Zu Hause : Das absurde Eigenheim

Die lustigen Fantasien von Frank Kunert: Er bastelt sich die Welt zurecht –  und fotografiert sie dann so, als sei’s die Realität

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"Sonnenseite" hat der Fotograf dieses Bild genannt.Foto: Frank Kunert

Die Häuser kennt man doch! Der Putz, die Türen, das Satteldach, ziemlich deutsch das Ganze, ein bisschen schäbig, verbraucht – so sah es in unserer Kindheit aus. Oder fast. Hier nämlich führt die Tür in den Abgrund, der eine Balkon ist zugemauert, der andere hängt über den Gleisen. Doch das nimmt man erst auf den zweiten Blick wahr.

Frank Kunert baut Illusionen. Eine Welt, die es nicht gibt, die es aber, davon ist der Betrachter überzeugt, geben könnte. Manchmal meint einer sogar, ein Gebäude wiederzuerkennen. Andere glauben, der Fotograf sei extra nach Ostdeutschland gefahren. Das musste er gar nicht. Frank Kunert, Jahrgang 1963, findet in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main reichlich Vorlagen. Und dann ist da noch die Erinnerung an die Häuser seiner eigenen Kindheit, die ihn geprägt haben. Und die er jetzt weiterdenkt.

Schon als kleiner Junge hat er gern Häuser gebaut, aus Lego, mit Fischertechnik. Heute, als Erwachsener, schafft er ganze „Kleine Welten“. So heißt die Ausstellung mit seinen witzig-melancholischen Fotos, die gerade im Stadtmuseum Münster eröffnet wurde. Höchstens 60, 70 Zentimeter sind die Gebäude hoch, der Maßstab schwankt zwischen 1:10 und 1:80.

Aber so ein Häuschen zu bauen, das braucht seine Zeit. Vor allem wenn es nicht neu, sondern alt und gebraucht aussehen soll, vielleicht schon von der Natur eingeholt, von Moos überwuchert. Vier bis sechs Modelle, mehr schafft Kunert nicht im Jahr, so minutiös und liebevoll widmet er sich allen Details. Das Grundmaterial sind Leichtschaumplatten, die auch Architekten für ihre Modelle benutzen, darauf kommen mehrere Schichten Farbe, damit das Ganze echt aussieht. Als „erbsensuppenfarben“ hat ein Kritiker den Grundton bezeichnet, das trifft ihn, findet Kunert, ganz gut. Die Gebrauchsspuren und Alterserscheinungen sind wichtig, um die Absurdität zu erhöhen: So verwittert, wie das Haus aussieht, muss doch schon seit Jahren jemand den Teppich über das Balkongeländer (das aus feiner Wellpappe besteht) hängen.

Kunerts Schubladen sind voll mit Verpackungsmüll, Stoffresten, Baumwurzeln, die auf ihren Einsatz warten. Aus der Flasche Kloreiniger bastelt er das Klo. Und während all dieser Monate des Tüftelns redet er mit niemandem über das aktuelle Projekt. Nicht mal seine Freundin darf es sehen. Abends, nach der Arbeit, wird die Baustelle im Wohn-Atelier zugedeckt. Dem gelernten Fotografen gefällt seine Langsamkeit. „Durch die vermeintliche Umständlichkeit entwickeln sich Ideen.“

Seine Bilder lassen an Kafka denken, einige fühlten sich an Robert Gernhardt erinnert. Das findet Kunert, ein Fan von Loriot und Sempé, interessant: Er liest nämlich wenig. Er braucht einen leeren Kopf für eigene Geschichten. Inspirationen findet er eher auf Spaziergängen, beim Fernsehen. „Ideen entstehen oft beiläufig.“

Im Grunde ist der Fotograf Bühnenbildner: Er schafft den Raum für Fantasien. Das Theaterstück muss sich jeder selbst ausdenken, die menschenleeren Bilder in Kombination mit den Titeln verlocken dazu. Die Szenen versprechen ein Geheimnis, eine Geschichte: „Da könnte was passieren“. Nicht zufällig zieren sie einige Buchcover, zum Beispiel von Harald Martenstein. Welches alte Ehepaar hat sich sein herrschaftliches Esszimmer so eingerichtet, dass die Gatten nicht mehr einander ansehen müssen, sondern nur noch ihre Fernseher? Kommt gleich ein Zug vorbeigerast und reißt den Balkon mit sich, der knapp über den Gleisen hängt? Kunert möchte, dass die Leute die Bilder nicht nur als Gag betrachten, sondern „lesen“. Was viele offenbar tun: Inzwischen kann er, wenn gelegentlich noch ein Fotoauftrag, etwa vom „Spiegel“, dazukommt, von seinen Häusern leben, es gibt sie als Fotos, Buch und Postkarten, ein paar sogar als Frühstücksbrettchen.

Das Licht war es, das Kunert zur Fotografie gebracht hat. Das muss auch jetzt stimmen. Eine Woche braucht er, um seine fertigen Modelle mit der Großbildkamera abzulichten. Kunert setzt die Häuser so in Szene, dass das zweidimensionale Bild – nicht zuletzt dank der Schatten – räumlich wirkt, der Zuschauer in die kleinen Welten eintauchen kann. Als Jugendlicher hat er vor allem Landschaftsaufnahmen gemacht, am Ende hat ihn die Architektur doch mehr gereizt. Weil sie von Menschen erzählt, von ihren Sehnsüchten nach Sicherheit und Geborgenheit. „Der Traum vom Glück“, so heißt eins der Bilder.

„Kleine Welten“, Stadtmuseum Münster, bis 11. April. „Verkehrte Welt“ heißt das Buch dazu (Hatje Cantz, 14,80 Euro). Mehr unter www.frank-kunert.de.

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