ZU HAUSE : Das Kugellager

Nicht der Mensch schmiegt sich dem Möbel an, sondern umgekehrt: Vor 40 Jahren revolutionierte der Sitzsack das Wohnzimmer. Warum er heute der ideale Krisenbegleiter ist.

Esther Kogelboom
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Neue Sitzordnung. Manche Modelle können ihre Farbe wechseln.Foto: Fatboy

Es ist eine Szene, die Filmgeschichte schrieb: Die pummelige Muriel und ihr schlaksiger Kurzzeitbekannter hängen nebeneinander auf einem schwarz-weiß gefleckten Sitzsack. Über den Fernsehschirm wabert ein Softporno. Die Stimmung ist angespannt. Wird es zum Äußersten kommen? Wird Muriel ihre Jungfräulichkeit an eine männliche Politesse verlieren?

Da beginnen die beiden wie auf ein geheimes Kommando hin zu knutschen, der schlaksige Kurzzeitbekannte schwingt sich behände vor Muriels massigen Körper und reißt ihr mit kräftigen Bewegungen die Bluse vom Leib. Doch Muriels enge Lederhosen scheinen die beiderseits gewünschte Defloration vorerst zu verhindern: Der Kurzzeitbekannte versucht für einige verzweifelte Sekunden, den Reißverschluss zu öffnen. Vergeblich. Er klemmt. Schließlich gelingt es Muriels Beinahe-Lover doch noch – allerdings öffnet sich nicht die Lederhose, sondern der Reißverschluss des Sitzsacks, der explosionsartig Tausende von weißen Polystryrol-Kügelchen ins biedere Jugendzimmer schießt.

In dem Film „Muriels Hochzeit“ von 1994 muss der gebeutelte Sitzsack sein Innerstes nach außen kehren und damit den eindeutigen Tiefpunkt seiner Rezeption erleben. Kuhfellmuster und eine Explosion als Orgasmus-Substitut – ein echtes Sakrileg, kann der flexible Muff doch in Wirklichkeit auf eine lange und bewegte Geschichte zurückblicken.

W as haben sich Möbeldesigner den Kopf übers Sitzen zerbrochen. Verner Panton entwickelte den Amoebe Highback, Eero Aarnio den Ball Chair, Ludwig Mies van der Rohe den Barcelona Chair, Arne Jacobsen das Ei. Alle schön und gut und neu. Doch nur ein Designertrio hob die Welt des Sitzens wirklich aus den Angeln: Piero Gatti und seine beiden inzwischen verstorbenen Kollegen Cesare Paolini und Franco Teodoro. Sie schufen anno 1968 den ersten Sitzsack überhaupt. Sein Name war „Sacco“.
Damals konnten sie nicht ahnen, dass sie mit „Sacco“ einen modernen Klassiker schaffen würden, der gegenwärtig schon wieder eine Renaissance erlebt und dessen Enkel nicht nur private Wohnzimmer, sondern auch Hotellobbys, Lounges und Bars wie die Kreuzberger Rosa Bar schmücken. Zahllose Folgemodelle wie „Sitting Bull“ oder „Fatboy“, das Kuschelkissen der gleichnamigen niederländischen Firma, die neuerdings Sitzkissen vertreibt, die bei Körperkontakt die Farbe wechseln können, kopieren das revolutionäre Konzept der Italiener: Nicht der Mensch schmiegt sich dem Möbel an, sondern das Möbel dem Menschen.
„Uns interessierte der Entwurf von Möbeln, die so flexibel wie möglich sein und sich an unterschiedliche Situationen, Haltungen und physische Strukturen angleichen sollten“, erklärt Piero Gatti. „So fingen wir an, über ein Material nachzudenken, das über diese Anpassungsfähigkeit verfügt. Wie der Schnee, in den sich jemand fallen lässt und einen Abdruck hinterlässt, oder ein Fluidum wie Wasser.“

Inspiration für den gewagten Entwurf waren die Bauern in Norditalien, die früher Kastanienlaub aufsammelten, um damit ihre Matratzen auszustopfen. Piero Gattis Team probierte es zunächst mit Wasser und Sand, doch die Experimente scheiterten aufgrund des massiven Gewichts. Schließlich folgten teure und fragile Tischtennisbälle, aber erst mit den extrem leichten aufgeschäumten Polystyrol-Kügelchen konnte das Zeitalter der Ergonomie beginnen: ein Begriff, der bis dahin im Möbeldesign kaum eine Rolle spielte.

Doch Gatti und seine Mitstreiter glaubten anfangs selbst nicht so recht daran, dass die Welt reif ist für ihre Erfindung, zumal der Erstling aus durchsichtigem Plastikstoff war. Nach Fertigstellung des Prototyps landete das Konzept zunächst in der Schublade. Erst als ein amerikanisches Magazin das Foto des ersten transparenten Sacks veröffentlichte, nahm die Sitzkissenschlacht ihren Anfang – der Einkäufer der Kaufhauskette „Macy’s“ witterte ein großes Geschäft, rief in Italien an und bestellte bei den vollends überraschten Designern nicht weniger als 12 000 Stück.

Mit Aurelio Zanotta fanden die Designer dann einen begeisterungsfähigen Möbelfabrikanten, der bis heute über eine Million Sitzsäcke in alle Welt verkaufte, allein 12 000 im Jahr 2008. Ein Exemplar hat es sogar als Ausstellungsstück bis ins New Yorker MoMA geschafft, die italienische Post druckte ihn auf Briefmarken. Der Sitzsack ist darüber hinaus ein Designerstück, das man sich schon eher leisten kann als einen Barcelona Chair. Das preisgünstigste Original kostet 350 Euro. Je nach Bezug wird es dann schnell teurer. Die Bandbreite reicht von einfachem Stoff bis zu elegantem, aber klebrigem Lackleder.

„Enjoy the ,A-h-h-h …‘-Sensation for yourself“ – so wirbt eine amerikanische Sitzsackseite mit Nähanleitungen. Und genau darum geht es: um den Ahhh- Effekt. Während der Sitzsack in den späten Sixties ein Symbol für sich auflösende Formen, Aufmüpfigkeit und antibürgerliches Wohnen war, ist er heute das geeignete Instrument für das gemächlichliche Aussitzen der Krise. Der kühle Wind der Rezession kann draußen ruhig ums Haus pfeifen, solange der Sitzsack drinnen einen Spielfilmabend in Embryonalstellung ermöglicht.

Sitz gerade! Rutsch nicht so herum! Diese elterlichen Ermahnungen führen die rebellischen Möbel auch im Jahr 2009 ad absurdum. Selbst Orthopäden entpuppen sich als Verfechter dieser Sitzmethode, die wie gemacht ist für Computerarbeiter.
Sogar die Recamière, jenes bettähnliche Sitzgruppen-Liegeelement, das gegenwärtig in Mode ist, verblasst neben dem etwa drei Kilogramm leichten Sack – und der hat neuerdings sogar ein eigenes Lied. Die britische Electro-Easy-Listening-Band Stereolab hat dem Sitzsack die schönste Plätscherhymne geschrieben: „Neon Beanbag“, den ersten Song des aktuellen Albums „Chemical Chords“. „But there’s nothing to be sad about, really nothing to feel bad about“, heißt es darin. Alle Sorgen sind vergessen, sobald man einsinkt in das weiche Kugellager, das jedem noch so breiten Gesäß wahllos nachgibt.

Nur das Aufstehen könnte ein Problem darstellen – man ist wie die berühmte Fliege im Marmeladenglas auf fremde Hilfe angewiesen. Auch das Tragen enger Röcke empfiehlt sich nicht. Vielleicht die einzigen Schattenseiten des Alt-68ers, der faltig zwar und ein bisschen plump, aber dennoch schlussendlich ein Sack der Freiheit ist.

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