Zu Hause : Das Sofa auf der Couch

Ein Möbelstück ist zum Symbol für Stubenhockerei geworden – was unsere Autorin sehr schade findet. Ein Plädoyer für das Sofa.

Pascale Hugues

Armes Sofa. Wenn es je ein ungeliebtes, ein in Verruf geratenes, ein verachtetes Möbelstück gab, dann ist es das hier. Von rücksichtslosen Hinterteilen so gequält, dass es seine Form verloren hat, von all den müden Körpern verschlissen, die sich auf ihm gewälzt haben, fristet es sein Dasein erschöpft in einer Wohnzimmerecke. Und all die Gemeinheiten, die über das Sofa verbreitet werden! Es trägt die Verantwortung für die übergewichtigen Kinder. Diese Couch-Potatoes, die ganze Nachmittage reglos in seinen Tiefen festsitzen und fernsehen oder frenetisch auf den Knöpfen ihrer Playstation herumdrücken. Auch an der eingeschlummerten Libido der Paare ist es schuld. „Stehen Sie auf! Kommen Sie vom Sofa hoch!“, so befehlen die Beziehungsratgeber unisono. „Gehen Sie ins Kino, besuchen Sie Ihre Freunde. Bringen Sie Leben in Ihre Paarbeziehung!“ Als Symbol für Passivität und Fantasielosigkeit ist das Sofa der sichere Tod der Leidenschaft!

Und das ist noch nicht einmal alles. Das Sofa ist das Sinnbild schlechthin der Spießigkeit. Der Kauf einer dreiteiligen Polstergarnitur im Möbelhaus – Sofa und zwei Sessel – kommt einer Kapitulation gleich. Dieses schwere und schlecht zu transportierende Teil zeigt, dass Sie sich mit einer Durchschnittsexistenz abgefunden, vom ungebundenen Bohèmeleben verabschiedet haben. Es beginnt zaghaft mit einem Futon, doch am Ende steht immer ein Sofa als Zeichen für Sesshaftigkeit und Verbürgerlichung.

Anders als der hunderte Male neu erschaffene Stuhl inspiriert das Sofa die Designer fast gar nicht. Gut, Salvador Dalí hat Marilyn Monroes üppige Lippen zu einer Sofaskulptur gestaltet. Nicht leicht in ein gemütliches Wohnzimmer in Zehlendorf zu integrieren. Jasper Morrisons minimalistisches Sofa ist wirklich schön, aber schrecklich unbequem. Unmöglich, sich abends mit einem dicken Roman darauf zusammenzurollen. Mit seiner ungewöhnlich steilen, zweigeteilten Rückenlehne ist das von Charles und Ray Eames ursprünglich für ihr eigenes Haus entworfene Sofa so weich wie das Nagelbrett eines Fakirs. Nein, das Sofa kitzelt die Fantasie nicht, fordert die Kreativität nicht heraus. Es erstickt unter seinen Kissen und Decken, ein platzraubendes, doch unvermeidliches Möbelstück, mit dem man im Grunde nicht viel anfangen kann.

Kein Wunder, dass Franzosen und Deutsche in ihrer jeweiligen Sprache das Sofa in eine Beleidigung eingebaut haben. In Frankreich spricht man von der „promotion canapé“, der „Besetzungscouch“: Wenn eine Frau in der Hierarchie eines Unternehmens oder einer politischen Organisation schnell vorankommen will, streckt sie sich auf dem Sofa aus und lässt vor dem Chef ihre Reize spielen. Die in den Spielen der Verführung traditionell weniger bewanderten Deutschen haben einen anderen verächtlichen Ausdruck erfunden: „Hier sieht’s aus wie bei Hempels unterm Sofa!“ Das Sofa auf derselben Stufe wie der Mülleimer – welche Demütigung!

Will man sich auf die Seite des Sofas schlagen, so darf man allerdings auch nicht übersehen, dass es normalerweise dem Fernseher gegenüber steht. Früher war es stummer Zeuge vertraulicher Mitteilungen, Geheimnisse, Umarmungen, während es heute die Sprachlosigkeit in den Familien begleitet. Kaum erinnert man sich noch an die Zeit, als die Franzosen das Sofa eine „causeuse“, eine Plaudertasche, nannten. Doch wenn die Gespräche verstummt sind, so ist das nicht dem Sofa anzulasten, sondern dem Fernsehen. Da ist der wahre Schuldige!

Tapfer erfüllt das Sofa seine Mission: auf demselben Terrain mehrere Menschen zusammenbringen, auf dass sie sich mühelos unterhalten oder gegenseitig wärmen können. Ein Sessel ist eine einsame Insel, ein Ort, an dem jeder für sich ist. Ein Sofa ist ein kollektiver Raum, wo die Körper zusammenkommen, sich einander nähern, sich berühren, sich zuhören und sich antworten. In den Tiefen der Polster spüre ich meinen unwilligen Nachbarn, der sich aufrichtet und die Pobacken zusammenkneift. Wie eine köstliche Welle pflanzen sich seine Lachsalven an meinem Rücken fort und stecken mich an. Die Gefühle teilen sich mit, sie vervielfachen sich und ziehen immer größere Kreise. Das Lachen ist kommunikativ. Der Zorn vernehmbar für alle.

Dabei war das Sofa ursprünglich ein sehr vornehmes Möbelstück. Das Wort „soffa“ kommt aus dem Arabischen und bedeutet „Kissen“. Das Wörterbuch der Académie française bezeichnet das Sofa als eine Art Podest, von einem Teppich bedeckt. Hier gab der auf der Seite ruhende Großwesir seine Audienzen, hier empfing er die Gesandten und hohen Würdenträger. Zu den Europäern findet das Wort erst spät, nämlich im 17. Jahrhundert. In der Mitte des 19. Jahrhunderts hält das Sofa seinen Einzug in die Innenausstattung. Aber erst im 20. Jahrhundert wird es allen Bevölkerungsschichten zugänglich und erobert die Wohnzimmer von Hinz und Kunz. Mit seinen Polstern und Ornamenten, seinen geschwungenen Linien und Schnitzereien, seinem geblümten Stoff, seinem bestickten oder rotsamtenen Bezug wird es zum König des Wohnzimmers. Unter der Woche wird es von einem Laken bedeckt. Ausgezogen wird es nur am Sonntag, dem Tag des Herrn und der Kaffee-und-Kuchen-Gäste.

Vielleicht hat das Sofa seinen guten Ruf eingebüßt, weil wir die Kunst der Siesta verlernt haben. Abgesehen von Kleinkindern und Rentnern – wer gönnt sich denn heute noch den Luxus eines erholsamen Nickerchens nach dem Mittagessen? Dabei ist das Sofa doch das Bett für den Tag. Mittags um eins zieht man sich nicht aus und legt sich ins Bett. Doch für ein halbes Stündchen streckt man sich bekleidet auf dem Sofa aus, das zwischen Schlafen und Wachen steht. Ein Interregnum – ein Kompromiss. Wer in unserer so eiligen und so schrecklich effizienten Gesellschaft, in der jede Minute zählt, mitten am Tag ein Schläfchen hält, muss ein Faulpelz, ein Loser sein. Sich aufs Ohr legen, statt joggen zu gehen? Sich auf dem weichen Stoff eines Sofas zu räkeln, statt mit durchgestrecktem Rücken vor dem Rechner zu sitzen? Schande!

Und doch erlebt das Sofa seit einigen Jahren eine Renaissance. In den Lounges, in den Berliner Szenebars trinkt man seinen Cocktail auf einem Sofa statt einfach auf einem Stuhl. Ob Frühstücksfernsehen oder Vorabendserie, das Sofa gehört zur Ausstattung der Fernsehstudios. Bei Anne Will setzen sich die gewöhnlichen Deutschen aufs weiße Sofa, um ihr Schicksal zu beklagen – die Experten sitzen auf Sesseln. Das blaue Sofa der Buchmesse ist ein heftig begehrter Ort für Schriftsteller auf Werbetour. Die glücklichen Auserwählten dürfen hier ihr neues Buch vorstellen.

Das Sofa ist ein Ort, an dem die Gedanken sich entfalten können. Im Französischen spricht man im weiteren Sinne vom „Kanapee der Intellektuellen“ und bezieht sich damit auf ein Grüppchen, das unter sich bleiben möchte und so klein ist, dass es komplett auf ein Sofa passt.

Das Sofa steht für Lässigkeit. Man plaudert über die Kunst und das Leben. Ganz locker. Zwanglos. Das Sofa knüpft an die Tradition seiner femininen Cousine, der Récamière, an. Ein Möbel ohne Rückenlehne, das an der Wand steht und in den französischen Salons unter Ludwig XVI. seine Glanzzeit erlebt hat. Es heißt so nach Madame de Récamier, der Frau eines reichen Pariser Bankiers, berühmt wegen ihrer Schönheit, ihrem Charme und ihrem Esprit. Ihr Salon und ihr Sofa empfingen eine erlesene Gesellschaft. Chateaubriand, Benjamin Constant und Madame de Staël gingen hier ein und aus. Ein Gemälde von Jean-Louis David aus dem Jahr 1800 zeigt die in antikem Stil gekleidete Madame Récamier auf einem Sofa in pompejischem Stil. Die Schöne hatte nichts, aber auch gar nichts von einer Couch-Potato.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke

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