Zu Hause : Das Kupfer-Castell

Ein Haus aus Blech? Vor 80 Jahren wollte eine Schmiede so das Bauen revolutionieren. Einige der Kupferhäuser stehen noch – auch in Berlin

Ein Kupferhaus in Dahlem.
Ein Kupferhaus in Dahlem.Mike Wolff

Kupferstolz“, so heißt das Modell. Auch wenn es sich gar nicht so stolz gibt: Dem weiß gestrichenen Haus im traditionellen Landhausstil mit grünen Fensterläden und relativ modernem Pyramidendach aus Bitumenschindeln, ist auf den ersten Blick gar nicht anzusehen, dass es aus Kupfer ist.

Den vornehmen Oldtimer in Dahlem hat Anja Streicher vor zwei Jahren gekauft. Ganz spontan, sagt die Ärztin und Mutter zweier kleiner Kinder, die niemals geplant hatte, ein eigenes Heim zu besitzen. Ein Bekannter von ihr hatte dort gewohnt. Schnell war sie begeistert: von der wunderschönen Lage und der ungewöhnlichen Architektur des Hauses – und von seiner besonderen Geschichte.

1931 hatte Europas größter Buntmetallproduzent, die „Hirsch Messing- und Kupferwerke“ in Eberswalde-Finow, eine katalogreife, fortschrittsverheißende Musterhaussiedlung gebaut. Als Fassadenverkleidung hatten die Hirsch-Werke ein schwarz-grün oxidiertes Kupferblech ersonnen, so wie man es von Kirchtürmen her kennt. Für die Innenwände der in schlichter Holzrahmenkonstruktion gebauten Fertighäuser kam wie bei einer Blechdose ein sogenanntes „Wohnstahlblech“ zum Einsatz, ein praktisch abwaschbarer Tapeten- und Kachelersatz, den man wohl Amerika abgeschaut hatte. Dort ist solch eine Art Wandverkleidung in alten Bars und nostalgischen Bäckereien noch heute zu sehen.

In den 30er Jahren sollten von den innerhalb 24 Stunden schlüsselfertigen Montagehäusern hunderte vom Band laufen, sollten nicht nur in Berlin und Brandenburg, sondern überall auf der Welt bezahlbar innovativen Wohnraum von der Stange liefern. Die Luftkammerdämmung galt als Sensation: 16 Lagen Aluminiumfolie und Spezialpappe schichten sich zwischen den Kupferplatten und dem „Wohnstahlblech“ übereinander. Die Sandwichisolierung entsprach, wie es die Hirsch-Werke ihren Abnehmern verhießen, einer Ziegelmauer von 220 cm. Im Winter war der Kohleverbrauch damit angeblich um 50 Prozent zu reduzieren. Selbst im Sommer wäre es in so einem Kupferhaus noch angenehm kühl. Bei zu großer Hitze ließen sich die Fassadenwände problemlos mit dem Gartenschlauch abspritzen.

Brandenburgs Kupferhäuser sollten bei allem fortschrittlichen Potenzial aber traute Heime sein, keine abgehobenen Architekturstatements. Der „Allkupfer“-Verkaufskatalog, mit hymnischen Adjektiven wie „entzückend“ und „wundervoll“ gespickt, liest sich heute wie ein Eigenheim-Knigge. Mit Eichendorffscher Romantik wurden die verschiedenen Typen des „idealen Einfamilienhauses“ angepriesen. Die Namen versprachen bürgerliches Wohlsein: Kupfercastell, Maienmorgen und Lebenssonne. Auch Bauhaus-typische Einbauschränke und durchrationalisierte Alltags-Raffinessen im Stil der „Frankfurter Küche“ wie das wegklappbare Bügelbrett fehlten nicht.

Wäre die Geschichte etwas anders verlaufen, hätte die Fertighausvision vielleicht ein kommerzieller Erfolg werden können, wie ihn später in Amerika zum Beispiel die Billigbau-Pioniere Levitt & Sons erzielten; diese bestellten 1947 auf Long Island ihren ersten Kartoffelacker mit preiswerten, vor Ort wie am Fließband zusammengebauten Einfamilienhäusern. Doch die hiesige Fertighausvision blieb, wie so viele andere vorfabrizierte Typenhäuser des 20. Jahrhunderts, eine Utopie. Die nicht vergessen ist: Vorletztes Jahr zeigte das Museum of Modern Art in New York eine Ausstellung über Fertighäuser, wo zwischen großen Namen wie Frank Lloyd Wright oder Marcel Breuer Eberswaldes Kupferhäuser nicht fehlten.

Am Ende sind in Deutschland aber insgesamt nur 46 der industriell gefertigten Klassiker realisiert worden. In Berlin sind zehn noch erhalten und stehen unter Denkmalschutz. Das Haus von Anja Streicher ist eins davon – mit 250 Quadratmetern ein sehr großzügig bemessenes Exemplar. Dessen originalgetreue Restaurierung allerdings weitaus aufwendiger und teurer als erwartet ausgefallen ist. Sorgfältig mußten sämtliche Wohnstahlbleche hinter Vertäfelungen, Tapeten und sonst was an Geschichte freigelegt werden. Viele Bleche waren gar nicht mehr erhalten – kaputt und durchlöchert, als hätte das Haus im Zweiten Weltkrieg unter Beschuss gestanden. Mit Kunstharz hat man ihre alten, ein wenig an Keksformen erinnernden Rhomben- und Kachel-Reliefprägungen restauriert. Nägel werden jetzt nicht mehr in die Metallwände kommen, sagt Anja Streicher, die erst vor wenigen Wochen eingezogen ist. Wahrscheinlich wird sie beim Bilderaufhängen mit Magneten arbeiten, um die restaurierten Bleche nicht gleich wieder zu zerstören.

In einem Kupferhaus zu wohnen, ist schon etwas Besonderes. Ziemlich hellhörig ist es. Auch Regen prasselt anders gegen blecherne Fassaden. Was aber vor allem auffällt, ist die lebensfreundliche Raumplanung. Kein Quadratmeter ist verschenkt, findet Anja Streicher. Die Kupferhausvertreiber hatten ihren Eigenheimabnehmern in vielen Punkten nicht zu viel versprochen. Die Klimatechnik, sagt der Berliner Architekt Jan Bassenge, der die Restaurierung vorgenommen hat, entspricht mit seinem Wärmedurchgangskoeffizienten noch heutigen Anforderungen.

Die Architekten der kupfernen Pionierleistung, Robert Krafft und Friedrich Förster, sind nicht weiter bekannt geworden. Sie hatten das Projekt damals direkt im Auftrag der Hirsch-Werke entwickelt. Für das traditionsreiche, im 19. Jahrhundert aus den Königlich-preußischen Messingwerken hervorgegangene Unternehmen, das im Ersten Weltkrieg noch mit der Produktion von Munitionshülsen rasant gewachsen war, sollte mitten in der Wirtschaftskrise ein neuer Markt erschlossen werden. Das zumindest war die Vision des findig dynamischen Unternehmertyp Siegmund Hirsch.

Auf der Internationalen Pariser Kolonialausstellung von 1931 holten die Brandenburger auch gleich einen „Grand Prix“. Aus der ganzen Welt trafen Bestellungen ein. Walter Gropius, der Guru des industriellen Bauens, wurde hinzugeholt. Er brachte einige entscheidende Verbesserungen an, wie die zur Isolierung verwendete Aluminiumfolie. Seine Vorschläge, die von Kritikern als hausbacken bemängelte Architektursprache zu modernisieren, fanden weniger Anklang. Viel Zeit für ausgeklügelte Strategien blieb ohnehin nicht. Die Hirsch-Werke gingen mit der Krise schon 1932 in die Pleite, und Siegmund Hirsch emigrierte wenig später nach London.

Einen letzten Vermarktungsversuch unternahm René Schwartz, der Schwiegersohn der jüdischen Unternehmerfamilie Hirsch. Inzwischen ohne Gropius gründete Schwartz die „Deutsche Kupferhausgesellschaft“, mit der nicht zuletzt eine zionistisch geprägte Familientradition fortgeführt wurde. „Kauft Kupferhäuser für Palästina“, war der neue Verkaufsslogan, als nach der Machtübernahme der Nazis immer mehr Juden nach Palästina flohen und anfangs noch ein gewisses „Umzugsgut“ mitnehmen durften. Die nun in Haifa, Jerusalem oder Tel Aviv umbenannten Kupferhäuser ließen sich dank Modulplattenbauweise reisetauglich auf 34 Pakete komprimieren. 14 Häuser wurden so verschifft.

Die bewegte Geschichte dieser innovativen Zukunftshäuser erzählen Friedrich von Borries und Jens-Uwe Fischer aufschlussreich und spannend in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Heimatcontainer – Deutsche Fertighäuser in Israel“ (edition suhrkamp, 160 S., 12 Euro). Dort ist auch zu lesen, wie die Fassadenbleche des Dahlemer-Kupferhauses zur Tarnung weiß angestrichen wurden. Kupfer galt nämlich ab 1941 als kriegstaugliches Material, und Gebäudeteile aus Kupfer mussten gemeldet werden. Inzwischen blättert der weiße Außenlack wie Herbstlaub von den alten Blechen. Demnächst soll die Fassade abgestrahlt werden, wird die Landhausvilla mit neuer grünlich-brauner Patinierung als kühner Exot seriellen Bauens wieder glänzen können.

In Eberswalde-Finow stehen alle acht Einfamilienhäuser noch. Doch Anbauten, neue Fenster und Fassadenteile haben den einstigen Vorführhäusern zugesetzt. Für einen der heutigen Bewohner, ein sportlicher älterer Herr im Unterhemd, ist sein Besitz ein ganz normales Haus, wenn auch mit eigentümlichem Charakter. Ziemlich gewöhnungsbedürftig, findet der Lkw-Fahrer, der den Tapetenersatz bei sich inzwischen mit Holzpanelen verkleidet hat. Die Fassade aus Kupferplatten macht sein Leben auch nicht unbedingt sorgenfrei. Kürzlich, erzählt er, habe man ihm seine nagelneue Kupferdachrinne gestohlen. Da der Preis für Buntmetall stetig steigt, fürchtet er nun schon, sein Eigenheim könne irgendwann ganz unverkleidet dastehen.

Im historischen Wasserturm in Eberswalde/Finow ist eine empfehlenswerte Ausstellung zur Geschichte der Kupferhäuser zu sehen. www.wasserturm-finow.de

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