Zu Hause : Die eigenen vier Räder

Früher waren sie in Treptow verhasst. Heute sind sie bei den Nachbarn beliebt – und die Warteliste für Interessenten ist lang: Innenansichten aus einer Wagenburg

Zosch und sein Wagen.
Zosch und sein Wagen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es ist ein unscheinbarer Uferstreifen, den Jürgen Hans seine Heimat nennt, eingerahmt vom Landwehrkanal und seinen Ratten auf der einen Seite und der Lohmühlenstraße und ihren Mietshäusern auf der anderen. Dort kommt er, den alle nur „Zosch“ rufen, durch den Regen über die Zufahrt gelaufen, schlank, schwarze Hose und Fliegerblouson, eine Schiebermütze auf den grau melierten Haarstoppeln. Er lacht zur Begrüßung und gibt als Erstes einen aus, in der Eckbäckerei gleich nebenan. „Machst du uns einen Kaffee?“, fragt er die Verkäuferin. „Gerne“, antwortet sie.

Vor 20 Jahren hat Zosch, der Zugezogene aus Koblenz, an diesem Ufer seinen Bauwagen aufgestellt, er sagt: „Ich wollte in einer Gruppe leben und meinen eigenen Rückzugsort haben.“ Also besetzte er mit einer Freundin kurzerhand diesen Flecken Land und gründete, ohne es zu ahnen, eine linksalternative Institution – die Wagenburg Lohmühle, die als Tummelplatz für Alternative und Punks begann und sich als Kiezwahrzeichen etablierte. Heute schauen hier Touristen auf der Suche nach dem wilden Kreuzberg vorbei, das sie in den Szene-Cafés nicht finden konnten – auch wenn die Wagenburg bereits in Treptow liegt. Gerade war wieder ein Fernseh-Team da, diesmal aus Kanada. „Für die sind wir das echte Berlin“, sagt Zosch und lächelt ironisch.

Wenn es so gießt wie an diesem Tag, ist von Romantik und Revolution wenig zu spüren. Die Wagen stehen unter triefenden Bäumen. Es riecht nach Rauch, die Öfen müssen befeuert werden, und das im Sommer. Jeder Gang zur Außendusche und zur Toilette kostet Überwindung. Zosch stapft zwischen den Wagen hindurch. Einer von ihnen, selbst entworfen, sieht aus wie eine riesige Wabe aus Holz, bunte Zirkuswagen gibt es, die meisten aber sind Bauwagen aus Metall.

Ringsum wuchern Büsche und Hochbeete mit Gemüse, Kräutern, Blumen. „Die ganz Harten waschen sich hier noch bis Ende Oktober“, sagt Zosch und zeigt auf einen Bretterverschlag mit Schlauch: die Dusche. Unweit davon steht eine schiefe Holzbaracke. Montags versammeln sie sich darin zum Plenum und besprechen, was ansteht. Basisdemokratie gab es nicht immer. Nachdem sie sich 1991 auf dem Platz niedergelassen hatten, lebten nie mehr als 20 Menschen zugleich dort – ein Gründungsstatut. Sonst, fanden sie, gehe der familiäre Charakter verloren. Regeln gab es damals keine.

„Wir waren ein Haufen Exzentriker“, sagt Zosch, „haben den Drogen zugesprochen und unsere Freiheit ausgelebt. Ohne Rücksicht auf Verluste.“ Aus dieser Zeit stammt auch sein Spitzname: dem Zischen einer Bierdose beim Öffnen der Lasche nachempfunden. „Aber, mal ehrlich: Immer nur saufen, kiffen, am Lagerfeuer sitzen – das wird auf Dauer langweilig.“ Zudem seien ihnen die Nachbarn „nicht zugetan“ gewesen. „Bei einer Räumung hätte sich niemand für uns eingesetzt.“ Nicht nur von außen drohte Gefahr, auch im Inneren kam es zu Spannungen. Immer mehr Bewohner fühlten sich durch die Exzesse gestört. „Wir mussten uns reglementieren, um bestehen zu können.“ Drei Regeln wurden aufgestellt: Keine Gewalt. Keine harten Drogen. Mitarbeiten. Wer die nicht einhielt, ging.

Es kehrte Ruhe ein in der Lohmühle. Die Verbliebenen pflegten ihre Beete und den Kontakt zu den Nachbarn gleich mit, erfolgreich, wie sich zeigen sollte. Als das Treptower Bezirksamt 1997 die Räumung der Wagenburg anordnete, haben Anwohner 2000 Unterschriften für die Lohmühle gesammelt.

Unter der Bedingung, sich als Verein zu konstituieren, durften die Bauwagen bleiben. Kulturbanausen e. V. entstand. Seither richtet die Wagenburg zwischen April und Oktober ehrenamtlich und gratis Jazz-Konzerte, Lesungen und ein Sommerfest aus. Gerade wurde der Pachtvertrag für das Gelände um fünf Jahre verlängert. 15 Euro Miete zahlt jeder monatlich – und muss für den Gegenwert von 300 Euro Arbeit für den Verein ableisten. Das wenige Geld, das Zosch zum Leben braucht, verdient er als DJ für afrikanischen Funk, oft organisiert er auch Straßenfeste mit.

Aus dem anarchischen Hedonismus ist ein ökologischer Pragmatismus erwachsen. „Wir sind nicht-kommerziell und versuchen, so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen.“ Zosch zählt auf: Die Stromversorgung erfolgt über Solarzellen. Erdlöcher ersetzen den Kühlschrank. Brauchwasser wird über eine Handpumpe im Zentrum der Wagenburg bezogen. Trinkwasser muss man bei Nachbarn oder an der Tankstelle per Kanister holen. Holz spenden Unterstützer. Was die Beete nicht hergeben, kommt aus dem Bioladen, auf Festen herrscht Fleischverbot, die Speisen sind vegan.

Zosch hält inne, als er das erzählt. Früher seien sie nicht so dogmatisch gewesen. „Die Gründergeneration war ausgeflippt und hat ihre eigenen Ideen umgesetzt. Die zweite Generation muss nun das Geschaffene erhalten, funktionieren. Ich beneide sie nicht darum.“ Die meisten von ihnen seien um die 30 Jahre alt, er selbst mit 52 der Älteste. Es gibt hier Studenten, Angestellte, Artisten, zwei Kinder. Die Wartelisten sind lang, Plätze werden nur frei, wenn einer auszieht. Der Einzug erfolgt für sechs Monate auf Probe in einen Gästewagen. Danach wird auf dem Plenum einstimmig entschieden, ob der Neuzugang passt, bevor er einen eigenen Wagen beziehen darf.

Der Platz, sagt Zosch, solle für alle Menschen sein, auch wenn sie nicht hier wohnen. „Dadurch ist viel los. Ein öffentliches Zuhause muss man aushalten können.“ Unlängst haben sie Schilder aufgestellt, weil ein paar Touristen durch die Fenster hineinfotografiert hatten. So offen der Platz ist – das Wageninnere ist privat.

Auch Zosch zeigt seinen bemalten Bauwagen nur selten. Er steigt die selbst gezimmerte Treppe hinauf und öffnet die Tür. Drinnen ist es schummrig, durch den Regen fällt kaum Licht ein. Der Innenraum ist rechteckig und überraschend geräumig für neun Quadratmeter. „Die Wagen“, erklärt Zosch, „sind alle gleich aufgebaut: Es gibt eine Kochnische, einen Allesbrenner, eine Sitzecke und ein Bett auf Fensterhöhe, damit man rausgucken kann und mehr Stauraum hat.“ Über dem Sofa hängt ein Ölbild, die Wände hat er mit Ornamenten verziert, dazu irgendwie noch ein Regal mit Platten untergebracht. Es ist nicht wirklich wärmer als draußen. „Aber wenn der Ofen an ist, dann kannste hier drin auch nackig sitzen“, versichert Zosch. Das Wichtigste sei die Isolierung: zweite Wände und ein doppelter Boden, mit Styropor dazwischen. Für 2000 Euro bekomme man so einen Bauwagen, für 5000 einen Zirkuswagen aus Holz.

Zosch blickt vom Fenster aus über die Wagenburg. „Wir haben inzwischen Unterstützer aus allen Parteien in der BVV und sitzen in Bürgerinitiativen. Je besser vernetzt wir sind, desto schwieriger wird es, uns loszuwerden.“ Meist ist er es, der den Mittler zwischen dem Mikrokosmos Wagenburg und dem Makrokosmos Berlin spielt. „Die Welt ist oft schneller als der Platz“, sagt er. „Über alle Anfragen und Veränderungen muss erst die Gemeinschaft beraten.“ Ab und an macht es ihn kribbelig, wenn auf dem Plenum jede kleinste Entscheidung ausdiskutiert wird. „Dafür bin ich einfach zu alt.“

Sein Zuhause verändert sich, wie auch er es tut. Drei Monate im Jahr verbringt Zosch nun in Bangladesch, wo er den Bau einer Schule koordiniert – ein Spendenprojekt der Wagenburg. Irgendwann möchte er ganz dort leben. Ist er auf Reisen, fehlt er als Arbeitskraft. Bislang sieht man ihm das großzügig nach. „Aber auf Dauer kann ich nicht die Regeln brechen, die ich selbst mit aufgestellt habe.“ Seine Zeit hier laufe ab, sagt Zosch. Aber das gute Gefühl ist noch da, morgens, wenn er aus dem Bauwagen tritt: Keiner neben, über, unter ihm. Um ihn nur Bäume, Wiese, Wasser. „Freiheit“, sagt Zosch.

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