Zu Hause : Der dichtende Rasenmäher

Günter Kunert ist einer der großen Lyriker, vor 30 Jahren zog er von Berlin (Ost) aufs Land (West). Seinen Garten pflegt er nach dem Kunert’schen Gesetz: „Was wächst, wächst, was stirbt, hat Pech gehabt.“

Susanne Kippenberger
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Günter KunertFoto: Fabian Bimmer

Eine Adresse? Wozu braucht man eine Adresse, wenn man Dichter ist. Wer in Itzehoe aus dem Zug aus- und ins Taxi einsteigt, braucht nur Kaisborstel zu sagen, und schon weiß der Fahrer, wohin man will. Was nicht unbedingt daran liegt, dass die Schleswig-Holsteiner alle so begeisterte Lyrikleser sind. Aber von den 76 Einwohnern des Dorfes ist Günter Kunert (samt seinen Gästen) so ziemlich der einzige, der Taxi fährt. Ohne Hilfe würde man das alte Haus auch nur schwer finden. Ganz von Efeu bewachsen und von Bäumen verdeckt, sieht das alte Backsteingebäude selber wie ein Garten aus. Alles grün in grün. Günter Kunert liebt Grün.

Vor knapp 30 Jahren ist der Schriftsteller mit seiner Frau Marianne in das Streudorf gezogen. Die DDR war nicht mehr sein Land, Berlin nicht mehr seine Stadt, so fiel ihm das Weggehen nicht ganz so schwer. Dabei ist Kunert Berliner durch und durch: An der Chausseestraße, gleich neben dem Dorotheenstädtischen Friedhof geboren, ist er an der Köpenicker Straße aufgewachsen. Jahrelang hat er in Treptow gewohnt, bis er es dort nicht mehr ausgehalten hat: so nah an der Mauer. Dann zog das Paar an den nördlichen Rand der Stadt, in ein altes Haus mit großem Garten, „in die Halbnatur“. Damals schon hat sich sein Lebensrhythmus geändert, früher war er immer Nachtschwärmer und Langschläfer gewesen, in Buch zwitscherten ihn die Vögel wach. „In dieser kleinen Abgelegenheit habe ich ein Restchen Natur entdeckt, das tat mir gut.“ Er hat es als Kompensation gesehen.

Die Einsamkeit hat ihn in die alte Dorfschule in Kaisborstel gelockt. Er hatte genug von neugierigen Lauschern. Jetzt hat er keine Nachbarn mehr, ist nur noch von Mais umzingelt, ein paar Schafen, Kohlköpfen und Autobahn. Und Pferden, die der Dichter bemitleidet, weil „sie sich auf der Koppel zu Tode langweilen“. Deswegen unterhält er sich mit ihnen am Zaun, sagt ihnen, wie schön sie sind, streichelt sie, lädt sie ein, ihn zu besuchen. Die Kühe ruft er auch, „aber die wahren Distanz“.

Sein Garten ist das heilste Stück Natur, das Maulwürfe und Rehe hier finden können, deswegen fliehen sie zu ihm. Der Dichter ist der Einzige, der nicht mit Gift spritzt. Auch sonst lässt er dem Garten die Ruhe, die er selber so schätzt. Unkraut zupft er nicht, „nö“, das ist doch auch Grün, das den Boden bedeckt. Der schöne Fingerhut sät sich selber aus, „der Farn wird auch jedes Jahr größer“. Auf unserem Rundgang durch das weitläufige Gelände – mit zwei Klimazonen, wie der Hausherr erklärt, einer feucht-kühlen und einer sonnigen – hebt er einmal einen Zweig auf und wirft ihn über den Zaun. „So, das reicht für heute.“

Günter Kunert ist ein fleißiger Schriftsteller und ein fauler Gärtner. Na ja, nicht wirklich faul, aber er hat keine Zeit, ständig Rosen zu schneiden und Blumen zu gießen und Pflaumen zu pflücken, deswegen hat er auch keine Obstbäume gepflanzt, „das ist alles viel zu aufwendig“. Er schreibt zu viel, Gedichte, Erzählungen, Essays, Memoiren, Hörspiele, und reist zu viel, und malen tut er auch, er hat ja mal Kunst studiert. „Jetzt machen wir es so: Was wächst, das wächst, was stirbt, hat Pech gehabt.“ Der Lyriker freut sich an dem, was überlebt. Das ist es schließlich, was den Dichter interessiert: Leben und Tod. Vergänglichkeit. „Im Zittern der Blätter / erkenne ich meine Ängste. / Im reglosen Stein mein Wesen. / In der schorfigen Erde mein Alter“: So schreibt er in „Landleben“, einem seiner Naturgedichte in dem kürzlich (wie immer bei Hanser) erschienenen Band „Als das Leben umsonst war“.

Wenn er an der Schreibmaschine sitzt, guckt er ins Grüne, sieht den Blättern beim Fallen, den Wolken beim Ziehen zu, lauscht dem Wind, der hier immer weht. Da er mit den Hühnern, um halb zehn, ins Bett geht, wacht er oft früh um drei, vier Uhr auf. „Und dann springt sofort der Motor an, dann denke ich: Ich muss das Wort ändern!“ Der Garten ist ihm Inspiration, jeden Tag zieht er darin seine Runden auf den verschlungenen Pfaden, die er im Laufe der Jahre angelegt hat, setzt sich auf die Bank. Und immer stecken seine Füße nackt in den Schuhen. „Einstein hat auch keine Strümpfe getragen.“

Nie hat Günter Kunert aufgehört, sich über das Schauspiel, das ihm sein Garten bietet, zu wundern. Auf unserem Spaziergang staunt der Dichter seine eigenen Bäume an. „Diese riesigen Gewächse! Die waren mal sooo klein.“ Bis auf den großen Kastanien- und den uralten Apfelbaum hat er alles selbst gepflanzt, allein 60 Rhododendren, da war nicht viel außer Wildnis. Dabei hat er keine Ahnung vom Gärtnern gehabt, das meiste habe er viel zu dicht gepflanzt, „ich bin ja Dilettant“. Ein Stadtkind, das sukzessive erfahren hat, was es zu wissen gibt, vor allem durch Gespräche. Und Fehler. Die Rosen zum Beispiel sind fast alle eingegangen, „der Boden war nicht gut dafür“. Einen Plan hat er nie gehabt, das hat sich alles ergeben. „Eine Fläche war frei, also macht man was.“ Wie eine Insel aus Bäumen.

Zu den Menschen pflegt Günter Kunert eine ähnlich lässige Freundlichkeit wie zu den Pflanzen. Der viel gerühmte und preisgekrönte Autor freut sich, wenn er drei Mal in der Woche im Supermarkt im nahen Schenefeld einkaufen geht, da kennt er viele Leute, hält ein Schwätzchen, nimmt die weinende Frau, deren Mann gerade gestorben ist, in den Arm. Man kennt sich, man mag sich, aber zu eng ist man nicht. „Die Leute sind freundlich, anständig, hilfsbereit.“ „Rührend“ fand er es, als er jetzt gebeten wurde, im Park von Schenefeld eine Linde zu pflanzen, der Bürgermeister war auch dabei, und demnächst wird er einen Vers dichten, der dann neben der Schenefelder Linde hängt.

In seinem eigenen Garten wurde mancher Baum so hoch, dass er irgendwann gefällt werden musste, weil gar kein Sonnenstrahl mehr ins Haus drang. Die Stelle, an der die Fichte stand, fand der Klempner aber zu kahl, auf sein Drängen hin skizzierte Kunert einen lesenden Mann, und als er von einer Reise zurückkam, stand die fertige Skulptur da. Was er dafür bekomme? Der Handwerker war empört: Das sei ein Geschenk!

Die einzige Gartenarbeit, die Kunert mit großer Leidenschaft betreibt, ist das Rasenmähen. Man könnte auch sagen: das Traktorfahren. Denn der Kunert’sche Rasenmäher ist riesig, „das ist ein richtig guter, der Mercedes unter den Rasenmähern“. Mit Automatik, damit kann der begeisterte Autofahrer sich auf der Stelle drehen wie ein Artist auf dem Zirkuspferd. Wie oft er mäht? „Nach Lust und Laune und Wetterlage.“ Trocken muss die Wiese sein, also meist am späten Nachmittag, „dann ist der Tau auch in den dunklen Ecken weg“. Überhaupt ist er technisch gut ausgestattet, eine Kettensäge hat er auch. Allerdings hält der 80-Jährige sich jetzt etwas zurück, mit Beil und Vorschlaghammer das Holz hacken, das darf er nicht mehr, hat der Arzt gesagt, im letzten Jahr hatte er mehrere OPs, „da bin ich rumgekrochen wie ’ne matte Wanze“, sagt er und lacht, wie oft, verschmitzt. Günter Kunert ist ein bekennender Melancholiker, aber ein fröhlicher. So wie er zwar Rationalist ist, aber seinem eigenen Rationalismus skeptisch gegenübersteht. Sagt’s und lacht sich kaputt.

Von den sieben Katzen, die zur Familie gehören, irgendwie scheinen es immer sieben zu sein, ist heute keine einzige zu sehen. Gerade deswegen mag er sie, weil sie so eigenwillig sind. Und so beruhigend. Sie haben es gut in Kaisborstel, bekommen Krabben zum Frühstück serviert, dürfen sich auf die Schreibmaschine legen. Und wenn sie sterben, werden sie in einer Ecke des Gartens begraben.

„Es ist“, sagt Günter Kunert, „eine nicht genau definierbare Beziehung, in der wir zusammenstehen: der Garten und ich. Ich und der Garten.“

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