Zu Hause : Aufgepasst!

Die wichtigen Fragen vor dem Ferienbeginn: Wer gibt Waldi Futter, wenn wir weg sind? Und wer kümmert sich um Rosen und Rasen? Ein Agentur vermittelt seriöse Haushüter

Thomas Krause

Alle paar Monate zieht Kathrin Loewel in ein neues Haus. Sie bleibt nicht lange. Zehn Tage, zwei Wochen vielleicht. Sie sucht sich ihr Zimmer, bezieht sich das Bett, räumt die Kleider in den Schrank. Während ihre Auftraggeber nach Mallorca, an die Côte d’Azur oder nach Afrika reisen, fährt sie nach Meißen, Großziethen oder in die Lüneburger Heide: Kathrin Loewel arbeitet als Haushüterin. In der deutschen Provinz betreut die 69-Jährige Häuser und Tiere.

Heute ist sie ausnahmsweise mal zu Hause, in der eigenen Wohnung in Berlin-Karlshorst. Penibel hat sie aufgeräumt, kein Buch steht schief. Sie sitzt auf dem Sofa, das eine Tigerfelldecke schmückt, die Kissen sind mit Zebras und Giraffen bestickt. „Ich bin ein Afrika-Fan.“ Dort gewesen ist sie noch nie.

20 Jahre lang hat die Berlinerin als Chemielaborantin gearbeitet, sich um die Kinder gekümmert, nach der Scheidung ein Studium begonnen, das sie mit 47 Jahren als Ingenieurökonomin abgeschlossen hat. Nach der Wende arbeitete sie für eine Wohnungsbaugenossenschaft in Lichtenberg. Bis zur Rente. Aber zu Hause rumzusitzen, das war ihr zu langweilig. Beim Friseur, beim Zeitschriftenblättern, war sie auf den Artikel gestoßen, der ihr Leben verändern sollte: „Haus und Hund in guten Händen.“

Die Idee stammt aus den USA, in Deutschland gibt es etwa seit 1985 professionelle Haushüter. Im „Verband Deutscher Haushüter-Agenturen“ (VDHA) sind inzwischen nach eigenen Angaben 14 Agenturen mit insgesamt bis zu 1500 Mitarbeitern organisiert. Es sind vor allem Rentner, die auf Haus oder Wohnung aufpassen, während die Bewohner im Urlaub sind – weil kein Mensch von 13 Euro am Tag (plus An- und Abreise) wirklich leben kann.

Vor ihrem ersten Einsatz vor sechs Jahren war Kathrin Loewel noch ziemlich aufgeregt, auch wenn sie mit den Kunden vorher schon telefoniert hatte. Die Nervosität legte sich schnell, sie waren einander auf Anhieb sympathisch, Loewel wurde für den nächsten Urlaub gleich wieder engagiert. Wenn die Chemie nicht stimmt, auch das ist schon passiert, bittet sie die Agentur, sie dort nicht wieder hinzuschicken. Zum Beispiel bei denen, die in jede Ecke Zettel geklebt hatten, auf denen stand, was sie zu tun und zu lassen hätte. Und jeden Tag ein Anruf, wie das Wetter sei.

Bei 13 Euro am Tag fällt Geld als Motivation aus. Kathrin Loewel sagt, es gefalle ihr, andere Gegenden kennenzulernen, von der Lüneburger Heide aus mal nach Celle zu fahren. Allzu viel Zeit für Ausflüge bleibt ihr allerdings nicht. Während ihres Aufenthalts darf sie das Haus höchstens drei Stunden am Tag verlassen. Schließlich wollen die Kunden ihr Zuhause bewohnt wissen. Und sie geben genaue Anweisungen, was der Gast zu tun und zu lassen hat, welche Zimmer tabu sind. „Ich schnüffle nicht bei meinen Kunden herum. Aber die Anweisungen und die Einrichtung verraten auch so eine Menge über die Besitzer.“ Jeden Morgen um sieben steht sie auf, zwischen acht und neun muss sie in der Agentur anrufen, damit die wissen, dass alles in Ordnung ist. Dann verpflegt sie die Tiere. Dass es denen gut geht, ist den meisten Hausbesitzern am wichtigsten. Einmal hatte sie ein Kaninchen, zwei Vögel und drei Meerschweinchen auf einmal zu versorgen. Ihr gefällt’s. An ihren eigenen Wänden hängen selbst gemalte Tierbilder, ein Kätzchen schleicht um die Anrichte mit dem Aquarium herum, Haustiere hat sie immer gehabt.

Wenn die Kunden einverstanden sind, bringt sie den Garten auf Vordermann. Wenn nicht, ordnet sie halt ihre eigene Briefmarkensammlung neu. Ihr Sinn für Ordnung ist auch Klaus Adam gleich aufgefallen. Der 65-Jährige leitet die Haushüter-Agentur, bei der Loewel sich 2003 beworben hatte. Er besucht die Bewerber zu Hause. „Es ist wichtig zu sehen, wie jemand wohnt“, sagt Adam. „Schließlich muss ich sicher sein, dass man demjenigen auch ein fremdes Zuhause anvertrauen kann.“ Dabei verlässt er sich nicht nur auf seine Intuition: Die Bewerber müssen ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und in einem ausführlichen Fragebogen Auskunft über sich geben.

Dass der Verdienst so gering ist, liege nicht allein daran, dass ein Haushüter nur etwa zwei Stunden am Tag arbeitet. „Haushüter sind über die Agentur umfassend versichert, und diese trägt die Reisekosten“, sagt Adam. Rentner nimmt er am liebsten auch deswegen, weil sie lebenserfahrener und verantwortungsbewusster seien. Nur durch den geringen Verdienst blieben die Dienste eines Haushüters überhaupt für Kunden bezahlbar, so Adam. Allerdings ist die Summe, die sie an die Agentur zahlen, deutlich höher: 50 Euro am Tag. Ein gutes Geschäft.

Vielleicht auch deswegen hat sich die Idee nach fast 25 Jahren noch nicht im ganzen Bundesgebiet durchgesetzt. Die meisten Kunden kommen aus dem Rhein-Main-Gebiet, aus Nordrhein-Westfalen, München oder Hamburg. Berlin und Brandenburg sind dagegen Brachland für die Haushüter: „Aus irgendeinem Grund gibt es hier kaum Kunden“, sagt Adam. „Nur Leute, die Haushüter werden wollen.“

In Hamburg sieht das schon anders aus. Tief zieht sich das Dach über dem hellgelben Haus hinunter, davor wiegen sich Buchen im Wind. Zwischen den Schallers* und ihrem Haussitter hat es gepasst. „Zu uns kam bei jedem Urlaub derselbe“, sagt Martina Schaller, eine sportliche 66-Jährige. „Wir wollten, dass ein permanenter Bewohner Einbrecher von unserem Haus fernhält. Und unser Hund sollte gut versorgt sein.“ Also schaute Martina Schaller sich auf einer Runde mit der Schäferhund-Collie-Mischlingshündin Mona an, wie Haustier und Haushüter miteinander auskamen. Nach einer halben Stunde stand für sie fest, dass ihr erstes Bauchgefühl sie nicht getäuscht hatte. Der pensionierte Berliner Polizist durfte bleiben.

Dem Paar kam es nicht komisch vor, dass während des Urlaubs jemand in ihrem Haus wohnt. „Wir haben jahrelang eine Putzfrau gehabt. Die war auch allein hier, während wir gearbeitet haben. Und die Sachen, die einem wichtig sind, kann man ja auch wegschließen.“

Zwölf Jahre lang kam bei jedem Urlaub derselbe Haushüter in Schallers Haus und kümmerte sich um Mona. In all den Jahren ist nur einmal etwas schiefgegangen: Als beim Gießen ein paar Pflanzen umkippten, waren einige von ihnen nicht mehr zu retten. Das Vertrauen hat das Malheur nicht erschüttert. Als Mona im Sterben lag, kümmerte er sich um die Hündin, während Martina Schaller bei der Arbeit war.

Auch Kathrin Loewel ist mal ein Missgeschick passiert, als sie eine herzkranke Katze betreute. Deren Futter mit den Medikamenten hatte die Haushüterin extra abgedeckt, weil der Kater der Nachbarn sich da gern bediente. Doch irgendwie sei der Nachbarskater doch an den Futternapf gekommen. „Als ich das bemerkt habe, war der schon leer“, sagt Kathrin Loewel. Der fremde Kater dürfte danach einen etwas niedrigen Blutdruck gehabt haben. „Er hat es aber überlebt“, sagt Loewel und lacht.

Die Stille in den fremden Häusern, die ist ihr, die den Lärm eines Berliner Mietshauses gewöhnt ist, manchmal unheimlich. Erst recht, wenn sie dann plötzlich in der Nacht ein Kratzen auf dem Dach hört. Ein Marder, so stellte sich heraus, von dem die Hausbesitzer vergessen hatten, ihr zu erzählen.

Wenn sie im Einsatz ist, passt ihr Lebensgefährte auf die Wohnung auf. Das Geld für einen Haushüter spart sie sich.

*Name auf Wunsch geändert

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!