der PC-Support gehört Albanern. Existenzgründer und Kleinunternehmer, wohin das Auge fällt. Mit Mut, Einfallsreichtum und harter Arbeit lässt sich offenbar immer noch was Reißen in diesem Land. Doch warum sind so viele der Kleinbetriebe in ausländischer Hand? Sind die Zuwanderer risikofreudiger als die Einheimischen, haben sie den besseren Geschäftssinn? Es sieht so aus, denn auch im internationalen Vergleich liegt Deutschland in punkto Existenzgründung nur auf einem der hinteren Plätze.

Der „Jammerdeutsche“ sei halt ein „Zögerling“, kommentiert Wolfgang Kaiser, Franchise-Chef der Restaurantkette Kochlöffel. Die Deutschen seien wie gelähmt von Sicherheitsdrang, Bedenken, Bequemlichkeit und überzogenen Ansprüchen. Da mag was dran sein, der Begriff Risiko wird in unserem Land eher mit Scheitern als mit Chance identifiziert. Beim Gründen gibt es halt keine 38,5-Stunden-Woche, keine regelmäßigen Gehaltsschecks zum Monatsanfang, keine 30 Tage Urlaub im Jahr und keine 50-Prozent-Zulage vom Arbeitgeber für die Krankenversicherung. Auf diese Annehmlichkeiten zu verzichten, fällt Fremden offenbar leichter – was man nie hatte, kann man auch nicht vermissen. Gleichzeitig drängt sich der Eindruck auf, dass die abnehmende Gemütlichkeit des Deutschen Sozialstaates gewissermaßen motivierend wirkt: In Baden-Württemberg mit hoher Beschäftigungsquote gründen von 10 000 Bürgern rund 65 ihr eigenes Geschäft, in Brandenburg mit hoher Arbeitslosigkeit nehmen 91 von 10 000 Einwohnern ihre Geschicke in die eigene Hand.

Die ziemlich gründungsfreudigen Amerikaner greifen auf dem Weg in die Selbständigkeit zu 46 Prozent bei einem Franchise-Projekt zu, in Deutschland sind es hingegen nur zwei Prozent. Das verblüfft, denn laut Verlag für die Deutsche Wirtschaft sind Gründungen mit einem erprobten Partner ganze sechs Mal erfolgreicher als Start-ups auf eigene Faust.

Die Betriebsergebnisse sind besser und die Kosten – zum Beispiel beim Einkauf – niedriger, weil solche Konzepte die Vorteile eines Großunternehmens mit der Handlichkeit des Kleinbetriebs verbinden. Das sollte eigentlich dem Sicherheitstrieb des Deutschen entgegen kommen. Tut es aber nicht, oder zumindest nicht so, wie es könnte und die Argumente sind immer die gleichen: Die Konzepte seien zu doof, die Banken zu zurückhaltend bei den Krediten, die Handwerksordnung zu rigide, der Einzelhandel ohnehin Problem belastet – eine tibetanische Gebetsmühle ist abwechslungsreicher. Und am Ende ist der Dönermann griechisch, der Obsthändler türkisch, der Weinlieferant französisch, das Café italienisch... nur der Berufsjammerer, der ist ganz sicher deutsch.

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