Zeitung Heute : Zu Fuß über die Gletscher Spitzbergens

Forscher reisen in die Arktis, um dort die Folgen der Erderwärmung zu untersuchen

Andrea Puppe

Ein komisches Bild muss das gewesen sein. Ein junger Mann, der mit einem 25-Kilogramm-Rucksack und schweren Wanderschuhen im Juli bei 30 Grad Hitze durch den Großen Tiergarten stapft. Aber wie sonst sollte Roman Finkelnburg die Stiefel einlaufen, die er wenig später unter den extremen Bedingungen in der Arktis brauchte?

Seit Ende August ist der Klimatologe wieder in Berlin. Gemeinsam mit seinem Berliner Kollegen Fred Meier, Marco Möller aus Aachen und Matthias Braun aus Bonn war er zu Fuß auf der 2500 Quadratkilometer großen Eiskappe des Vestfonna unterwegs. Der Gletscher befindet sich auf der Insel Nordaustlandet, die zum Archipel von Spitzbergen gehört.

Auf dem Vestfonna haben die Wissenschaftler untersucht, wie sich der Klimawandel auf die Eismassen im europäischen Teil der Arktis auswirkt. Bereits im Mai hatten deutsche Forscher in diesem Gebiet sechs Messstationen errichtet. Nun galt es, die Daten abzuholen und die Stationen winterfest zu machen. Das war kein Spaziergang. Das vierköpfige Team wurde von einem Helikopter abgesetzt. Aufgrund schlechten Wetters konnten sie nicht bis zum Ziel fliegen. Nach der Landung saßen die Forscher drei Tage fest, bei neun Grad unter null und frostigem Wind. Die Männer beschlossen, die sechs Messstationen zu Fuß anzusteuern, mit je 40 Kilogramm Gepäck.

Obwohl es in den vergangenen beiden Jahren extrem wenig Eis in der Arktis gab, war das deutsche Team im Norden und Osten Spitzbergens mit ungewöhnlich viel Meereis konfrontiert. „Das zeigt, dass eine pauschale Interpretation zu den Klimaveränderungen in der Arktis nicht möglich ist“, sagt Dieter Scherer von der TU Berlin, der das Projekt leitet. Anhand der Daten wollen die Forscher wissen, ob ihre Beobachtungen eine natürliche Entwicklung widerspiegeln oder Folge des Abschmelzens der Gletscher sind. „Unser Team hat im August wider Erwarten kein blankes Eis in den tiefer gelegenen Gletschergebieten gefunden“, berichtet Scherer.

Woran das liegt, ist noch unklar; die Daten werden zurzeit ausgewertet. Die Berliner Gruppe konzentriert sich auf die Werte aus der Atmosphäre, die über das Wetter und das Klima Auskunft geben. Die Forscher von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen analysieren Eis und Schnee. Dieses Team wird von Christoph Schneider geleitet, der eng mit Dieter Scherer an der TU Berlin kooperiert. Matthias Braun und seine Kollegen vom Zentrum für Fernerkundung der Landoberfläche an der Universität Bonn kümmern sich um alle Daten, die von Satelliten und anderen Systemen zur Fernerkundung kommen. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert. Andrea Puppe

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