Zu Hause : Der grüne Rebell

Der Regensburger Stadtgraben ist voller Müll – bis ein Aussteiger kommt und Ordnung schafft. Illegal pflanzt er Salat, Rosen, Brokkoli, Kohl und verschenkt die Früchte seines Gartens.

Kerstin Decker
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Amaro beim Pflanzen.Foto: Ralf Strasser

Ganz Regensburg weiß, wo er wohnt. In der Grube vor der Stadt. Es ist eine sehr tiefe Grube, genau dort, wo Kaiser Marc Aurel einst seinen vierten Grenzturm baute zur Abwehr der barbarischen Germanenstämme. Es hat ihm nichts genutzt. Der Aussteiger ist immer da, sagen die Regensburger.

Die Unesco-Welterbestadt Regensburg besitzt genau 983 Sehenswürdigkeiten. Der Aussteiger ist die 984ste. Er hat die alte, vermüllte Römergrube zum Garten gemacht, zum Wohngarten. Und seit drei Jahren gucken ihm alle beim Wohnen und Gärtnern zu.

Im vergangenen Herbst wuchsen hier große Sonnenblumen und unzählige Kohlköpfe neben einem großen Herz, gelegt aus Ziegelsteinen. Etwas später waren die Sonnenblumen weg, weil ein spät aus den Kneipen der Altstadt heimkehrender Gast „mit meinen Sonnenblumen Schwertkampf gespielt hat“. So wird der Gärtner das nachher nicht ohne Schmerz erklären. Ein Sonnenblumenmassaker. Dafür konnte man im nunmehr entblümten Garten die Riesenspinne besser erkennen. Sie war ganz aus Spinat. Und den Rettich-Notenschlüssel. Und die Sonne aus Rotkraut.

Jetzt ist es April, keine Sonnenblume nirgends, kein Rettich. Aber der Spinnenspinat steckt schon die ersten grünen Fühler aus der Erde. Und die Salatschrift ist auch wieder da: „Amaroland“ liest der Hinabschauende in schnell wachsenden Feldsalatbüschelbuchstaben. „Amaro“, hat eine Mitguckerin in dem fast flüsternden Tonfall der Wissenden erklärt, „ist der Künstlername des Gärtners“.

Für die prosaischer gestimmten Regensburger ist Amaro nur der gärtnernde Obdachlose. Oder gar der Hartz-IV-Empfänger mit Stadtgarten.

Aber wo steckt er? Egal ob morgens, mittags oder abends – nie war er zu sehen.

Wie verabredet man sich mit einem Aussteiger? Mit einem, der schon vor Jahren alles weggeworfen hat, was andere glauben, zum Leben nötig zu haben. Zuerst den Personalausweis, dann den Führerschein und alle Chipkarten. Alles, was uns erfassen, einordnen, katalogisieren, systematisieren möchte.

Fast niemand weiß, wie er wirklich heißt. Es sei nicht wichtig, wird er sagen. Und als die Lokalzeitung sich nicht davon abbringen ließ, seinen Namen zu nennen, sagte er ihr eben einen falschen. Das ist nur Konsequenz. Aber wer hält die durch? Musste sie nicht irgendwo eine schwache Stelle haben? Und wirklich: Der Aussteiger besitzt ein Handy!

Er wartet oben auf der Brücke. Da steht kein vom Dasein Beschädigter, im Gegenteil. Lebenstüchtiger kann man nicht aussehen. Amaro ist ein höflicher Mensch. Er will dem Gast die Verlegenheit ersparen, allein über die Mauer zu ihm in die Tiefe klettern zu müssen. Es sieht ohnehin jedes Mal sehr illegal aus. Also machen wir das zu dritt, denn Amaros Freundin ist auch mitgekommen. Sie ist Regensburgerin seit sieben Jahren und der einzige Grund, warum er, Markus Frowein – „Frowein ohne h“ –, gebürtiger Sauerländer, die Stadt jemals betreten hat. Die Umstehenden registrieren aufmerksam, wie beschwerlich es sein kann, den eigenen Garten zu betreten.

Unwillkürlich sucht man in Markus Froweins Gesicht, in seiner Sprache nach etwas, das sein Anderssein verrät, es zumindest erklärlicher macht. Aber da ist nichts. „Vorsicht, die Primeln!“, sagt Amaro. Die angebundene Metallleiter endet knapp neben einer blauen. Eine Frau hat die Palette Blumen vor ein paar Tagen an ein Seil gebunden und von der Brücke aus hinuntergelassen. Er hat sie gleich eingepflanzt. In seinem Garten wächst grundsätzlich nur, was er geschenkt bekommt. „Sehen Sie die Rose da?“, Amaro zeigt auf ein paar junge Triebe an einem unscheinbaren Dornenstock, „die hatte jemand weggeworfen. Die war fast vertrocknet, aber bei mir hat sie schon 51 Blüten gehabt.“ Er hat sie alle gezählt. Ein geschenkter Garten?

Nicht ganz. Denn was er erntet, schenkt er den Regensburgern zurück. Brokkoli, Kohlrabi, rote Beete. Und fast zwei Zentner Salat im vergangenen Jahr. Aber auch wer kein Gemüse abbekommt, fühlt sich beschenkt. So, findet der Gärtner, sollte das Leben sein. Ein ewiger Kreislauf des Schenkens und Beschenktwerdens.

Amaro hat einen Blick, als müsste der Besucherin irgendetwas auffallen. Und tatsächlich: Unter dem Brückenbogen steht ein Gartenhaus aus Holz. Unten die Tür und ein Fenster mit Blumenkasten davor, oben noch ein Fenster. Darum sieht es aus wie ein Haus, obwohl Amaro im Grunde nur den Brückenbogen mit einer Holzwand gefüllt hat. Er schließt die Tür auf. Drin ist es gleich zehn Grad kälter. Kälte hat ihn noch nie gestört. Ein Campingbett mit Schlafsack steht da, ein aufgebocktes kaputtes Fahrrad, von oben hängt eine Glühbirne herunter. Will Amaro Licht, muss er erst eine Viertelstunde Fahrrad fahren.

Die Aprilsonne scheint, wir stellen drei Stühle vor die Tür. „Auf die Terrasse“, sagt Amaro. Behaglicher, bürgerlicher kann man nicht leben: Vor seinem Haus mit Blumenkasten sitzen und in die Sonne blinzeln in einem der schönsten Gärten der Stadt. Von oben schauen die Regensburger und Touristen.

„Am 23. April 1809 zog Napoleon durch diesen Graben in die Stadt ein. Mit 15 000 Soldaten“, sagt traditionsbewusst der Gärtner, dreht sich eine neue Zigarette und bläst den Rauch in die Primeln, „also genau vor 200 Jahren. Am 23. April habe ich Geburtstag. Da werde ich 39. Wissen Sie, wie alt Napoleon damals war?“

„39?“

„Genau.“

In Augenblicken wie diesem weiß Markus Frowein aus Marsberg im Sauerland ganz genau, dass es richtig war, mit Chipkarten, Personalausweis und Führerschein sein ganzes bisheriges Leben in die Tonne gesteckt zu haben. Es war ein Leben als gelernter Landwirt und praktizierender Postbote gewesen.

Zum zehnjährigen Boten-Jubiläum bekam er von der Deutschen Post ein Maniküre-Set geschenkt. Noch nie hatte er sich so erschrocken. Und er fragte sich, was er wohl nach den nächsten zehn Jahren bekäme. Aber noch, sagte er sich, ist es nicht zu spät. Da war er Anfang 30 und ging auf eine winterliche Wanderung durch Norddeutschland. 2000 Kilometer. Ohne Geld, nur mit Schlafsack. „Ich wollte wissen wie das ist, so ohne alles zu leben.“ Unsere Vorfahren hätten wohl gesagt: sich ganz in Gottes Hand zu begeben.

Sie hat ihn gut festgehalten. Hartz IV hat er noch nie genommen, denn das verteilt eine andere Hand. Die macht klein und noch viel unfreier, als ein Postbote mit Maniküre-Set je sein könnte. Und jetzt verknüpfen ihn unsichtbare Fäden des Schicksals mit Napoleon. Und die Regensburger bringen ihm Blumensamen, stecken Geld in seine Milchkanne auf der Brücke – einmal waren 70 Euro drin – und Briefe, in denen steht: „Lieber Paradiesgärtner, vielen Dank, dass Du zu uns gekommen bist …“

Eigentlich mag der ungewöhnlichste Gärtner des Landes keinen Besuch. Weil der so leicht auf seine Beete tritt. Das tut ihm jedes Mal weh. Vielleicht unterscheidet ihn von uns Normalgärtnern, Normalbesitzenden, Normalverbrauchern nur, dass ihm mehr weh tut. Dass er nicht sagen kann, was sagen können muss, wer einigermaßen glatt durchs Leben kommen will: Das geht mich gar nichts an!

Was geht dich das an?, fragte seine Freundin, als sie zum ersten Mal gemeinsam über die Brücke wollten und Markus Frowein wie alle hinunterblickte: Müll! Nichts als Müll da unten! Das war vor drei Jahren. Sein Verstand sagte ihm auch, dass er nichts zu schaffen habe mit dem fremden Müll der fremden Stadt. Aber das hatte schon in Berlin nicht funktioniert. Da hatte Markus Frowein den Strausberger Platz aufgeräumt, das Innere des Kreisverkehrs:

„Tagsüber hab ich da sauber gemacht, nachts hab ich da geschlafen.“

„Mitten im Kreisverkehr?“

„Natürlich“, antwortet Amaro, denn nirgends schlafe man behüteter und sicherer als im Innern eines Kreisverkehrs. Und am Berliner Ostbahnhof habe er die Sofas und Matratzen „von irgendwelchen Punks aus den Achtzigern“ entsorgt. Aber was er auch fortschaffte, immer erblickte er noch mehr Müll. Schließlich sah er nur einen Ausweg: Weg aus Berlin!

Aber wer entkommt schon sich selbst? Urbild Kindheit. In seinem Heimatdorf haben im Höchstfall mal drei Kippen auf der Straße gelegen. Also seilte Markus Frowein sich kurz darauf ab in die Regensburger Grube, band den Müll fest und zog ihn nach oben. Tagelang, wochenlang.

Und dann hatte er die Garten-Idee. Da gehörte die Grube noch einem, der hier einen himmelhohen Büroturm bauen wollte, was die Stadtväter schon genehmigt hatten. Das war sehr leichtsinnig, denn kurz darauf wurde die ganze Altstadt Unesco-Welterbe, und man weiß ja, wie die Unesco auf so etwas reagiert. Wie der Bauherr auf das Gartenprojekt reagieren würde, wusste Amaro nicht: „Ich war ein paar Mal im Büro des Investors, aber der wollte mich nicht sehen.“

Im letzten Jahr hat der Investor, der nie investierte, ihn noch verklagt. „Wegen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung. Ich hatte gerade einen Kräutergarten angelegt.“ Aber der Bauherr konnte ihm nichts anhaben, dazu war Amaro schon zu berühmt in der Stadt. Ein Professor für Strafrecht und Kriminalistik von der Universität meldete sich und bot an, ihn zu verteidigen. Kurz darauf war der Hausherr pleite, die Stadt atmete auf, und die Grube wurde zwangsversteigert. Den neuen Besitzer kennt Amaro noch nicht. Wozu auch? Was ist schon Besitz? Der wirkliche Eigentümer dieses Stücks vom Stadtgraben ist ohnehin er. Denn Eigentum erwirbt man – durch tätige Aneignung: „Ich würde mal sagen, das ist das sauberste Grundstück von Regensburg. Und vielleicht auch das schönste.“

Amaro prüft, ob die geschenkte Plane in der Erdmulde noch dicht ist, die ab sofort sein Regenwasser-Teich werden soll – endlich Wasseranschluss! –, als er ans andere Ende des Gartens zeigt: „Sehen Sie da, an der zweiten Primel von hinten sitzt wieder ein Schmetterling!“

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